Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Die Israeliten in Persien
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 363 - 364 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2584006-2584011-2602812--11672-2602879- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
363 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Persien. 364 ihnen mit Gewalt die geraubten Gegenstände abzunehmen, die verantwortlichen Urheber der Ereignisse vom Sonntag festzustellen und zu bestrafen. Heute hat ein Haufen von Trauen und Mob gegen Kawam demonstriert, weil dieser wegen der Judenhunde die Muselmänner einsperre und ihnen die Bastonade gebe. Den Juden Avären nur die Schätze abgenommen worden, die sie auf Kosten der Mohammedaner gesammelt hätten. Dieser wahnwitzige Pöbel zog vor den Palast des Gouverneurs und schrie dort, die Religion Mahomets gehe zugrunde, der Islam würde vom Unglauben besiegt — kurz es fehlte nicht viel zum Ausbruch eines neuen Unglücks. Kawam lässt sich von diesen Volksdemonstrationen einschüchtern. Das vor zwei Tagen begonnene Strafverfahren ist eingestellt. Die bisher den Plünderern abgenommenen Sachen sind nicht der zehntausendste Teil von ■dem, was sie geraubt haben. Aus Teheran ist noch keine Nachricht gekommen. Wenn die Ruhe einigermassen in die Stadt einzieht, will ich am nächsten Sonntag die Schulen wieder eröffnen, schon damit ich den Kindern ein warmes Mittagessen geben kann. Selbstverständlich werden wir alle Kinder speisen müssen, die in die Schule kommen. Heute ist die Lage aller Juden in Schiras die gleiche: sie sind alle arm und unterstützungsbedürftig. N a t a f. Nachschrift: Soeben erhalte ich Ihre beiden telegraphischen Geldsendungen von 11 000 Francs. S c h i r a s, den 13. November 1910. Noch immer befinden sich die Israeliten in Schiras in sehr bedrängter Lage. Der Clan der Lutis, Seyeds und anderer Besessener fühlt sich durch die Apathie oder Schwäche der Behörden ermutigt und scheint keinerlei Strafe zu befürchten. Nicht genug, dass sie unsere Glaubensgenossen ausgeplündert haben, wollen sie sie jetzt vollständig vernichten. Fast jeder Tag bringt ein neues tendenziöses Gerücht, eine neue Anschuldigung gegen die Juden und immer von neuem wird der Mehalla von Ueberfällen bedroht. Bei den Ereignissen der letzten zehn Tage treffen viele unglückliche Umstände zusammen, und ich will versuchen, Ihnen ein Bild der Sachlage zu entwerfen. Mit immer grösserer Gewissheit darf man jetzt behaupten, dass die Brüder Kawam die Urheber des Pogroms vom 30. Oktober sind. Obgleich man dieses Urteil auf keinen bestimmten greifbaren Beweis stützen kann, — man würde wohl auch keinen finden — richten alle Vermutungen sich gegen diese Brüder. Die beiden Herren sind die Oberhäupter einer der beiden politischen Parteien, die das Land in zwei Teile spalten, und da ihre Partei die weniger starke ist, scheuen sie vor keinem Bedenken, auch keinem humanitären, zurück, wenn es gilt, dem mächtigen Gegner Saulat-ed- Dowlet, dem Haupt der Kaschgais, zu schaden. Die unvorsichtige Regierung hat die grosse Unklugheit begangen, ihnen die Verwaltung des Pars anzuvertrauen, indem sie den einen, Kawam-el-Molk, zum Gouverneur der Provinz, und den anderen, Nasr-ed-Dowlet, zum Militärgouverneur von Schiras ernannte, und "beide stellen jetzt rücksichtslos den Einfluss, den ihre hohen Aemter ihnen verschaffen, in den Dienst ihrer persönlichen Politik. Die Familie Kawam ist eine der ältesten und angesehensten im Pars und hat immer eine bedeutende politische Rolle in dem Lande gespielt, das seit langen Jahren keinen dauernden inneren Frieden gekannt hat. Sie hat zu diesem Zweck immer die schrecklichen Luti-Banden von Schiras zu ihrer Verfügung gehabt, die auf Kosten der Partei jederzeit bereit sind, die schlimmsten Unruhen hervorzurufen. Die Brüder Kawam haben gewusst, dass Saulat-ed-Dowlet, wie alljährlich um diese Jahreszeit, mit der Mehrzahl seiner Leute das gewohnte Lager in der Nähe von Schiras beziehen würde. Warum sollten sie dann nicht unter Beihilfe der in ihrem Solde stehenden Lutis den Handstreich auf das Judenvicrtel vorbereiten, die Legende von der Tötung des kleinen mohammedanischen Mädchens erfinden, den Mehalla gerade zu der Zeit plündern lassen, wo der politische Gegner in die Nähe der Stadt kommt, um dann die ganze Schuld und Verantwortlichkeit auf diesen