Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Die Israeliten in Persien
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 365 - 366 (sequence 3)
- Language
- German
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365 Mitteilungen der Allianco Israelitc Universelle: Die Israeliten in Persicn. 306 wird. Die Juden leben in beständiger Aufregung, und ich weiss nicht, wie ich die Aermsten beruhigen soll. Seit einigen Monaten lebt in Schiras ein Oberpriester, ein Seyed Abdul Hussein aus Lari, derselbe, der vor drei oder vier Jahren alle Juden aus Lari vertreiben Hess. Dieser Hollah ist der eingefleischte Feind der Brüder Kawam, weil die?e vor zwei Jahren angeblich auf Befehl des Exschahs Mohammed Ali Mirza den Bezirk Lar vollständig verwüstet haben, nachdem dieser gegen die königliche Oberhoheit rebelliert hatte. Seitdem er hier wohnt, hatte der Seyed Abdul Hussein nicht von sich reden gemacht. Jetzt wirft er das Schweigen ab und erklärt infolge der letzten Ereignisse den Brüdern Kawam und den Juden offen den Krieg. Auf die Nachricht, dass unter dem Protektorat der beiden Gouverneure eine Sammlung zum Besten der Juden organisiert werden soll, fing er an, in den Moscheen zu predigen, dass es eine schreckliche Sünde wäre, den Ungläubigen zu helfen. Er behauptete auch, die Brüder Kawam hätten Tinter der Hand das Judenviertel plündern lassen, um sich die Schätze der Juden anzueignen, und wollten diese nun auf Kosten anderer entschädigen. Das Resultat der Sammlung, das ich Ihnen in meinem letzten Bericht meldete, hat sich seither kaum verändert. Es gibt noch traurigere Dinge. Vor ungefähr zwei Jahren ist eine hiesige Jüdin zum Islam übergetreten und trotz aller meiner Bemühungen ist es mir nicht gelungen, sie zu ihrem ersten Glauben zurückzuführen. Diese Abtrünnige weiss jetzt nichts Besseres zu tun, als in alle mohammedanischen Familien zu laufen und das sinnlose Märchen vom Ritualmord zu verbreiten. Sie behauptet, dass das kleine mohammedanische Mädchen, dessen in der Nähe des jüdischen Friedhofs aufgefundener Leichnam den Vor wand zu den Greueln des 30. Oktober abgegeben hatte, tatsächlich von einem der Oberrabbiner der Gemeinde getötet worden sei, dass dieser eine grosse Menge Watte mit diesem Blut getränkt und sie dann zu hohen Preisen an die Juden verkauft habe, die dem Blut der Mohammedaner grosse geheime Künste zuschrieben. Aehnliche Märchen finden bei den fanatischen Schiiten leicht Glauben und die schnellste Verbreitung. Am schlimmsten aber ist folgende Tatsache, ohne die das Unheil vom letzten Sonntag bei weitem nicht so schwer hätte sein können. Wie Sie wissen, leben von den vierzigtausend Familien der jüdischen Gemeinde von Schiras beinahe siebenhundert vom Ertrag des Hausiergewerbes. Dieses zugleich mühselige und demütigende Gewerbe besteht darin, dass die Juden im Bazar verschiedene Waren, wie Stoffe, WeissAvaren usw. einkaufen und in den mohammedanischen Stadtteilen und in den Dörfern verkaufen oder gegen allerhand Produkte eintauschen: gegen Eier, Geflügel, Felle, alte Sachen, Gummi, Getreide, Gerste und noch andere Dinge. Je nach der Gegend, in der sie Geschäfte treiben, und nach dem Umfang ihres Betriebs werden die Pilawars (Hausierer) in drei verschiedene Klassen eingeteilt. 1. Die kleinen Pilawars, deren Tätigkeitsgebiet sich nicht über die Stadt und ihre nächste Umgebung erstreckt, und die am frühen Morgen den Mehalla verlassen, um spät abends nach beendetem Tagewerk wieder dahin zurückzukehren. 2. Die Pilawars mittlerer Bedeutung, die in den 25 bis 40 Kilometer von Schiras entfernten Dörfern ihrem Geschäft nachgehen. Sie pflegen am Sonntag früh ihre Einkäufe im Bazar zu machen, am Sonntag nachmittag von Schiras fortzugehen und erst am Freitag abend dorthin zurückzukehren. 