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Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 277 - 278

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
Date
1911-03-01
Page
Seite 277 - 278 (sequence 9)
Language
German
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277 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Alliance-Expedition nach dem Temen. 27S einzige Kleidung ihr Kittelchen trugen; sie zitterten, husteten und versuchten sicli zu wärmen, indem sie ihre nackten Aermchen über der Brust kreuzten. Ich frage mich, wie dieses unglückliche Volk sich trotz Epidemien und Verfolgungen und bei allen Entbehrungen bis auf unsere Tage hat erhalten können. Es hat seinen Lebenszweck in seinem festen Willen und seiner sittlichen Kraft gefunden und hat das Unglück als eine notwendige Prüfung zur Gewinnung eines besseren Lebens hingenommen — was haben die gegenwärtigen Leiden zu sagen, wenn die Zukunft schön sein wird 1 In dieser Ueberzeugung gewinnt das jüdische Volk stoische Energie, durchdringende Intelligenz und auffallende Tatkraft. Die Handfertigkeit ist es, die den Juden den Aufenthalt im Lande ermöglicht hat. Der Araber ist mit der Bodenkultur, der Viehzucht und mehr noch mit dem Waffenhandwerk beschäftigt und hat trotz seines grossen Fanatismus die Juden im heiligen Lande Yemen geduldet, weil sie ihm alle Gegenstände fabrizierten, die ihm unentbehrlich sind. Das nackte Leben war alles, was die Juden verlangten. Einige von ihnen waren indessen durch ihren Verstand und ihre Geschicklichkeit im Laufe der Jahrhunderte dazu gelangt, etwas Geld anzusammeln; sie münzten das Geld für die Imams und fabrizierten ihnen das Schiesspulver. Aber die Gunst der Pürsten ist vergänglich und ihre Laune wechselnd; die Palastrevolutionen warfen die Juden wieder in ihre traurige Sphäre zurück, und die Söhne der vormals "mächtigen Mäfnner befanden sich bald wieder auf der niedrigen Stufe ihrer -Brüder. Gemeinsam arbeiteten sie in ihren düsteren Werkstätten die verschiedensten Gegenstände, die die Araber von ihnen verlangten. Heute hat der Muselmann seine Abneigung gegen das Handwerk schon etwas abgelegt; mancher gibt sich bei dem Juden in die Lehre und überflügelt bei fleissiger Arbeit bald seinen Meister. Trotzdem ist die Mehrzahl unserer yemenitischen Brüder noch Handwerker. Unter der von mir gezählten Bevölkerung von 12 026 Juden befinden sich 3281 Familienväter; von diesen sind 2462 Handwerker, 582 Ladeninhaber und Hausierer und 237 üben die verschiedensten Berufe aus: Schullehrer und Rabbinen, die sich den ganzen Tag mit dem Gesetzesstudium befassen, Soferim, Dienstboten, Schlächter; dazu kommen Greise und Arbeitslose! — Man darf wohl sagen, dass es kein Handwerk gibt, das nicht von Juden ausgeübt wird. Sie sind: Goldschmiede (Silber, Gold und Kupfer), Bäcker, Sticker, Schuhmacher, Lederarbeiter, Friseure, Putzer, Kitter, Ziseleure, Destillateure (Branntwein, Parfüms), Ausschneider von Kupferflittern, Schmiede, Giesser, Pelzarbeiter, Klempner; Fabrikanten von Schnupftabak, Schiesspulver und Teer; Feldarbeiter, Tischler, Maurer, Pantoffelstepper, Gips- und Brunnenarbeiter, Töpfer, Posamentier, Sattler, Weber, Schneider und Gerber. Leider hat das Handwerk eine grosse- Krisis zu überwinden. Die besten Handwerker sind während der letzten Hungersnot gestorben. Ich habe schon an anderer Stelle gesagt, dass vor sechs Jahren 107 Weber in Sanaa gewesen sind und jetzt nur noch sieben; dieselbe erschreckende Sterblichkeit hat auch die übrigen Gewerbe dezimiert, und fast alle geschickten Handwerker sind umgekommen. Diese Handwerker bilden zwa,r keine geschlossenen Korporationen, gemeinhin aber lehren sie ihr Gewerbe nur ihre Kinder; da nun viele von ihnen ihre ganze Familie verloren haben, fehlt es an Lehrlingen, die Meister arbeiten allein, und nach ihrem Tode wird ihr Gewerbe aus der Gemeinde verschwunden sein. Die Schmiede bieten hierfür ein treffendes Beispiel. Heute gehören alle Schmiede Werkstätten der Stadt den Mohammedanern, und die drei jüdischen Schmiede aus Sanaa müssen zur Gewinnung ihres Lebensunterhalts zur Arbeit auf die Dörfer gehen; nur zu den Feiertagen kommen sie zu ihrer Familie zurück. Die Juden leisten in der Hauptsache nur die gröberen Arbeiten; da sie für eine sehr arme Bevölkerung und für sehr dürftigen Lohn arbeiten, haben sie auch nicht nötig, grosse Sorgfalt auf ihr Werk zu verwenden. Aber sie sind weder ungeschickt noch unintelligent; Avenn sie ein wenig angeleitet