Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Lord Beaconsfield
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 317 - 318 (sequence 3)
- Language
- German
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317 Lord Bcaconsl'iold. 313 Träumerei, unruhige und unbestimmte Pläne hervorrufen. Die Symptome sind Mattigkeit und Verstimmung". Es ist eine Art zweiter Pubertätsunruhe, die oft zwischen dem 25. und 35. Jahre eintritt, und aus der später die eigentliche Reife der geistigen Naturen hervorgeht. Aerztc, die sich oberflächlich an die Symptome halten, statt an die Psychologie des Patienten, kommen oft zu fatalen Schlüssen. So wurde der junge Mann als schwindsüchtig behandelt und in das sonnigere Devonshire geschickt, nach Exoter, das zufällig damals ein kleines literarisches Zentrum war. Nach drei Jahren besserte sich die Krankheit, die aus der Unfähigkeit entstanden war, „die geistige Kraft, die er in sich wusste, zu einem befriedigenden Ende zu führen". „Mein Vater/' erzählt der Sohn, „besass Einbildungskraft, Empfindungsvermögen und einen ausgesuchten Geschmack, aber or hatte nicht die seltene Gabe, schöpferischer Kraft!*''' Nach einem kleinen orientalischen Roman gab er mit 35 Jahren den dichterischen Ehrgeiz auf; er überliess sich nun ganz der literarischen Forschung. Aber sein poetisches Temperament war nicht verloren, es hinderte seine Arbeit daran, rein antiquarisch zu werden, indem es ihr stets Farbe und Lebendigkeit verlieh. So verstand er, das Literarische anziehend für das grosse Publikum zu inachen. Erst mit 45 Jahren gab er die Resultate seiner neuen Forschungen unter dem Namen: „Calamities of Authors", sowie den ..Essay on the litcrary character" heraus. So sehr diese Werke überholt und ihre Irrtümer aufgedeckt sind, sie begründeten überhaupt erst in England das Interesse für literarische Untersuchungen und bleiben immer angenehm lesbar für den Liebhaber. Sie dürfen nicht mit ihren Nachahmungen verwechselt werden, die tote Kompilationen sind. Isaac Disracli war der erste, der die psychologische und soziale Eigenart des Künstlers erforschte. Er weist ihm die Stelle an zwischen Herrschern und Reherrschten. An dem Leben in seiner Bibliothek änderte auch seine Ehe und die spätere LTebersiedlung auf den Landsitz Rradenham nichts. Der Politik stand er verständnislos fern, und das erlaubte ihm, sine ira et studio zu schreiben; dennoch wurde er 1S28—31 sehr gegen seinen Willen in die öffentliche Debatte gezogen nach der Veröffentlichung eines Werkes zur Rettung des ersten Stuarts, wodurch er sich, vielleicht ohne es bedacht zu haben, in Gegensatz zu der Zeitströmung stellte, die nach fast oOjähriger Bedeutungslosigkeit der Whigs die Herrschaft dieser Partei begünstigte. Oxford verlieh dem Verfasser den Doktorgrad: optimi regis optimo vindici. 1839 hinderte ihn Erblindung daran, seine begonnene englische Literaturgeschichte fortzuführen. Statt dessen diktierte er mühsam Fragmente des Werkes unter dem Namen: „Amenities of Litterature" seiner Tochter Sarah. Am Tage vor einer tödlichen Influenzaerkrankung erreichte Isaac Disracli die Nachricht seines Verlegers, dass alle seine Werke vergriffen seien und eine Neuauflage nötig werde. Er starb im Alter von 82 Jahren, nachdem er die Anerkennung der Besten seiner Zeit, unter ihnen Lord Byrons, gefunden hatte. Er war gross, blond, hatte eine bourbonische Nase, braune glänzende Augen, und noch zuletzt fiel ihm das graue Haar bis auf die Schultern. In späteren Jahren neigte er etwas zur Korpulenz. Er war kein Redner, kaum ein Konversationstalent, aber im engen Kreis etwas geschwätzig und ein wenig neugierig. Sein ganzes Leben lang blieb er ein Kind, und trotz seiner klugen Augen lässt sich auf seinen Porträts eine gewisse Blödigkeit nicht verkennen. Auf einem Bild zeigt er ein wahrhaftes Schafsgesicht. Er besass viel philosophischen Gleichmut, doch etwas Konfusion in seinen Gedanken. Das fast ununterbrochene Leben im Kreis der Seinen erhielt ihn in freundlicher Naivität, die ihn manchmal zu schwer zu Antretenden Behauptungen hinriss. Stets wusste er sich jedoch, ohne verlegen zu werden, durch einen geistreichen Satz herauszuhelfen, denn er war ohne Eitelkeit, wie sein Sohn Benjamin erzählt, der auf ihn so eitel war. 1802 hatte er Maria Basevi geheiratet, die Tochter des Naphtali Basevi von Verona, der seit 1762 als Kaufmann in London lobte. Maria Basevi war eine gute, vernünftige Frau, die dem Mann alle Sorgen abnahm. Es ist im ganzen wenig von ihr die Rede, an dem intellektuellen Leben ihres Gatten und Sohnes scheint sie nicht viel Anteil genommen zu haben. Ihre Familie stand in enger Beziehung zu den kultivierten Juden Londons, den Mocattas, Goldsmids, Montefiores, die sich unter Moses Mendclssohnschem Einfluss von der Ghetto-Orthodoxie losgemacht hatten. Die mütterliche Familie der Maria Basevi war christlichenglischer Abkunft, was durch vier Generationen nachweisbar ist, so dass Lord Beaconsficld nicht ganz ohne angelsächsische Blutmischung ist. Maria Disracli starb 1847, als ihr Sohn schon grosse Auzseichnung im Parlament gewonnen hatte. Benjamin Disracli wurde am 21. Dezember 1804 geboren. Er gehört also jener dem jüdischen Genius offenbar so günstigen Generation vom Anfang des 19. Jahrhunderts an, die Heine, Börne, Mcyerbecr, Mcnclelssohn-Bartholdy, Lassalle, die Rachel und Jaqucs Offenbach hervorgebracht hat. 1817, nach dem Tode seines Vaters, liess Isaac Disraeli seine Kinder taufen. Als Grund gab er an, dass die Engheit des rabbinischen Judentums die Mitglieder der Gemeinde von der übrigen Menschheit abschneide. Lucien Wolf hat aus den Büchern der portugiesischen Synagoge in Whitechapel feststellen können, dass ein langjähriger Streit Isaacs mit den Aeltesten der äussere Anlass zu diesem Abfall wurde. Seine Beziehungen zur Synagoge waren immer sehr locker gewesen; als man ihm trotzdem ein Kirchenamt anbot, wurde ihm für dessen Ablehnung nach dem Gesetz eine Strafe von 40 Pfund auferlegt, deren Zahlung er verweigerte. Ohne diesen Umstand, der in der Ahnengeschichte Benjamin Disraelis ebenso wichtig ist, wie die Uebersiedlung seines Urgrossvatcrs nach England, hätte er niemals die politische Laufbahn einschlagen können. Es wäre ihm die Wahl geblieben, sich auf eine Literaten¬ oder Advokatenlaufbahn zu beschränken oder die Last des Apostatentums auf sich zu nehmen, die für ein öffentliches Leben immer schwer zu tragen ist.