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Ost und West · 1911-04-01 · Heft 4 (April 1911) · p. Seite 321 - 322

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 4 (April 1911)
Article
Lord Beaconsfield
Date
1911-04-01
Page
Seite 321 - 322 (sequence 5)
Language
German
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321 Lord Beaconsfield. 322 Judentum bekannte. In die Schicksale der Sidonias sind zweifellos Züge aus der Rothschildschen Familiengeschichte verwoben. Nach den Napoleonischen Kriegen, heisst es, brauchte Europa Geld, und Sidonia war bereit, es Europa zu leihen. Er setzte Brüder und zuverlässige Verwandte in alle Hauptstädte Europas und hatte dadurch in allen YcrwicUhingen seiner Zeit die 1 fand im Spiel. Er war Herr des Geldmarktes, und natürlich dadurch suchten Monarchen und Minister seinen Rat, aber dennoch war er keine reine Maschine zum Geld machen, sondern ein Mann mit weiter Intelligenz und grossen Plänen. Ein zu früher Tod hinderte ihn an ihrer Ausführung. Sein Solin ist der Sidonia, in dem Disracli sein jüdisches Rasscnidcal, zugeschnitten auf das 19. Jahrhundert, doch in romantischer Glorie, zeigt. Er besitzt die höchste Bildung und die umfassendsten Kenntnisse. Uebcr seine scharfsichtige Weltwcislieit wird an anderer Stelle ausführlich zu sprechen sein. Er gemahnt bald an den Willenskultus Balzacscher Melden, bald an die bunte Romantik des Gautierschen Romanheldcn Fortunio, und — leider auch nicht selten — an die sensationellen Unmöglichkeiten des Grafen von Monte Christo. In diesem Kapitel handelt es sich nur um seine Auffassung des Judentums. Wenn vorhin der Ausdruck Panscmitismus gefallen ist, so muss er hier halb zurückgenommen werden, denn unter jenen mit der Silbe „Pan" beginnenden Volksbewegungen versteht man meist fanatische Kämpferbünde, die irgendein vages Ziel durch Propaganda oder Gewalt erstreben. Disraelis Pansemitismus ist friedlich, man könnte sagen retrospektiv, denn alles, was der Panscmit verlangen kann, ist nach Sidonias Worten bereits erfüllt: das Leben eines Peers von England ist im wesentlichen durch arabische Gesetze und syrische Gewohnheiten geordnet; er regelt seine vierteljährlichen Pflichten als Gerichtsherr in seiner Grafschaft nach den heiligen Pesten; er hat das semitische Prinzip der periodischen Ruhe angenommen, die das Los aller europäischen Volker, und besonders der arbeitenden Menge, mildert. Am Sabbat enthält er sich der politischen Debatte und des Spiels. Die dialektische Eva im „Tanercd" ist ebenfalls eine Verdichtung jüdischen Geistes in einer Person, nur ist sie, im Gegensatz zu Sidonia, nicht Gestalt geworden, sondern ein Sprachrohr des Verfassers gebliehen. Ihre Worte ergänzen die Sidonias. Sie fragt Tancred, was in Europa am meisten gewertet wird, und er muss antworten: „Das Geld." Auf die Frage: „Und der, welcher das meiste Geld in London hat, ist er ein Christ?" „Ich glaube, er ist deiner Rasse und deines Glaubens!" antwortet Tancred. Eva: „Wer ist der reichste Mann in Paris?" „Ich glaube der Bruder des reichsten Mannes in London!" ,,Wien kenne ich selbst," sagt das Mädchen lächelnd, „dort macht Cäsar die Männer meines Stammes zu Baronen des Reiches, und mit Recht, denn es würde in einer Woche in Stücke fallen ohne ihre Hilfe!" „Der populärste Dichter in England," sagt Sidonia, „ist der sanfte Sänger von Israel. Seit den Tagen des Bundes, als jeder sicher unter seiner Rebe und seinem Feigenbaum sass, gab es keine Rasse, die so oft die Psalmen Davids sang, als das britische Volk." Trotzdem ist der Jude der Paria in „jenem undankbaren England, das ihm den besten Teil seiner Gesetze, einen grossen Teil seiner Dichtung, eine ganze Religion verdankt". Zion ist berühmter als selbst Rom, denn ganz Europa hat von dem Tempel und von Golgatha gehört, während die Araber und die Syrer und die Stämme und Völker jenseits ihrer Grenzen so wenig vom Kapitolinischen Hügel und vom Aventin wissen, als von Malvern oder Chiltern Hills. ,,Bitte," fragt Eva den verwirrten Tancred spöttisch, „bist du einer von jenen Franken, die eine Jüdin anbeten, oder von jenen anderen, die sie herabsetzen, ihre Bilder zerbrechen und verfluchen?" An vielen Orten spricht Disracli von Marin nicht anders, als von dem jüdischen Mädchen, und von Jesus, als von dem jüdischen Prinzen, welche die beiden Hälften der Christenheit verehren. In den langen theologischen Auseinandersetzungen zwischen Eva und Tancred, ebenso wie in der Biographic Lord Bentincks, sucht Disracli die Juden von dem Fluch zu entlasten, der auf ihnen ruht, weil sie Jesus gekreuzigt haben. Zunächst gab es schon vor Christus eine Diaspora, die Disracli auf das Verschwinden der zehn Stämme zurückführt; von diesen entsprang vielleicht ein grosser Teil der heutigen Juden. Sicher waren zur Zeit Christi in Alexandria mehr Juden als in Jerusalem. Diese alle sind unschuldig an Christi Blut. Aber auch die beiden in Palästina lebenden Stämme waren doch nur zum kleinen Teil während der Kreuzigung in der Hauptstadt, und auch von den dort Anwesenden war es wieder nur ein Bruchteil, meistens städtischer Mob, der bei der Kreuzigung die Hand im Spiel hatte. Diese unbeträchtlichen Elemente sind es, die in der Verzweiflung ausriefen: „Sein Blut komme über uns." Eine viel grössere Anzahl erkannte vielmehr Jesu Lehre an; ein Jahrhundert lang verkündeten Juden allein das Evangelium. Ohne sie wäre es der Welt verloren gegangen. Wie können also die Juden als Rasse für Christi Kreuzigung verantwortlich gemacht werden? „Nein, ich will niemals eine Christin werden," sagt Eva, „wenn ich solchen Sand essen muss!" Evas Auffassung ist vielmehr diese: „Die menschliche Rasse ist gerettet durch die offenbare Einwirkung eines hebräischen Fürstensprossen; ohne ihn wäre die Welt nicht erlöst worden, aber auch nicht ohne jene paar wilden Juden, welche die Römer veranlassten, Jesus zu kreuzigen. So hat die heilige Rasse das Opfer und die Opferer zugleich für die Menschheit gestellt. Für einen Juden hat es nichts Abstossendcs, zu hören, dass eine Jüdin die Himmelskönigin ist, oder dass ein Jude zur rechten Hand Gottes sitzt. Ohne diesen wären die Juden nichts als eine vertriebene Völkerschaft; er hat, indem er die Welt errettete, die jüdische Geschichte zur berühmtesten gemacht, er ist dadurch der ewige Ruhm der jüdischen Rasse geworden." Auf diese Ansichten kritisch einzugehen, liegt uns zu fern. Ihre Wirkung ist zweifellos in der Mitte des vorigen Jahrhunderts gross gewesen, als „Tancred" und die Biographic Lord Bentincks erschienen, in die

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