Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 275 - 276 (sequence 8)
- Language
- German
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275 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Aliiance-Expedition nach dem Yernen. 276 an, dass der zivilisierte, angesehene, besonders aber der türkisierte Jude ein wertvoller Hilfsarbeiter für sein Friedenswerk sein muss. Ein Beamter, den ich gebeten hatte, sich unserer Brüder anzunehmen, sagte mir: „Türken und Juden sind eigentlich von Natur Freunde, wir müssen in Eintracht gegen den gemeinschaftlichen Feind, den Araber, vorgehen." Und ein anderer Beamter sagte mir in einem Augenblick des Freimuts: „Sie wundern sich über die traurige Lage Ihrer Brüder; was würden Sie erst sagen, wenn Sie den Hass der Araber gegen die Türken kennen lernten. Der Jude ist für sie noch das Volk des heiligen Buches, dessen Leben und Gut er respektieren soll, für uns aber hat er gar kein Mitleid, wir sind in seinen Augen ohne Gesetz und ohne Glauben." Er sprach die Wahrheit. Kürzlich kamen drei türkische Zeugen vor das geistliche Gericht, der arabische Angeklagte wendet sich an seinen Prozessgegner und sagt: „Du h ,ttest drei mohammedanische Zeugen angemeldet, wo sind sie?" Und der Kadi erhebt sich voller Zorn und schreit vor versammeltem Volk: „Sind denn die Türken keine Mohammedaner?" Bei dieser Sachlage will der Türke den Araber nicht gern ärgern und gestattet, dass der Jude gequält wird. Auf den Dörfern geht es den Juden noch schlimmer als in der Stadt; ob sie nun den Türken oder den Arabern oder den Scheichs unterstehen, das Unglück ist für sie gleich gross. Alle Dorfjuden, die ich gesprochen habe, sagten mir: "„Sanaa, das ist der Gan Eden, das Paradies, wir aber leben in der Hölle!" Man schlägt heute die Juden nicht mehr tot, denn der Mord ist ein Verbrechen, der über das ganze Dorf, den ganzen Stamm alle Arten Unglück heraufbeschwören würde; aber man spart ihnen keinen Aerger, kein Leiden. Zu jeder beliebigen Zeit muss der Jude auf Verlangen des Arabers bereit sein und die ihm aufgetragene Arbeit verrichten. Unser armer Bruder ist im Gebet, in der Synagoge; wenn er zum lieben Gott spricht, vergisst er sein Elend und denkt an die Seligkeit der künftigen Welt — da ruft ihn der Araber, er fällt in die traurige Wirklichkeit zurück, der Araber reisst ihm Bücher und Tephilin fort, weil er nicht schnell genug geantwortet hat. Nach getaner harter Arbeit wird er nicht etwa Bezahlung verlangen, der Araber gibt ihm je nach Laune einen höheren oder geringeren Lohn, wenn er ihn nicht gar ohne jede Bezahlung mit Schlägen heimschickt. In einzelnen Dörfern sind die Juden „Amils", richtige Hörige. Sie arbeiten Tag und Nacht für den „Kaba'ü"; einige machen ihm das Schuhwerk, andere die Kleider, die Ackergeräte und alles übrige. Die Juden, Männer, Frauen und Kinder sind im Dienst sämtlicher Bauern des Dorfes; während der Ernte gibt man ihnen ein bestimmtes Mass der verschiedenen Getreidesorten. Das alte Gesetz des Araberstammes, das „Taguth", bewilligte ihnen den 40. Teil des Ernteertrages, aber man beobachtet dieses Gesetz den Juden gegenüber nicht mehr, und der Kabail gibt je nach Laune seinem Amil ein paar Hände voll Getreide. Der arme Jude zieht befriedigt ab und ernährt und erzieht damit seine Familie bis zur nächsten Ernte. Man kann sich danach die Armut vorstellen, in der diese Massen