Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Die Israeliten in Persien
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 367 - 368 (sequence 4)
- Language
- German
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367 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Israeliten in Persien. 36S des Auswärtigen energische Vorstellungen gemacht haben, und dass sie nicht aufhören, die Regierung des Schahs auf das dringlichste um Massregeln zu ersuchen, die eine Wiederholung solcher fanatischen Vorgänge verhüten und allen Einwohnern Persiens den gleichen Schutz gewährleisten Das Central-Comite hat einige Glaubensgenossen in Paris zur Hilfeleistung für die unglücklichen Opfer von .Schiras herangezogen. Es hat eine nicht unbeträchtliche Geldsumme gesammelt, die telegraphisch nach Schiras. abgeschickt worden ist. Die vereinigten Comites der Londoner Wohlfahrtsanstalten, zu denen auch der Gemeindeverband der englischen Juden und die Anglo-Jewish Association gehören, haben ebenso wie die Israelitische Alliancein Wien dem Central-Comite aus eigenem Antrieb pekuniäre- Hilfe angeboten, wofür ihnen hier der herzlichste Dank ausgesprochen wird. DAS SCHULWERK DER ALLIANCE. Das Erziehungswerk wird von Jahr zu Jahr weiter entwickelt. Eine grosse Zahl von Gemeinden hatte bei der Alliance für den Beginn des Schuljahrs 1910 die Eröffnung neuer Schulen nachgesucht. Die wichtigsten Gesuche sind berücksichtigt worden. Aber es ist unmöglich gewesen, alle zu befriedigen, weil es sowohl an Mitteln wie an Lehrpersonal fehlt. Neu eröffnet wurden: eine Kleinkinderschule in Aleppo, eine gemischte Schule in Gumuldjina bei Adrianopel, eine Mädchenschule in Demotica (europäische Türkei), eine Mädchenschule in Rabat (Marokko) und eine Mädchenschule in Serres bei Saloniki. Endlich hat die Alliance mehr oder weniger bedeutende Zuschüsse für die Schulen von Daghamarni (Konstantinopel), Melas, Silivri und Tireh genehmigt, die sie damit unter ihre moralische und pädagogische Leitung nimmt. Fez. Der Direktor der Knabenschule Herr Elmaleh hat uns einen überaus interessanten Bericht geschickt, den wir im Auszug folgen lassen. Man wird mit Befriedigung daraus erkennen, dass die Wirkungen der zivilisatorischen Tätigkeit sich schon in den am meisten zurückgebliebenen Gegenden von Marokko fühlbar machen: I. Die politische Umwälzung in Marokko vom Jahre 1907 hat auch auf das Mellahlcben in Eez eine beträchtliche Rückwirkung ausgeübt. Diese Wirkung ist aus zwei verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten. Für die soziale Stellung, die die Juden seit undenklichen Zeiten hier eingenommen haben*, ist der politische Wechsel, sehr günstig gewesen; in wirtschaftlicher Beziehung jedoch leiden unsere Glaubensgenossen seit dem Sturz des Sultans Abd el Aziz bis heute noch unter den Folgen dieses Staatsstreichs. So liebenswürdig der Sultan Abd el Aziz sich auch gegen seine jüdischen Untertanen gezeigt hatte, er blieb doch stets der gestrenge Beobachter der Methoden seiner selbstherrlichen Vorfahren. Er hat nach keiner Seite die Lage unserer Glaubensgenossen verschlechtert, er hätte aber auch niemals geduldet, dass sie selbst ein etwas regeres Streben nach Freiheit bekundeten, oder dass eine von humanem Gefühl diktierte fremde Intervention zu ihren Gunsten sich geltend machte. Der kurze und stürmische Zeitraum, der zwischen dem Fortgang von Abd el Aziz und dem Einzug dos neuen Sultans in seine Hauptstadt lag, und der heftige Zusammenstoss Marokkos mit den Streitkräften einer zivilisierten Macht hat wichtige Folgen für die Israeliten gehabt. Inmitten einer überreizten, der Leitung entbehrenden Bevölkerung, die von jeder neuen von der Küste kommenden Kriegsnachricht sieh beeinflussen liess, waren die Israeliten sich selbst überlassen, ahnten und hofften, dass für sie vielleicht eine neue Aera anbrechen würde und hatten den Mut, sich zu organisieren und zu ihrer Verteidigung zu bewaffnen. Dank ihrer energischen Haltung wurde ihr Stadtviertel