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Ost und West · 1911-04-01 · Heft 4 (April 1911) · p. Seite 323 - 324

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 4 (April 1911)
Article
Lord Beaconsfield
Date
1911-04-01
Page
Seite 323 - 324 (sequence 6)
Language
German
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323 Lord BcaconsfieUl. 324 das Kapitel über die Juden ziemlich willkürlich eingefügt ist. Hier werden sie nicht angeführt, um zu überzeugen, sondern als der vielleicht etwas romantisch anmutende Ausdruck eines ungeheuer ausgeprägten Rassegefühls, dem in der Welt der praktischen Wirklichkeit das Unmögliche gelang. Einige andere Gedanken Disraelis über das Judentum liegen dem Geist unserer Zeit näher. „Die Weinberge von Israel sind nicht mehr, aber ihr Gesetz verpflichtet die Kinder Israel noch heute, die Weinlese zu feiern. Eine Rasse, die darauf besteht, ihre Lese zu feiern, obwohl sie keine Früchte zu pflücken hat, wird ihre Weinberge wiedererlangen. Man stelle sich ••inen Sohn Israels in einer schmutzigen Vorstadt oder in einem elenden Viertel einer öden nordischen Stadt vor, wo niemals die Sonne Trauben reift. Dennoch inuss er die Weinlese des purpurnen Palästina festlich begehen. Obwohl in ein rauhes Klima verbannt, muss er sieben Tage in einer Laube wohnen, die an die Palme, die Myrte und die Trauerweide erinnert. Am Abend nach dem Gottesdienst nimmt er dort, als wäre er noch unter dem sanften Himmel in den frohen Dörfern Galiläas, mit Weib und Kind die Abendmahlzeit, zur Verwunderung der vorübergehenden Teutonen, Slawen oder Gallier." Die Grösse dieser religiösen Ucberlieferung geht Tancred auf seiner Palästinafahrt auf, wenn er in die Worte ausbricht: „Ach, ich stamme nur von einer Horde baltischer Piraten ab und habe das immer für eine der grössten Ehren gehalten. Was wären wir, formten nicht syrisch-arabische Ideen unsere Geister! Wahrscheinlich hätten wir uns im gegenseitigen Zerstörungskampf zugrunde gerichtet." ,, Selbst die Nachkommen der Griechen und Römer beugen sich jetzt vor den Altären des Hauses Davids, und auch die neu entdeckten Kontinente folgen dem Beispiel." Häufig zieht Disraeli Vergleiche zwischen den Juden und jenem anderen, auf ein kleines Land beschränkten Volk des Altertums, dessen Ideenwelt nächst der Bibel die westliche Menschheit am meisten beeinflusst hat, mit den Griechen. Aber was sind sie und ihr Glaube gegenüber dem jüdischen A^olk? Die Juden sind niemals so herabgekommen wie die levantinischen Griechen vor der Begründung des Königreichs; deren Elend ist durch eine Periode der Verfolgungen entstanden, die weder an Dauer noch an Leiden mit dem verglichen werden kann, das die Kinder Israels erlitten haben. Sic mögen oft verstockt, bösartig, widerwärtig sein, aber solange er unter seinem Dach noch den Glauben seiner Väter pflegt, ist der Jude niemals demoralisiert."' Als Gegensatz des Semitismus erkennt Disraeli das Heidentum. Er lässt Tancred, den Gottsucher, in Asien auf das Volk der Ansarey stossen, die in einer schroffen Felseneinöde den Glauben an die Götter Griechenlands bewahrt haben. Wohlstand, Kunst, Erfindungsgabe, alle Reize des Lebens sind verloren gegangen, kaum dass die Erde diesem Volk Nahrung gewährt; sie kleiden sich wie Kurden, aber sie halten an ihren heiligen Bildern fest, die sie daran hindern, in Barbarei zurückznverfallen, die aber zu schwer beweglich sind, um auf einer Wanderung in glücklichere Gefilde mitgenommen werden zu können. Tancred sieht die Statuen Phöbus', Apollos und Aphrodites, und man fühlt den leisen Hohn des Verfassers über diese unpraktischen, untransportablen Gottheiten der törichten, wenn auch in ihrem Glauben und ihrer Schönheit rührenden Gojirn. Seiner Ironie über den reinen Schönheitskultus, der der ethischen und intellektuellen Werte entbehren zu können glaubt, gibt er in der Gestalt des Mr. Phöbus in seinem vorletzten Roman „Lothair" Spielraum. Mr. Phöbus ist ein berühmter, zur Akademie gehöriger Künstler von stets strahlender Laune, die nicht zum wenigsten durch die Genugtuung einer kindlichen, aber ungebändigten Eitelkeit genährt wird. In seiner lebendigen Einbildungskraft vermag er jedem, der ihm nahekommt, sein starkes Lebensgefühl mitzuteilen. Er spricht und handelt immer, als sei er dazu geschaffen, das Orakel der Welt und das Modell der menschlichen Rasse zu sein; aber dieses Orakel wird niemals pomphaft oder feierlich, und das Modell lacht immer voll Gutmütigkeit und guter Laune. Mr. Phöbus sah gern Jugend, Schönheit und gute Manieren um sich. Aber dann liebte er auch wieder alte Männer, wenn sie in jene Nachblüte der Weisheit und der Herzenswärme traten, die sich oft nach siebzig Jahren einstellt. Zwischen fünfzig und siebzig fand er an den Menschen wenig zu bewundern. Als er Lothair in Malta bittet, mit ihm seine Börse zu teilen, betont er seine Abneigung gegen das Papiergeld. Es sei das Schlimmste, was die Zivilisation hervorgebracht hat. Es hat weder Farbe noch Form und ist dennoch ein Ersatz für die reichste Farbe und — zu den Blütezeiten der Kunst — für die schönste Form. Eine tclegraphische Bankanweisung machte es für Lothair überflüssig, das zu teilen, was Mr. Phoebus seine Börse nannte, aber es interessierte ihn doch Crelegcnheit zu haben, es zu sehen, als Mr. Phöbus eines Morgens in seiner Schiffskabine einen Kasten öffnete, einige Sammetbeutel hervorholte, einen voll Perlen, den andern voll Rubinen, andere voll venezianischer Zechinen, Napoleons und Goldpiastcr. ,,Ich liebe dies zu betrachten," sagt Mr. Phöbus, „und fühle das L.-ben intensiver, wenn es um mich herumliegt. Aber kalte und dünne Banknoten machen mich krank." Man erkennt in Mr. Phöbus karikiert die Art des künstlerischen Menschen, clor das Sichtbare, Geformte dem Gedanklichen, Verknüpften vorzieht; gelegentlich ist er zu dem Typus des ganz an der Erscheinung haftenden und darum im Daseinskampf leichter versagenden Ariers gesteigert, der gern möchte, dass jedes Ding seinen Wert in sich trägt und nicht in den tausenderlei Beziehungen, mit denen es eine verwickelte Kultur umsponnen hält. Es wird kaum jemand leugnen, dass der Wog von der konkreten Geldwirtschaft zur abstrakten Kreditwirtschaft von den Juden gebahnt worden ist, deren Intellekt in besonderer Stärke die Eigentümlichkeit besitzt, die Dinge vertretbar zu machen, und sie darum zwar besonders leicht beherrscht, aber sich auch ihrem Eigenwert besonders leicht entfremdet. In demselben Roman „Lothair" führt Disraeli die Erhebung Italiens gegen die päpstliche Herrschaft

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