Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 4 (April 1911)
- Article
- Lord Beaconsfield
- Date
- 1911-04-01
- Page
- Seite 315 - 316 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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315 Lord Beaconsfield. 316 jüdischen Häusern der Mendoza und Lara. 1748 ging der junge Benjamin Disraeli (des grossen Benjamin Disraeli Grossvater) nach England, wohin ihn der Aufschwung des Handels und die dort gegen seine Glaubensgenossen geübte Toleranz lockte. Er erwarb einiges Vermögen und lebte bis fast zum neunzigsten Jahre in seinem italienischen Landhaus zu Enfield an der Seite einer Frau, in der die Unterdrückung ihrer Rasse den Hass gegen sie ausgelöst hatte, und deren unruhiger sozialer Ehrgeiz ihrem Manne seinen verräterischen Namen nicht verzieh. Es ist, als ob der Ehrgeiz dieser törichten Frau in dem Enkel wiederaufgelebt sei, nur dass ein gerader Intellekt ihm die rechten Bahnen wies, auf denen er seine Abstammung niemals verleugnete, sie vielmehr zum Ehrcnpunkt machte. So hinderte sie ihn nicht, dass er der Lenker des Staates wurde, in dem vier Generationen seiner Familie als Metöken gelebt hatten. Die neuerlichen sorgfältigen Forschungen Lucien Wolfs in den Archiven der jüdischen Gemeinden in Italien haben ergeben, dass Disraelis Mitteilungen über seine spanisch-venezianische Abkunft im einzelnen nicht korrekt sind, wenn auch das Wesentliche, die sephardische Abstammung, unberührt bleibt. Die Israelis (wie die ursprüngliche Schreibweise war) sind jedenfalls nicht direkt von Spanien, sondern aus der Levante nach Italien gekommen und nicht nach Venedig (dorthin wanderte erst später ein Seitenzweig der Familie), sondern nach Ferrara, wo unter den Este schon im 15. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde blühte. Die Bücher der Judenschaft von Ferrara ergaben, dass Benjamin Disraeli der Aeltere 1730 geboren wurde und später nach England auswanderte. Dort war ein Italiener Oberrabbiner geworden, und es bestand, wie wir heute noch aus Porträts von Gainsbourough und Reynolds sehen, eine grosse Nachfrage nach italienischen Strohhüten. Diese beiden Umstände bewirkten die Verwurzelung des disraelischen Stammes in englischer Erde. Benjamin wurde nach kleinen Anfängen Importeur von italienischen Waren. Als er 1816 starb (zwölf Jahre nach der Geburt des berühmten Enkels), hinterliess er 35 000 Pfund in Land und Geld. Seine zweite Frau, Sarah Siprut de Gabay, entstammte dem italienischen Zweig der grossen jüdischen Familie Villareal. Sie war die Tochter eines wohlhabenden Londoner Kaufmanns. 1766 wurde in London der Schriftsteller Isaac Disraeli geboren; er war eine träumerische Natur und verbrachte sein Leben zwischen Bibliotheken und Antiquariaten. In sein Vaterhaus, das sein Sohn Benjamin ein Haus voll weltlichen Strebens und Fröhlichkeit nennt, passtc das stille Gemüt des jungen Isaac schlecht, zumal als er in „jene traurige Periode des Knabenalters trat, wo Exzentrizitäten Aufmerksamkeit erregen, aber keine Sympathie erwecken". Am wenigsten vertrug er sich mit seiner ehrgeizigen Mutter. Es ist anregend zu bedenken, wie es seinem Sohn Benjamin gelang, zwischen dem dichterischen Temperament des Vaters und dem weltlichen der Grossmutter in sich einen Ausgleich zu schaffen. Benjamin mag auch etwas von der überlegenen Besonnenheit des Grossvaters geerbt haben, der der Meinung war, der einzige Weg, die Leute glücklich zu machen, sei, ihnen ein Spielzeug zu geben. Während die Mutter ihrem Sohn Isaac einmal Vorwürfe machte, als er von Hause durchgebrannt war, glaubte der Vater, alles damit auszugleichen, dass er dem unverstandenen Knaben, den man halb bevvusstlos auf einem Grabstein in einem Kirchhof gefunden hatte, ein Pony schenkte. Den Konflikt zwischen einem empfindsamen Kind und einer derb weltlich veranlagten und dabei beschränkten Mutter finden wir wieder in Benjamin Disraelis vielleicht bestem Roman „Contarini Fleming". Auch das grosse Lebensproblem Benjamins, der Kampf des Weltmannes mit dem dichterischen Menschen, zeigt sich hier in dem Schicksal seiner nächsten Vorfahren bereits vorgebildet. Als Isaac sein erstes Gedicht inachte, war auch der sonst so joviale Vater etwas aufgebracht, denu er stellte sich den Dichter nach einem Hogarthschen Stich vor, auf dem ein unglücklicher Gesell in einer Dachkammer eine Ode auf den Reichtum schreibt, während er gerade mit seiner Milchrechnung bedrängt wird. Der junge Isaac wurde nach Amsterdam zu einem Geschäftsfreund in die Lehre geschickt. Dort las er unbeaufsichtigt, was unter seine 15jährigen Augen kam, besonders Voltaire und Bayle. Mit 18 Jahren kam er als Rousseauschwärmer nach England zurück, in der Absicht, das Pathos seiner Weltanschauung schon bei der Begrüssung der Mutter gegenüber zu äussern. Diese fand ihn nur lächerlich. Der Vater wollte ihn nun nach Bordeaux in ein Handelshaus schicken, er aber hatte gerade ein Gedicht von beträchtlicher Länge gegen den Handel als den Verderber der Menschheit geschrieben. Man entschloss sich, ihn nun nach Paris gehen zu lassen, wo er zum ersten Male literarischen Umgang fand. Kurz vor dem Ausbruch der Revolution kehrte er mit ein wenig Kenntnis vom Lehen und einer erheblichen Menge von Büchern zurück. Der Erfolg einer Pseudonymen Diatribe „Ueber den Missbrauch der Satire" gegen einen gewissenlosen Pasquinaclenschreiber, sowie die Freundschaft eines Autors und Parlamentariers von Rang liess die Eltern jeden weiteren Widerstand gegen die literarischen Pläne Isaacs aufgeben. Nun herrschte Friede, der junge Mann begann eine ruhige und ehrenvolle literarische Laufbahn und widmete sich seiner Sammclfreude an Büchern. So waren die Kämpfe zwischen Geistigkeit und bürgerlicher Lebensauffassung, welche die Jugend so vieler grosser Männer getrübt haben, bei Benjamin Disraeli schon in der vorigen Generation durchgefochten worden. Isaacs Name wurde begründet durch die „Curiositics of Litterature", eine nicht unglückliche Mischung von Literaturgeschichte, Kritik, Biographic und Anekdote, wie sie Dr. Johnson nach französischem Vorbild in England eingeführt hatte, und die Isaac Disraeli mit ungewöhnlicher stilistischer Anmut beherrschte. Der unerwartete Erfolg ermutigte ihn zu einem zweiten Band. Im 29. Jahr befiel ihn „jene geheimnisvolle Krankheit, der die Jugend bedeutender und besonders literarischer Männer häufig unterworfen ist, ein Versagen der nervösen Energie, wie sie das Studium, die sitzende Jjebensweise, frühe und gewohnheitsmässige