Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 283 - 284 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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2S3 ^Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Alliunce-Expcdition nach dem Yemen. 284 die andere Hand ein grosses Taschentuch, in dem sich die Früchte und der imvermeidlichc Araki befinden. Die Frauen tun das ohne jede Unzufriedenheit. Da sie alle demselben Ziel zuströmen, treffen sie sieh in den steinigen Gässchen und erzählen sich Neuigkeiten. Welches andere A7crgnügen bietet ihnen sonst das Leben? Der Samstag ist ihr Freudentag. Schon am Freitag abend hören sie mit der Arbeit auf. ziehen einen frischen blauen Kittel und die Beinkleider mit den silber- oder seidegestickten Seitenteilen an, setzen das gestickte Kerkusoh auf, nehmen einen Rautenzweig in die Hand und ruhen sich aus. Während am Samstag morgen die Männer beim Gottesdienst sind, gehen sie zu einer Nachbarin, um dort den Kischer zu trinken oder sie besuchen eine Wöchnerin. Zum Frühstück kommen sie nach Hause, xmd wenn gegen zehn Uhr die Männer, vom schweren Getränk ermüdet, etwas schlafen, gehen sie wieder aus und promenieren auf dem grossen Platz, ihren Rautenzweig in der Hand. Manchmal hocken zehn, fünfzehn Frauen zusammen vor einer Haustür, sie unterhalten sich stundenlang ohne müde zu werden; wenn aber in der Ferne irgend etwas passiert, laufen sie eilig, um zu sehen, was vorgeht. Sie bewegen Arme und Beine in drolliger Weise, ihr Kopftuch flattert im Winde; es sind eben wahre Kinder. Sobald sie einen Mann erblicken, bleiben sie beschämt stehen, bedecken das Gesicht und zeigen nur ihre grossen ausdrucksvollen Augen. Sie haben wenig Anmut, suchen nicht zu gefallen und zu reizen; sie wollen viele Kinder haben, damit der Gatte ihnen zugetan bleibt; sonst haben sie gar keine Wünsche. Die einzige Vorsicht, die sie brauchen, um sich ihre Männer zu erhalten, besteht darin, dass sie niemals ein Dienstmädchen ins Haus nehmen. Da die Polygamie gestattet ist, könnte der Gatte sie nach seinem Geschmack finden und sie heiraten. Es gibt im Yemen verschiedene Männer, die zwei Frauen haben; aber dann ist fast immer die erste Frau kinderlos gewesen oder sie hat nur Töchter geboren. Wenn das Leben der Frau eintönig und traurig ist, so ist das der Kinder noch viel trübseliger. Man hört sio niemals lachen und singen, nichts von den übermütigen Liedern, den geräuschvollen Spielen, die anderwärts das Haus beleben. Schon zeitig wird im Kind das Bewusstsein von den Leiden des Lebens geweckt und es gewöhnt sich früh an den Schmerz. Ich beobachte oft meine kleine neunjährige Nachbarin Nadra; sie ist klein und dünn; ihr blau leinenes Beinkleid liegt dicht an den mageren Beinchen, das schwarze Hemd ist offen, das Haar ist in eine alte Kapuze gestopft, die vom Gesicht nur die Augen und das spitze Kinn sehen lässt — so läuft das barfüssige Kind durch das ganze Haus. Schon mit vier Jahren hat sie von ihrer Mutter sticken gelernt, jetzt ist sie bereits eine gute Arbeiterin, stickt täglich 15 Stunden und hat bereits in vierjähriger Arbeit 25 Francs gespart! Sie hilft auch in der Wirtschaft und macht Besorgungen. Dann wickelt sie den Kopf in das grosse karierte Taschentuch, zieht grosse Pantoffeln an und läuft neugierig durch die Strassen. Seit einigen Tagen ist Nadra nachdenklich, sie hat aus der Unterhaltung ihrer Eltern etwas aufgefangen und daraus entnommen, dass sie zu Ostern verlobt werden soll. Ihre Mama ist von rührender Aufmerksamkeit gegen sie, nennt sie: mein Geliebtes, mein Liebchen, Befreierin meines Herzens, Heilerin meiner Seele; ihre Schwestern und Tanten zeigen sich sehr liebreich. Jetzt weiss sie bereits, wer sich um sie bewirbt, es ist Helkia, Sohn des Goldschmieds Ghiath, und selbst Goldschmied. In ihrem kindlichen Sinn weiss sie nicht, ob sie sich betrüben oder freuen soll. Man verhandelt augenblicklich noch über die Summe, die Helkia ihrem Vater für sie zahlen soll, 60 oder 70 Francs; dieses Geld wird für ihre Aussteuer verwendet. Und die mit zehn Jahren verheiratete Nadra wird nicht aufhören zu arbeiten. Ihr Bruder Mencha ist 3'/> Jahr alt. Er trägt ein graues, gelbgestreiftes Kleidchen und' um den Hals eine lange aus OÄi*» Idealer Proviant für Sporttreibende jeder Art Preis der Schachtel M. 1.— Zu haben in allen Apotheken, Drogerien und Sportausrüstungs-Geschäften. (j) {$) Q®eee$ooeeooo <£> <s> <&<&<&<$><§><$><§><§><§><§>&& : Präzisions Arbeit :■ : Handliche Modelle;i : von grösster Sta-? ■ bilität für alle :•: Zwecke der Photo- :•: graphie. : Kataloge kostenfrei •:• Bezug durch alle S : Photohandlungen. :|: mit gc&v7^^ |Öpt. Anstalt C.P.GOERZ Akt- Ges. \ BERLIN-FRIEDENAU 71