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Ost und West · 1911-05-01 · Heft 5 (Mai 1911) · p. Seite 417 - 418

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 5 (Mai 1911)
Article
Einiges über Auffassung von Würden und Ehren im Judentum
Date
1911-05-01
Page
Seite 417 - 418 (sequence 4)
Language
German
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4-17 Dr. Max Steif: Einiges über Auffassung von Würden und Ehren im Judentum. 418 kleideten (Baba bathra 98a), und ein Sittenschildcrer, wie Salomo Alami (um 1391) unterlässt es nicht, spöttisch auch von jenen zu sprechen, die zur Zeit des Gottesdienstes [Bücher des Wissens mitbringen, um als Gel hrte ihres Volks zu gelten. In ähnlicher Weise lässt ein Salome dcl Medigo (geb. 1591) seinen Witz aus an den Leuten, die sich, um nur ja nicht A~erkannt zu werden, einen langen Gelehrtenbart wachsen lassen, wonach, wie er hinzufügt, auch Ziegen und Böcke dem Gclchrtenstande zuzuzählen wären, weil sie unstreitig die schönsten Bärtc trügen.1) — Wie beliebt dieses Thema übrigens auch bei den Dichtern damaliger Zeit gewesen, lässt sich unter anderem auch aus dem satyrischen Dialoge des italienischen Dichters Immanuel Franees (geb. 1636) ersehen, der seinem Spott hierüber folgenden Ausdruck zu geben weiss: B a a n ji: Mein Herz von flammendem Zorn erglüht, Dass der Titel Rabbi mich nicht ziert, Wenn mein Auge einen Toren sieht, Der als Rabbi der Menge imponiert. R e c h a b : Hör' auf meinen Rat,fauf ihn acht', In einen langen Mantel dich hüll'. Respektable Kleidung würdig macht, Setz' auf, nicht zu vergessen, eine Brill'. Don Bart lass wachsen, dass er werd' So lang, dass er bis zum Nabel walle. Denn dies für den Rabbi sich gehört, Der will, dass ihn respektieren alle. Aber man sympathisierte auch wonig mit jener Gattung von Gelehrten, die, gemäss einer Schilderung der Gelehrtenschulen in Polen durch den bereits genannten Salomo del Medigo, mit der Aneignung der jüdischen Wissenschaft es nur bezwecken wollen, Lehrer, Richter oder Schuloberhäupter zu werden; ..denn das sei eine schlimme Krankheit, sie mache das Würdige zum Gemeinen, und um anderer Zwecke willen wende man sich dem Studium, zu." — Noch schärfer geht R. Salomo Lurja (geb. 1510) mit ihnen ins Gericht, indem er klagt: „Der eigentlich Talmud kund igen gebe es nur wenig»1, dagegen der Hochmütigen viele, und keinen, der den ihm gebührenden Rang einnehmen wolle. Sobald einer derselben ordiniert sei, gebärde er sich als Meister und sammle für Geld Jünger um sich, wie die Adligen ihre Leibdiener." — Und ähnliche Worte des Tadels findet R. Jacob W7eil (um 1425) für gewisse Rabbiner Deutschlands, die kaum den Talmud verstünden, und sich doch herausnehmen, mit der Krone des Rabbinats hoff artig zu tun, aus Ehrgeiz, um an der Spitze zu stehen oder aus Gewinnsucht. — Aus alldem lässt sich aber durchaus nicht folgern, dass zu irgend einer Zeit sich innerhalb des Judentums eine anmassende, herrschsüchtige Hierarchie *) Der „hohe" Rabbi Löb (gest. 1609^ soll niemandem die Würde eines „Morenu" (eingeführt durch R. MeTr b. Baruch halevi 1365), der für gewöhnlich die Würde eines Chaber vorausging, vediehen haben, zu welcher übrigens, um rahbinische Funktionen ausüben zu dürfen, ausserdem eine besondere Qualifikation. Hattarah, vonnöten war. breit gemacht hätte, und dies weniger, weil von Seiten des Laienstandes, als vielmehr innerhalb der beteiligten gelehrten Kreise selbst jeder Ansatz hierzu schon im Keim unterdrückt wurde. Die scharfe Mahnung beispielsweise, die um jene Zeit des Tiefstandes einem zeitgenössischen Rabbiner R. Isserleins von diesem zugekommen: „Selbst wenn es einer allgemein anerkannten rabbinischen Grösse gestattet wäre* gemeinnützige Verordnungen aus eigener Machtvollkommenheit einzuführen, so darfst du dich nicht für eine solche halten!", sie zeigt es, wie wenig gerade diesem Stand im allgemeinen eitle Selbstüberschätzung oder Unfehlbarkeitsdünkcl zum Vorwurf gemacht werden darf. Dem muss man nur entgegenhalten, was z. R. ein französischer Theologe, Nikolaus v. Clomangis, über den Verfall der Kirche um oben diese Zeit ungefähr schreibt (vgl. Grätz, 8. Rand) oder was Thomas Buckle in seiner „Geschichte der englischen Zivilisation" über die Ueberhebung clor doch sonst ob ihrer Einfachheit und Sittenstrenge bekannten schottischen Prediger der presbyterianischen Kirche zu berichten weiss: „Unehrerbietig von einem Prediger zu sprechen, war ein schweres Vergehen, anderer Meinung zu sein als er, war Ketzerei; ja selbst auf der Strasse an ihm vorüberzugehen, ohne zu grossen, wurde als ein Verbrechen bestraft. Schon sein blosser Name galt für heilig, und damit er gehörig geschützt und wohl in Ehren gehalten werde, verbot eine Kirchenversammlung im Jahre 1642, den Namen eines Geistlichen in öffentlichen Blättern zu gebrauchen, wenn die Genehmigung des heiligen Mannes nicht vorher dazu eingeholt worden." — Das Ideal, das der Talmud von einem Lehrer des Judentums aufstellt, dass er „die Lehre weder als Krone gebrauchen sollte, um sich damit zu schmücken, noch als Spaten, um damit zu graben", ist mehr wie einmal erreicht worden, und R. Elieser b. Ghasma, von dem im Talmud erzählt wird, er wäre es zu berechnen imstande gewesen, wieviel Tropfen das Meer enthalte, und der sich trotz bitterster Not lange geweigert, irgendeine Würdenstellc zu bekleiden, hat unzählige Nachfolger gefunden, bis in die beginnende Neuzeit, an einen Elia Wilna, dem „Gaon" (geb. 1722). der sich dagegen verwahrte, als Manhig (Führer), Raw oder Dajan bezeichnet zu werden, oder an Samuel Low aus Kolin (auch nach seinem

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