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Ost und West · 1911-04-01 · Heft 4 (April 1911) · p. Seite 341 - 342

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 4 (April 1911)
Article
Vater und Sohn
Date
1911-04-01
Page
Seite 341 - 342 (sequence 6)
Language
German
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341 Schalem Asch: Vater und Sohn. 342 krank sei, und sie müsse den Arzt rufen? Er denkt sich: „Narr, du bringst dich um! Bedenke, bedenke!" „Und der Arzt, und die Medizinfläsehchen? Wer soll die bezahlen?" Alles ringsum schläft schon, und die Atemzüge gehen mühevoll in der tiefen Stille der Nacht. Schwer bekümmerten Herzens sitzt Jakob David beim Tisch und blickt auf die Schatten an den Wänden. Auf demTisch steht eine Lampe und erhellt mit mattem Schein die Dunkelheit. Das Petroleum geht zu Ende, und bald wird die Lampe erlöschen. Der Docht trocknet aus. Bald wird die Flamme versinken. Die Flamme indessen flackert noch einmal über das andere empor, nimmt ihre letzten Kräfte zusammen und zuckt in die Höhe. Vergebens. Schon ist sie wie weggeblasen. Im Finstcrn sitzt Jakob David und sinnt. Durch den Kopf gehen ihm bange, beklemmende Gedanken, und leise Seufzer entringen sich seiner Brust. Jakob David spürte, dass____ ihm das Merz immer mehr weh tat. Blutstropfen zeigten Vi. MOXNICKENDAM. sich ihm auf der Zunge, die er wegwischte und immer wieder wegwischte. Ein Tropfen und noch einer und wieder einer. In der Brust sticht es immer heftiger, und das Herz krampft sich immer mehr zusammen. Am Jörn Kippin* war es. Jakob David fiel in Ohnmacht und brach zusammen. Lcibke, der Feldscher, sprach: ,,Es ist das Fasten". Der eine drückte den Ohnmächtigen hinterm Ohr, der andere bei der Nase; man brachte kaltes Wasser herbei. Jakob David wurde wieder munter. Dann musste er sich ins Bett legen. Sarah Gitel verpfändete die letzten Kissen, und ihr Mann pilgerte zum Zaddik. Dort angelangt, nahm er ein Tauchbad, und ging, um dem Zaddik den Gruss zu entbieten. (Als eifriger und angesehener Chasid wurde er auf der Stelle vorgelassen.) Der Zaddik ging im Zimmer auf und ab. Dann hob er langsam die Augenlider, musterte den Pilger und sagte mit einem schweren Seufzer: „Möge Er sich erbarmen!" Aus dieser Anwort erkannte Reb Jcchiel Meir sogleich, dass der Kranke in Lebensgefahr schwebte. „Rabbi!" schrie er mit zitternder, herzbrechender Stimme. Der Rabbi seufzte bloss. Reb Jechiel Meir sprach kein Wort mehr. So rasch als möglich eilte er heimwärts. Mit Anbruch des Sukkothfestes war er zu Hause. . -"'.VS: - - '<%-fr ' '/ -v t * ■■ . ^fSv^v--- ... ■}'■'•" \ 'f^:\< I* V- ^1^^^^^^. .04 y , " ■'' vf ^_ itm «:t % mwl ftp fjf j u \ ar&* ». i ML %K Salome. AMSTERDAM Er kam gerade zur rechten Zeit, um dabei zu sein, wie der Sohn die Seele aushauchte. „Ich habe es gewusst," antwortete er auf alle Fragen. Jakob David lag da, mit einem schwarzen Tuch zugedeckt. Sarah Gitel sass neben ihrem Sohn, weinte, jammerte, zerschlug sich mit den Fäusten den Kopf. Ihr Gesicht war kreideweiss, ihre Augen brannten, und ihre Lippen waren blutleer. Reb Jechiel Meir wusch sich die Hände, und sprach gelassen, mit "grosser-Sammlung und Andacht: „Gepriesen sei der treue Richter!"1) Er weinte nicht. Nicht eine Träne vergoss er. Er zog die Sabbatgewänder an, und setzte sich die Sabbatmützc auf. „Sarah Gitel, steh auf; am Feiertag darf man nicht trauern." Sie aber sass da, die Augen nach oben gerichtet. Sie haderte mit Gott: „Herr der Welt, einen einzigen Ivaddisch2) hattest du mir gegeben, diesen einzigen hattest du mir von *) Segenspruch beim Eintreten eines Unglücks, besonders eines Sterbefalles. 2) Liebevolle Bezeichnung für den männlichen Nachkommen, dem es obliegt, nach dem Tode der Eltern das Kacklisch gebet zu ihrem Gedächtnis zu verrichten.

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