werden, können sie nach einer Zeichnung und einem Muster sehr geschickt und kunstvoll kopieren. Der Jude erreicht immer noch nicht die vollendete Leistung europäischer Arbeiter, denn der Orientale hat nicht die Geduld, durch sorgfältige Kleinarbeit die Vollkommenheit des Ganzen zu erhöhen, aber es wird doch das Werk einer geübten Hand, die mit primitivem Werkzeug zu arbeiten hat. Bevor ich die Schulmöbel für die neue Schule bestellte, Avollte ich mir ein Modell für eine Tischbank machen lassen. Unsere Notabein rieten mir, mich deswegen an einen türkischen oder arabischen Tischler zu wenden, die für die Staatsverwaltung zu arbeiten gewöhnt sind; ich liess mir einen jüdischen Tischler kommen, der nach meinen Angaben ein ganz brauchbares Möbelstück hergestellt hat. Ich habe bei Goldschmieden sehr feine Filigranarbeiten gesehen und habebei anderen beobachtet, dass sie mit grossem Geschmack Nargilehs in Kupfer mit eingelegtem Silber ziseliert haben. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit vor allem dem Lehrlingswerk zuwenden. Hier gibt es Kinder, die ihr Brot durch Wasserschöpfen oder Botengänge verdienen, oder die Stellungen in den Geschäften suchen; solchen Kindern muss man einen guten Broterwerb verschaffen, am besten im Handwerk ihrer Eltern. Die Stadt entwickelt, die Zahl der türkischen Zivil- und Militärbeamten vergrössert sich, und da die Beamten jetzt regelmässig bezahlt werden, geben sie gern Geld aus und möchten sich dafür etwas Komfort verschaffen. Auch einzelne arabische Familien, die mit diesen Beamten verkehren, fangen an, besser zu leben. Bei den grossen Entfernungen und unbequemen Verbindungen ist es zu kostspielig, alles aus der Ferne kommen zu lassen — darum ist die Begründung einer heimischen Industrie eine Notwendigkeit, und der Jude wäre sehr geeignet, sie hier ins Leben zu rufen. Besonders störend macht sich in Sanaa der Mangel an Möbeln bemerkbar. Es wäre ein leichtes, geeignete Zeichnungen aus Europa und selbst einige einfache Möbelstücke aus Indien kommen zu lassen, unsere Tischler würden sich bald zu Kunsttischlern weiterbilden und würden aus dem vorzüglichen Holz des Landes Tische, Stühle, Lehnstühle, Schränke und Bettstellen anfertigen. Es genügt, dass jemand die Anregung dafür gibt und einige zur Arbeit erforderlichen Instrumente und Kleinigkeiten importiert, wie Schrauben verschiedenster Art, Leim und andere einfachste Dinge, die man hier wenig kennt. Für moderne Schmiedearbeit ist vorläufig in Sanaa noch kein grosser Bedarf, obgleich man auch schon anfängt, bei bestimmten Neubauten eiserne Gitter und Fensterstäbe zu verlangen: die Juden in Sanaa sind nicht mehr imstande, sie zu fabrizieren. Einzelne Hausbesitzer sprechen bereits davon, für ihre Gärten mechanische Pumpen und Bewässerungsapparate kommen zu lassen; es wäre jedenfalls sehr wünschenswert, dass unsere Juden wieder die geschickten Schmiede würden, die sie früher gewesen sind. Auch jüdische Steinschneider gibt es nicht mehr in Sanaa, obgleich dies ein gut bezahltes Gewerbe ist; die Stadt wird wieder aufgebaut und viele Arbeiter konnten dabei ihr Auskommen finden. Dagegen sind die jüdischen Maurer sefir' geschickt und leisten an einem Tage sehr viel mehr als die arabischen Arbeiter; nur sind heute nicht mehr viel jüdische Maurer hier. An den von uns zu errichtenden Schulbauten werden wir jüdische Handwerker beschäftigen, das wird ein gutes Beispiel sein und wird die Jugend zur Erlernung des Handwerks ermutigen. Im ganzen Lande gibt es viele jüdische Schuhmacher, die Pantoffeln und Sandalen herstellen. Die beiden einzigen Schuhmacher, die in Sanaa europäisches .Schuhzeug anfertigen, sind Juden. Da sie sehr arm sind, haben sie nur ganz kleine Läden und sind deshalb nur in der Lage, eine beschränkte Zahl von Kunden zu bedienen. Daher kommt es, dass alle Militärbeamten und die Leute, die europäisches Schuhwerk tragen, ihre Schuhe und Stiefel in Smyrna kaufen; das sind Konstantinopeler Fabrikate. In Sanaa könnten fünfzig Familien von der Herstellung europäischer Schuhe leben, wenn man den jetzigen Schuhmachern die Mittel gäbe, ihre Läden zu vergrössern und Lehrlinge auszubilden. Dieselben Zustände herrschen bei den Schneidern. Die sehr zahlreichen europäisch gekleidetenPersonen kaufen die gewöhnlichste aus Smyrna. Konstantinopel und Oesterreich kommende Konfektion; einige, selbst einfache Schneider könnten hier sehr crut vorwärts kommen. Die Schneider

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