Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 279 - 280 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2583875-2584006-2584010-2602666--11590-2602757- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
279 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle Die Alliance-Expcdition nach dem. Yemen. 2S0 für Galakleidcr und Mäntel, die die Araber brauchen, sind durchweg Juden. In Sanaa und im südlichen Yemen werden sehr schöne Baumwollstoffe gewebt, die wegen ihrer Haltbarkeit im ganzen Lande beliebt und in früheren Zeiten sehr berühmt gewesen sind. Viele Juden sind geschickte Weber; man könnte ihre Produktion bedeutend vergrössern, wenn man ihnen verbesserte Webstühle verschaffte. Der Hammel des Landes liefert feine, seidenweiche Wolle, aus der die hübschen und dauerhaften schwarzen Schemlas fabriziert werden. Man könnte ohne Schwierigkeit aus dieser Wolle einen leichten farbigen Tuchstoff, eine Art Serge herstellen, der sich vorzüglich zu Kleidern eignen würde. Es ist hier ziemlich kalt, und wir würden unsere Schüler im Winter nicht mit den üblichen dünnen Baumwollhemden oder -Kitteln herumlaufen lassen. Sie müssten wollene Kleider bekommen, und der erste hier hergestellte Wollstoff könnte für diesen Zweck dienen. Indem wir bei den Kindern anfangen, würden wir auch dahin gelangen, die yemenitischen Juden von ihrem schwarzen schimpflichenKostüm zu befreien. Es ist nicht möglich, sämtliche von unseren Glaubensgenossen betriebenen Gewerbe so genau durchzugehen. Manche von unseren Brüdern leiden an einer unverständlichen Inkonsequenz: der Vater hat bei seinem Gewerbe nicht das tägliche Brot verdienen können, trotzdem lernt der Sohn dasselbe Handwerk und verschlechtert dadurch seine Aussichten. So konnte es kommen, dass fleissige Arbeiter bei zwölf stündiger täglicher Arbeit einen Wochenverdienst von drei Francs erzielten, eine Summe, die besonders in den schlechten Erntejahren den Hunger für die Familie bedeutete. Der hiesige Vertreter der Alliance müsste ein geschickter Ratgeber sein; er müsste verstehen, neue Anregungen zu geben, den Sinn der Leute zu leiten und die Kinder zu den einträglichsten und den wenigst überlaufenen Gewerben hinzulenken. Ehemals haben viele Juden den Arabern bei der Feldarbeit geholfen, heute leben, nach meinen Feststellungen, nur ungefähr zwanzig jüdische Familien vom Ackerbau. Einige dieser Landarbeiter üben während der landwirtschaftlichen Ruhezeit ein anderes Gewerbe aus und kommen dadurch etwas leichter vorwärts. Ein paar Juden besitzen in Sanaa selbst Gemüsegarten, die sie von Arabern bearbeiten lassen; in einem dieser Gärten arbeitet der Neffe des Besitzers zusammen mit den Fellahs. Er will die Arbeit gründlich erlernen, um später den Besitz auf eigene Rechnung zu bewirtschaften. Es ist ratsam, eine Anzahl junger Leute in der Baumkultur und im Gemüsebau unterrichten zu lassen. Der Boden ist ausserordentlich fruchtbar und das Klima gestattet bis zu vier Kulturen im Jahr, aber die landwirtschaftlichen Produkte sind von minderwertiger Qualität. Feine Gemüse, und-gute Früchte würden von den Türken hoch bezahlt werden. Auf dem grossen Terrain, das wir für den Schul bau gekauft haben, wird genug Platz für etwas Landwirtschaft bleiben, so dass einige Schüler bald mit der Landarbeit vertraut werden können. Gleich nach der neuen Eroberung des Landes durch die Türken, vor beinahe vierzig Jahren, hatten einige Juden das Handwerk aufgegeben und hatten versucht, Grosshändler zu werden. Sie kauften ihre Ware in Hode'idah von Händlern, die ihrerseits sich in den Häfen der Levante versorgten. Diese Produkte waren durch die vielen Zwischenhändler verhältnismässig teuer geworden, so dass den Juden nicht mehr viel Gewinn bleiben konnte. Oft mussten sie sogar mit Verlust verkaufen, um ihre Wechsel pünktlich bezahlen zu können. Es gibt hier keine Kreditanstalt, keine Privatbank, bei der deT Händler im Bedarfsfall ein Darlehen erhalten könnte. Die kleinen Ladenbesitzer arbeiten sogar mit leidlichem Erfolg; jeden Morgen kommen aus den Dörfern die Bauern und die Arabcri'raucn die drei Kilonieter weit nach dem Judenviertel, um dort ihren ganzen Bedarf einzukaufen. Erstens verkauft der Jude billiger als der Türke, und dann braucht man sich bei ihm nicht zu genieren und gibt ihm irgendwann einmal die Sachen zurück, die einem nicht gefallen. Diese kleinen Kaufleute könnten sich verhältnismässig recht gut stehen, wenn man ihnen Darlehen von 200—300 Francs verschaffen könnte. Aus allen diesen Beobachtungen geht hervor, dass an der Spitze dieser Gemeinde ein junger, tatkräftiger intelligenter Mann stehen müsste, der offenen Auges seine mannigfaltige Aufgabe erkennen würde und der die Energie hätte, sie durchzuführen. Er wird nicht nur unterrichten, er wird vor allem bedacht sein müssen, die materielle Lage seiner Brüder zu bessern, indem er ihre Arbeit organisiert. Er müsste einen bestimmten Fonds zu seiner Verfügung haben, aus dem er den Handwerkern Darlehen, den kleinen Kaufleuten Vorschüsse geben dürfte. Mit Hilfe eines kleinen Kapitals kiime der jüdische Handwerker und Kaufmann aus dem Elend heraus, in dem er jetzt verkommt. Der wohlhabende, der reiche Jude wird auch mehr Mut und grössere Würde gewinnen. Der Fortschritt der Gemeinde von Sanaa wird auch auf die Lage der Juden im Jnnern des Landes einen heilsamen Einfluss ausüben. Das jüdische Familienleben. Am Freitag abend, zwei Stunden vor Sonnenuntergang, holt mein alter Hauswirt Maudha mich zum Besuch der Synagoge ab. Wir gehen zuerst in seine Wohnung. Seine betagte Mutter hat bereits die Sabbatlampe angezündet: eine kleine Steinplatte mit gezacktem Rand. Maudha selbst beschäftigt sich mit der Petroleumlampe; er reinigt sie, giesst sie an, schneidet den Docht ab und zündet sie an. Die Frauen trauen sich nicht, diese Lampe anzufassen und ihren komplizierten Mechanismus zu handhaben. Maudha legt in meiner Gegenwart seine Alltagskleider ab, um das weisse Gewand und das gleichfalls weisse Ueberkleid anzuziehen: dann hüllt er sich in einen weissen, schwarzgestreiften Talit nach türkischer Art, nimmt sein Käppchen ab und setzt eine schwere graue Mitra mit runden Applikationen aus roter Seide auf das Haupt. Mein Freund ist kaum wiederzuerkennen, seine dunklen Gewänder hatten besser zu seinem SALEM GOLD CIGARETTEN