zu wälzen? Andererseits ist aus zweierlei Gründen nicht anzunehmen, dass Saulat- •ed-Dowlet der Urheber der Vorkommnisse ist. Erstens hat das Haupt der Kaschgais, so oft es ihm bisher beliebte, Unruhen in Schiras anzuzetteln, sich dazu stets seiner offiziellen und geheimen Agenten bedient und hat dazu immer eine Zeit gewählt, da er selbst möglichst weit von der Stadt entfernt war. Sodann ist eine Tatsache nicht zu bestreiten: gerade die von Nasr-ed-Dowlet zum Schutz des Judenviertels abgeschickten Leute haben das Signal zur Plünderung gegeben. Als die von den Luti- Banden geführte und aufgestachelte Menge auf dem Rückweg vom Palast des Gouverneurs, bei dem sie Rache für das ermordete kleine Mädchen verlangt hatte, in das Judenviertel eindrang, hatte die Arbeit der Plünderer schon begonnen, und sie brauchten sie nur fortzusetzen, ohne Furcht vor Störung oder Unterbrechung. Andererseits haben die Brüder Kawam, seitdem sie die offiziellen Häupter der Stadt Schiras sind, stets behauptet, dass sie für die Sicherheit der Stadt nur auf 200 bis 300 arabische Reiter und eine Abteilung Kosaken rechnen können, die vor einem Jahr aus Teheran gekommen sind. Warum haben sie dann nicht gleich zu Anfang diesen Reitern den Schutz des Judenviertels aufgetragen, anstatt zerlumpte und verhungerte Soldaten hinzuschicken, die seit Monaten keinen Sold bekommen haben und nur von Diebstahl und Raub leben? AVarum haben die Herren Kawam und Nasr-ed- Dowlet, als der englische Konsul, der französische Konsularagent und ich sie baten, zur Beendigung der Plünderungen diese Reiter in den Mehalla zu schicken, uns geantwortet, sie konnten das nicht wagen, weil sie einen Zusammenstoss der Bevölkerung, der Soldaten, der Araber und der Kosaken befürchteten? Erst als das Viertel vollständig ausgeplündert war, wurden Massnahmen zur Wiederherstellung der Ordnung getroffen. Ist es nicht endlich sehr sonderbar, dass die Soldaten und die Lutis, die sozusagen einzigen direkten Urheber der Plünderung des Judenviertels, sich fortgesetzt der empörendsten Straflosigkeit erfreuen? Als kurz nach den Vorkommnissen des 30. Oktober Herr Smart dem Gouverneur Kawam-el-Molk auseinandersetzte, dass er den Einwohnern jedes Gefühl der Sicherheit nehme, wenn er bei ähnlichen Gelegenheiten nicht energisch vorgehe und die Urheber solcher öffentlichen Ruhestörung unbestraft lasse, antwortete ihm Kawam, er müsste bei Anwendung strenger Massregeln einen ernstlichen Aufstand in der Stadt befürchten; er verspreche aber die exemplarische Bestrafung aller Schuldigen, wenn die Regierung in Teheran ihm freie Hand lasse, je nach den Umständen zu handeln. Herr Smart erreichte in Teheran für Kawam plein pouvoir und die Erlaubnis, in der Stadt das Kriegsrecht zu proklamieren. Seit fünf Tagen steht nun Schiras unter Kriegsrecht, aber weder Kawam noch sein Bruder Nasr-ed-Dowlet. der Militärgouverneur der Stadt, haben die Plünderer des Mehalla auch nur im geringsten beunruhigt. Gegenüber dieser bodenlosen Gleichgültigkeit der öffentlichen Macht und dem augenscheinlichen bösen Willen der Behörden kennt die Frechheit der gewissenlosen Menge keine Grenzen mehr, Alle Teilnehmer an dem Handstreich sind anscheinend fest entschlossen, ihren Raub zu behalten und öffentlich zu benutzen. Durch das Verhalten der Behörden ermutigt, versuchen sie bereits, die Juden durch alle Mittel zu terrorisieren, damit diese jeden Versuch auf Wiedererhaltung ihres Eigentums aufgeben und zufrieden sind, wenn man ihnen das nackte Leben lässt. Am Samstag, dem 5. d. M., stürmte gegen Sonnenuntergang ein mohamedanisches Weib mit einer Bande Müssiggänger in das Judenviertel, und schrie unter verzweifelten Geberden, ihre Tochter wäre verschwunden. Wahrscheinlich hätten die Juden sie geraubt und umgebracht, um sich für die „paar Grobheiten zu rächen, die am vorigen Sonntag gegen sie begangen worden sind". Die schrecklichen gemeinen Begleiter der Frau fingen schon an, einzelne Juden tätlich anzugreifen und mit Totschlag zu bedrohen. Sie können sich vorstellen, welche schreckliche Angst unsere unglücklichen Brüder wieder ausstehen mussten. Ich machte Kawam sofort Meldung von dem Vonall, und er war diesmal barmherzig und schickte eine Abordnung Kosaken zur Bewachung des Mehalla. Es vergeht kaum eine Stunde, ohne dass eine neue Drohung von Angriffen auf das Judenviertel uns zugetragen