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Ost und West · 1911-04-01 · Heft 4 (April 1911) · p. Seite 343 - 344

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 4 (April 1911)
Article
Vater und Sohn
Date
1911-04-01
Page
Seite 343 - 344 (sequence 7)
Language
German
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343 Schalom Asch: Yntor und Sohn. fünf Söhnen gelassen. Und nun nahmst du auch ihn. Herr der Welt, die ganze Well gehört dir, was hättest du verloren, wenn du ihn mir gelassen hättest?" Ein Strom von neucnTränen brach aus ihren Augen. Jechicl Meir steht festlich gekleidet neben ihr und spricht strenge: „Ich, Jechiel Meir, gebiete dir als dein Gatte, auf dessen Stimme du zu hören verpflichtet bist, mit Weinen aufzuhören, dir Antlitz und Hände zu waschen, und zu Ehren des Feiertages deine Festkleider anzulegen. Gott hat ihn gegeben,Gott hat ihn genommen. Hörst du, Sarah GitelVr Meinen Sohn, meine Seele! Mein alles hast du mir genommen! Die Krone von meinem Haupt hast du mir genommen. Alles, alles hast du mir geraubt. Oh, was hast du mir getan!*' — „Hör auf, Sarah Gitel, hör schon auf!" spricht der Mann mit weicher Stimme. Sein Gesicht ist sehr rot, er verlüsst eilig das Ziiinner. Reb Joche1! Meir erschien im Ghasidiin - Stühel zum Gottesdienst. Er stand da und betete mit grosser Andacht und Sammlung und sang beim Gebet seine üblichen Weisen. Nachher grüsste er alle mit freundlicher Miene den Festtagsgi'uss. Er trat auf einen der Ghasidiin, der sein Freund war. hinzu und sagte: „Ich speise heute mit dir Götzel". Er ging mit seinem Freund in dessen Sukkah, und sie feierten, wie vorgeschrieben ist. das erste Festtagsinahl unter dem Dach der Laubhütte. Darauf kehrte Jechiel Meir in das Slübel zurück und machte sieh ans Lernen. Alles ringsum schien in einen ewigen Schlaf versunken, sogar die Schatten an den Wänden verharrten reglos, wie vom Schlummer umfangen. Ei' stand vor dein Ständer, vor ihm lag ein aufgeschlagener Foliant: und er versenkte sich in die heilige Lehre. Vor ihm taucht das Bild seines Sohnes auf, er sieht dessen bleiches Antlitz — jetzt von einem schwarzen Tuch .bedeckt. Er räuspert sich, schnauzt sich etwas zu geräuschvoll, dann wischt er sich die Nase und brummt: ,.l, i!s" und führt fort zu lernen. Ab MOXXICKEXPAM. deiner Laubhütte Boas und Ruth. AMSTERDAM. Der vor ihm aufgeschlagene Foliant ist der Traktat Sukkah; er hatte ihn zusammen mit seinem Sohn begonnen, in der Hoffnung, ihn just am Schlüsse des Sukkothfestes, am Simclias-Thorah, zu vollenden.. Lud im Gedächtnis steigen ihm alle die sinnvollen Fragen, Einwände und Gedanken auf, die sein Sohn hier irefunden. Nun ist dieser Sohn tot. Tot! Er tritt an die Heilige Lade uml ruft mit lauter Stimme: „Du Gott bist gerecht! Du hast ihn gegeben, du hast ihn genommen. Dein Name sei gepriesen!'" Zwei grosse Tränen entquellen seinen Augen und rollen herab durch die Furchen seines Gesichtes. Aber er wischt sie rasch weg. fasst sich, fasst sich mit ganzer Kraft und fährt fort zu lernen. Die Kerze verbreitet ein melancholisches Licht in dem düsteren Raum.

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