Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Vater und Sohn
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 339 - 340 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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- OCR quality
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339 Schalom Asch: Vater und Sohn. 340 stolz-zufriedenes Lächeln durchleuchtet ihr Gesicht. Wie liebevoll, treu und gütig ihr Mann doch ist! Er holt ihren Rat ein, erzählt ihr von den Partien, die man ihm für den Sohn vorschlägt! Freilich, es ist ja auch ihr Sohn, aber was versteht am Ende eine Frau von solchen Sachen. Mit Augen voller Liebe und Dankbarkeit schaut sie zum Mann empor und sagt mit beherrschter Freude: „Man müssto ihm ein Gewand anfertigen lassen, ein schönes Gewand. Es passt nicht für einen jungen Mann, wie er, so ärmlich gekleidet herumzugehen. Nicht wahr?" „Siehst du, um solche Dinge kann ich mich nicht kümmern. . . Mach wie du willst." Im Bcth-Hammidrasch. Es ist Abend. Ringsum herrscht Dunkelheit und Totenstille. Auf dem Pult brennt eine Kerze und davor steht Jakob David. Er hat den Kopt auf beide Hände gestützt und betet. In der Gegend des Herzens spürt er einen heftigen Schmerz. Er weiss wohl, dass er sein Leben verwirkt, er darf das nicht geheim halten . . . man müsste Rat schaffen, bevor es zu spät wird . . . Aber wem soll er es verraten? Wem sich anvertrauen? Dem Vater? Der Vater ist ja ein blutarmer Mann. Ist selber krank, sehr krank. Sein^Gesicht ist bleich und durchsichtig. Mehr ats einmal hat der Sohn seine bitteren Seufzer während des Lernens gehört. Und in der Nacht, auf dem Lager stöhnt er oft so schwer. . . „Vater, warum seufzest du?" „Es ist nichts. Mach dir nichts daraus". Scheint, auch der Vater trägt ein Geheimnis mit sich herum. . . Sollte er sich der Mutter anvertrauen? Die Mutter hausiert den ganzen Tag mit dem schweren Kasten auf den Armen herum. Sie setzt förmlich ihr Leben ein, um das Stück Brot für die Ihrigen zu erwerben. YVie oft hatte er sie beobachtet, wie sie mit dem VVarenpack beladen abends heimkam. Der Schweiss tropfte ihr von der Stirn und fiel in die Furchen ihres Gesichtes, und sie atmete so schwer, so schwer . . . „Was ist dir, Mutter? Was hast du?" fragte er sie zuweilen. „Nichts, mein Kind. 0, gar nichts." Sie tröstet sich, trägt schweigend ihr hartes Los. Sie arbeitet schwer, um die Familie zu ernähren. Manchmal kommt ihm der Gedanke: Ich sitze und lerne und meine Mutter arbeitet. . . Ich nähre mich von ihrem Herzblut. Dann erglänzen Tränen in seinen Augen, aber er wischt sie mit dem Aermelrand weg. ... Er will nicht weinen. Nur das Herz schlägt ihm unruhig. Es beschleicht ihn ein grosser Schmerz und eine grosse Qual. Soll er der Mutter neuen Kummer bereiten? Hat sie noch zu wenig? Jeden Pfennig, den sie verdient, bezahlt sie mit dein Leben. . . Und dcnArzt bezahlen, und dicMedizinfläschchcn. . . . „Nein," bcschliesst er bei sich, „ich sags ihr auf keinen Fall. Komme, was da wolle. Gott ist barmherzig und weiss alles, er kennt auch meinen Schmerz". Er nimmt ein Stück Kreide und schreibt mit grossen Buchstaben auf den Ständer: „Jakoh David ben Sarah Gitel lirphuah schelemah".1) Das ist ein probates Mittel. Dann nimmt er sein Gebet wieder auf, und in die Schemoneh-Esreh flicht er seinen Namen ein. Daheim spricht die Mutter: ,,lss, lieber Sohn, so iss doch, bitte, bitte!" Er weiss, dass seine Mutter noch nicht gegessen hat; sie hat das Fleischgericht nicht berührt, sondern es für ihn aufbewahrt. Und noch immer geht ihm der Gedanke im Kopf herum: sie arbeitet und ich esse. Soll er ihr sagen, dass er M. MOXX CK EX DAM. Kopf eines Arabers. AMSTERDAM. *) Zur vollkommenen Genesung.