verschont. Diese Tatsache ist so bezeichnend, dass man sie nicht übersehen darf. Sie bedeutet eine neue, durch die Hast der Ereignisse gebildete geistige Regsamkeit, ein unbestimmtes Gefühl von ihrem Recht auf Freiheit, den ersten Versuch eines Widerstands gegen den mohammedanischen Druck. Mit dem Einzug des neuen Sultans in Fez hatte die Qual ein Ende. Augenblicklich wurde allerwärts die Ordnung wieder hergestellt, die Urheber der Unruhen energisch in Nachdruck mit Quellenangabe gestattet, ihre Schranken verwiesen. Besorgt fragten sich unsere Glaubensgenossen, was die neue Regierung ihnen bringen würde und ob sie eine unveränderte Fortsetzung des früheren Systems zu erwarten hätten. Niemand konnte daran zweifeln, denn man bemerkte sofort, dass der Sultan unter dem Einfluss seines Kämmerers den Juden feindlich gesinnt war. Der Mellah schien in die düstersten Tage seiner Vergangenheit zurückzusinken, die man für vollständig abgetan erachtet hatte. Die Methode der Bastonaden und anderer scheusslicher Strafen wurde eben so streng wie vorher durchgeführt. Wir durchlebten hier eine Zeit täglicher Kämpfe, um eine nach der anderen die den Juden vorenthaltenen Freiheiten wieder zu erobern, Kämpfe, in denen Sie die erste und bedeutendste Rollo spielten. Ich will die Geschichte jenes Zeitraums nicht mit allen einzelnen Vorkommnissen berichten; es genügt, die Erfolge festzustellen, die wir Ihrer Intervention und der Unterstützung verdanken, die die französische Regierung uns auf Ihre Veranlassung gewährte. Heute werden alle unsere Klagen gerecht beurteilt; die Ketten sind abgeschafft, die Bastonade kommt nicht mehr zur Anwendung; die Juden werden nicht mehr gezwungen, am Sabbat und den Feiertagen zu arbeiten und können sich an diesen Tagen frei auf den Terrassen ihrer Häuser ebusruhen. Wenn ein Israelit ermordet wird, so lässt der Maghsen — etwas Aehnliches ist in den Annalen der marokkanischen Judenheit nicht zu finden — der Familie des Opfers eine Entschädigungssumme auszahlen. Ruhig und unbehelligt gehen und reiten sie jetzt gestiefelt und gespornt durch jenen furchtbaren arabischen Stadtteil, den sie früher nur barfuss, mit gesenktem Haupt demütig an den Mauern entlangschleichencl, und von den Einwohnern mit Schmäh - vorteil verfolgt passieren durften. Zuletzt will ich noch den sehr bedeutenden Fortschritt erwähnen, dass sie die Erlaubnis erhielten, in ihrem Viertel Badeanstalten für warme Bäder zu errichten. Trotzdem möchte ich noch nicht zu siegesgewiss sein. Die Lage unserer Glaubensgenossen in Fez ist heute totsächlich bedeutend besser, als sie je gewesen ist; zu keiner Zeit haben sie soviel Freiheit und so grosse Sicherheit genossen. Aber wir sind noch nicht sicher, dass die Vergangenheit nicht noch einmal wiederkehrt, wenn neue Unruhen die Autorität der gegenwärtigen Regierung bedrohen. Doch "wollen wir hoffen, dass auch in diesem Fall die bereits erreichten Resultate nicht verloren gehen, und dass die Israeliten sich an die verhältnismässige Freiheit und Gleichheit gewöhnt haben und sie nicht mehr preisgeben werden. Es bleiben noch genug Dinge zu tun, um die Lage der Gemeinde von Fez zu bessern. Die Juden haben noch unter manchen Ungerechtigkeiten von seiten der Ortsbehörden zu leiden, darin hat sich noch nicht viel geändert. Sie werden immer noch von den Mohammedanern auf das tiefste verachtet und gehasst. Glücklicherweise kommen diese Gefühle nicht zum Bürenbruch. Zur Herstellung normaler friedlicher Beziehungen zwischen unseren Glaubensgenossen und den mohammedanischen Mitbürgern können wir nicht auf diese letzteren einwirken, sondern nur auf die Israeliten selbst. Das wird ein langatmiges Werk sein, die erzieherische Tätigkeit der Schule. Sie wird Generationen heranbilden, die grösseres Selbstbewusstsein und innere Würde mit grösserer sittlicher Korrektheit verbinden und alle Dienstfertigkeit und Unterwürfigkeit vor dem Muselmann ablegen, die das ererbte Ergebnis jahrhundertelanger Bedrückung gewesen sind.