3. Die grossen Pilawars endlich arbeiten sowohl für eigene Rechnung Avie für Rechnung einiger reicher jüdischer Kaufleute. Am Tage nach dem Passahfest und nach Sukkoth verlassen sie Schiras mit ungeheuren Warenvorräten, die sie direkt an die einzelnen Stämme oder in den grösseren Städten des Innern verkaufen oder gegen Opium, Teppiche und Gummi eintauschen. Erst am Vorabend der grossen Feste kehren sie wieder zu ihrer Familie zurück. Ist es nicht ein merkwürdiges und unglückseliges, man kann wohl sagen gewolltes Zusammentreffen, dass die Plünderung des Judenviertels an einem Sonntag und gerade einen Tag nach dem Schluss der Herbstfeiertage stattgefunden hat, das heisst also zu einer Zeit, da alle Pilawars sich noch im Mehalla und im Besitz ihrer grösseren oder geringeren Barmittel befanden, und wo sie im Begriff waren, ihren Wanderberuf wieder aufzunehmen? Wenn dasselbe Ereignis zwei oder drei Tage später sich vollzogen hätte, wären 500 Familien weniger davon betroffen worden. Da unsere Glaubensgenossen in Pcrsien fast nie ein Handwerk ausüben, sind sie nach solchen Kalamitäten, wie sie eben die Juden von Schiras ereilt haben, aller Existenzmittel beraubt. Mit grossem Kummer überlege ich, wie diese Hunderte von Familienvätern einen neuen Broterwerb finden sollen, und auf welche Weise diesen Tausenden Notleidenden geholfen werden kann, bis sie selbst imstande sein werden, für sich und ihre Familien zu sorgen. Ich verteile jetzt täglich gegen 3500 Kilo Brot, was eine Ausgabe von ungefähr 250 Francs bedeutet. Mit einem Teil der von Ihnen gespendeten Hilfsgelder und den hier gesammelten ungefähr 8000 Francs werden wir für noch weitere fünfzig Tage Brot haben. Aber man muss auch noch andere Bedürfnisse berücksichtigen, muss den vielen Verwundeten helfen, denen Eier, Milch und andere Stärkungsmittel nötig sind, und muss den Tausenden von Armen, die unter der Herbstkälte leiden, Decken verschaffen und für alle Leute Kleider besorgen. Der französische Geschäftsträger in Teheran. Herr von Halgouet, hat dem hiesigen Konsularagenten telegraphiert, dass er bemüht ist, von der jsersisehen Regierung eine Unterstützung für die Israeliten in Schiras zu erwirken. Bei dieser Gelegenheit muss ich Ihnen mitteilen, dass die persische Regierung 20 Kharvars (ungefähr 65 Scheffel) Getreide für die unglücklichen Opfer ihrer Schwäche bewilligt hat; das bedeutet einen Geldwert von ungefähr 1000 Francs. In Uebcreinstimmung mit der Gemeinde habe ich selbstverständlich diese Unterstützung abgelehnt. Seit zehn Tagen halte ich mich über Nacht im englischen Konsulat auf, nachdem in der Nacht zum 2. d. M. eine bewaffnete Bande einen Angriff auf mein Haus versucht hatte. Zuerst versuchten sie, meinen Wachhund zu töten und beschossen, auf meinem Hof stehend, mein Haus. Elie sie aber grossen Schaden anrichten konnten, wurden sie von den Soldaten vertrieben, die sich während der ganzen Zeit in meinem Haus aufgehalten hatten. Seitdem wird das Haus von vier Kosaken bewacht. In der Stadt herrscht noch grosse Unsicherheit, und ich selbst mache mir immer mehr Feinde unter den Lutis, weil ich überall versuche, die Juden vor ihren Angriffen zu schützen und ihnen das geraubte Gut wieder zu verschaffen. Wie ich Ihnen bereits mitgeteilt, wollte ich am Sonntag, dem 6. d. M., die Schulen wieder eröffnen, ich habe aber diesen Plan wegen den fortgesetzten Unruhen in der Stadt aufgeben müssen, zumal die Eltern noch nicht gewagt hatten, ihre Kinder den weiten Weg vom Mehalla zu unseren Schulen gehen zu lassen. Ein am 30. Oktober verwundeter Jude hatte eine so schwere Verletzung am Schenkel, dass der Arzt die Amputation'des Beines für nötig hielt, denn die Wunde war bereits brandig geworden. Die ärztliche Hilfe war zu spät gekommen, der unglückliche Mann ist auf dem Operationstisch gestorben: er hinterlässt sechs unmündige Kinder. Einem anderen Mann musste die Hand amputiert werden; er befindet sich jetzt ausser Gefahr. Zwei weitere Verwundete werden schwerlich mit dem Leben davonkommen: ein Mann von 40 Jahren, dem eine Kugel durch den Magen gedrungen ist, und ein vierzehnjähriger Knabe, der einen Schuss in die Schulter und eine Lungenverletzung davongetragen hat. Der Zustand der übrigen Verwundeten ist zufriedenstellend. * * * Nachdem das Central-Comite die ersten Nachrichten über die schmerzlichen Vorkommnisse erhalten hatte, hat es sofort dem französischen Minister der Auswärtigen Angelegenheiten davon Mitteilung gemacht und hat die israelitischen Organisationen in London ersucht, die gleichen Schritte beim dortigen Auswärtigen Amt zu tun. Diese Behörden haben dem Central-Comite bestätigt, dass der französische Geschäftsträger und der Vertreter der britischen Regierarm in Teheran schon am ersten Tage bei dem persischen Minister