Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Lord Beaconsfield
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 319 - 320 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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319 Lord ßeuconsl'ield. )V1Ö II. Die Juden in der Geschichte. „Christentum ist unverständlich ohne Judentum, so wie Judentum unvollständig ist ohne Christentum.*' (B. Disraeli, ,,Sybil'\) •'. Benjamin Disraeli hat seine jüdische Abkunft, obwohl er als Kind getauft worden war, niemals als einen Makel empfunden. Er wollte sie nicht verziehen, sondern als einen besonderen Ruhmestitel anerkannt wissen. Nichts lag ihm daher näher, als, nachdem in England die Katholiken in den zwanziger Jahren zum parlamentarischen Leben und den öffentlichen Aemtern zugelassen worden waren, auch für seine Rassebrüder die Gleichberechtigung zu verlangen. Sieben Jahre nach seinem Eintritt ins Parlament, im Jahre 1844, wurde die erste Bill zugunsten der Judenemanzipation, von Lord Lyndhurst, Disraelis Jugendfreund, eingebracht. Sie fand Gladstones erbitterten Widerspruch und scheiterte. In den folgenden zwölf Jahren wurde der Baron Lionel von Rothschild viermal als Kandidat der City gewählt, ohne aber, als Jude, seinen Sitz einnehmen zu können. 1857 gelang es Disraeli, der damals Finanzminister im Ministerium Derby war, den Premier zu seiner Auffassung zu bekehren. Aus der Eidesformel der neugewähltcn Parlamentariel', mit der sie der Königin Treue schwuren, wurden die Worte „auf Grund des wahren christlichen Glaubens"' ausgemerzt; so nahm Lord Rothschild als erster Jude im englischen Parlament seinen Sitz ein. Es ist charakteristisch, dass Disraeli diese Berechtigung niemals als eine ,,liberale"' Massregel empfand. Der Liberalismus will die sogenannten „Menschenrechte" sanktionieren, erstrebt also, im Namen der Menschlichkeit auch d e m Rechte zu verleihen, der nichts weiter ist als Mensch. „Sind die Juden nicht auch Menschen?*' fragt daher der Liberalismus, wenn er ihnen Rechte geben will, „was macht es aus, zu welcher Religion sich jemand bekennt?" Disraeli dagegen forderte die Emanzipation der Juden nicht, weil sie Menschen, sondern weil sie Juden sind. Er verlangte nicht Toleranz (die würde eine gewisse Minderwertigkeit voraussetzen, mit der man aber aus Humanität nicht allzu streng ins Gericht gehen soll), sondern Anerkennung ihrer Verdienste für die Zivilisation, besonders als Empfänger der Offenbarung, auf der die Kirche von England beruht. i:' „Die Kirche ist ein heiliger Bund für die europäische Verbreitung und Aufrechterhaltung asiatischer Prinzipien, die, obzwar durch ihre Entstehung an einen Ort gebunden, von göttlichem Ursprung sind." Diese Worte finden sich in der Vorrede zu dem Roman „Goningsby"; dieser, sowie der Roman „Tancred" und die politische Biographie Lord Bentincks sind unsere Quellen für des Verfassers Auffassung vom Judentum in der Geschichte. In der Biographie spricht er von „jenem beschränkten Glauben an die göttliche Offenbarung, der gemeinhin die jüdische Religion genannt wird". Erst die Offenbarung Christi setzt diesem Unterbau die über den Erdkreis strahlende Krone auf. Dagegen heisst es in ,,Tancred": „Christentum, ist Judentum für die Menge"', und nicht ungern lässt Disraeli auch anderwärts verstellen, dass die Judenchristen, zu denen er gehört, den Heidenchristen gewiss nicht nachzustehen brauchen. Die Feinde erklärten das für raffinierte Rabulistik, aber die kongenialen Geister selten eine wundervolle Harmonie zwischen Rassegefühl und Kulturbewusstsein darin, dass es diesem Mann gelungen ist, sein Leben lang ein ebenso aufrichtiger Jude, wie Christ, wie Engländer zu sein. Der Begriff, der ihn aus seinen Wurzeln erklärt, heisst „Rasse". „Mögen die Mensehen, an Einhörnern zweifeln." lässt er einen Beduinenschcich im „Tancred" sagen, „an einer Sache kann nicht gezweifelt werden, dass Gott nur mit Männern der arabischen Rasse gesprochen hat." Disraelis Judentum erhebt sich zu einer Art Panseinitismus, innerhalb dessen er das Judentum nur als einen, wenn audi den für die Welt wichtigsten Zweig des arabischen Stammbaums betrachtet. Moses, der erfolgreichst!' Gesetzgeber, Salonion, der Herr aller Weisheit, Jesus, der Sohn Gottes, sie alle werilen auch von dem Islam verehrt, und „welche Rasse", fragt Disraeli. „kann drei solche Männer wie diese hervorbringen?" Die Sarazenen, die Kinder der Wüste, stehen ihm näher, als die Kreuzfahrer; sie sind von demselben Blut wie der heilige Leib, der das Grab von Gethsemane geweiht hat. „Die Araber sind nur Juden zu Pferd," sagt halb scherzhaft im „Tancred" der jüdische Diener Baroni. Die Offenbarungen, die diese Rasse erhalten hat, bilden die Grundlage der europäischen Religion. „Welche Rasse, glaubst du, ist die höhere," fragt in Jerusalem die Jüdin Eva den jungen englischen Lord Tancred, „die verehrte oder die verehrende?" Die ganze geistige und materielle Gewalt seiner Rasse Arerkörpert Disraeli in der romantischen Gestalt Sidonias, die als wichtige Nebenfigur in den Romanen „Coningsby" und „Tancred" auftritt, und der wir noch in mannigfachen Zusammenhängen begegnen werden. Auch er stammt von jenen sephardischen Juden Spaniens ab, die unter der Inquisition statt der Auswanderung die zweite Alternative, die Taufe, wählten, und „nuevos christianos" genannt wurden. Viele davon hatten sehr einflussreiche Stellungen, und daher ist schon lange die sehr wahrscheinliche Behauptung im Schwung, dass die Hidalgofamilien mit jüdischem Blut vermischt sind. Disraelis romantischer Geist schmückte diese Tatsache aus. Er lässt zwei Drittel des aragonesischen Adels von Ursprung Juden sein und erklärt, viele von ihnen hätten heimlich zum Gott des Sinai gebetet und die Gesetze Mosis befolgt. Unter den Vorfahren Sidonias sind manche Priester der Kirche, einer ist sogar Erzbischof von Toledo gewesen. Die Familie Sidonia kam während des Napoleonischen Halbinselkrieges durch Armeelicfcrungen zu grossem Reichtum. Sidonias Vater siedelte nacli England über, nachdem er durch Beteiligung an der Waterloo-Anleihe zu einem der grössten Kapitalisten der Welt geworden war. Nur England bot für solche Mittel ein hinreichendes Feld der Betätigung. Das erste, was Sidonia in dem freien Land tat, war, dass er sich wieder offen zum