leben. Die materielle Not hat die geistige und moralische Erniedrigung zur Folge; manche dieser Leute sehen ganz blöde aus, schauen mit furchtsamen Blicken um sich, und wenn man sie anredet, bekommt man nur einsilbige Antworten: „Das weiss ich nicht; wir warten auf das Ende des Dschaluth (Golus)!" Mir ist es indessen gelungen, einige von ihnen gefügig zu machen. Sie haben sich mit mir unterhalten, und auf meine Frage, warum sie nicht lieber nach den Städten übersiedeln, antworteten sie mir: „Wir sind an unsere Lebensweise gewöhnt, wir haben unsere Häuschen, unsere Synagogen — würde es uns denn anderwärts besser gehen? Würden wir überhaupt unseren Lebensunterhalt verdienen können? Wir müssen eben leiden, weil es Gottes Wille ist. Ja, wenn er unserem Dschaluth ein Ende machen und uns nach Erez Israel führen wollte!" Andere sagten: „Wir würden gern unsere Dörfer verlassen und nach Jerusalem ziehen, aber die Reise kostet soviel, und wir sind sehr arm. Freunde von uns, die. hingegangen sind, haben uns geschrieben, dass sie sehr viei leiden mussten, und raten uns, lieber hier zu bleiben." Aus manchen Orten lassen die Araber die Juden nicht fort. Einer dieser jammervollen Männer sagte mir: „Ich 'bin in die Stadt gekommen, aber meine Frau und die Kinder sind noch im Dorf, man behält sie bis zu meiner Rückkehr als Geisel." In gewissen Gegenden ist der Jude so sehr an sein Schicksal gewöhnt, dass er sich gar keine bessere Lage vorstellen kann. Ich befrage die Leute: „Geht es euch hier gut?" „Ja, sehr gut, wir leben ganz ruhig." „Bezahlt man euch regelmässig?" „Nicht immer, sie sind ja die Herren." In der Tat haben diese Armen gar nicht das Bewusstsein ihres Elends, sie finden ihren Schmerz ganz selbstverständlich, sind sie denn nicht zum Leiden geboren? Manche könnten auch sagen: „Wir sind sehr glücklich, wir sind nach Sanaa gekommen, ohne dass uns jemand unterwegs angegriffen hätte." Manche Häuptlinge sind grossmütig genug, keine Steuern von ihnen zu verlangen; anderwärts bezahlt der Jude regelmässig seine Abgabe an den Imam, an den Scheich oder an die türkische Regierung; manchmal bezahlen sie auch an zwei, sogar an drei Herren, und viele fassen ihre Trauer in den Bibelvers zusammen: „Am Morgen sagen wir, warum sind wir noch nicht am Abend, und am Abend, warum sind wir nicht schon am Morgen!" Die materielle Lage. Die materielle Lage aller Einwohner des Yemen ist nicht besonders günstig, die unserer Glaubensgenossen aber ausserordentlich traurig. Das Land ist arm. Die seit zweitausend Jahren währenden Kriege und Revolutionen haben das Land zugrunde, gerichtet und entvölkert; es fehlt an Arbeitskräften zur Bestellung der Felder, und die herrlichen Ebenen müssen auf vielen hundert Meilen brach liegen. Der Bauer ist auch kein grosser Freund der Arbeit. Er geniesst das far niente des Orients, die schöne Natur, die reine Luft, und denkt nicht daran, sein Schicksal besser zu gestalten. Er stopft seinen langen Tschibuk mit dem Tabak der Berge, der ihn nichts kostet, legt ein Stück glühenden Kuhmist darauf, um ihn-in Brand zu halten, streckt sich in der Sonne aus und schaut zufrieden und glücklich den Tabaksringeln nach. Er macht sich nichts daraus, schlecht gekleidet und schlecht genährt zu sein. Der in seinem Dorf lebende und für ihn arbeitende Jude hat leider eine sehr unsichere Existenz- Man kann sich von diesem Elend keine Vorstellung machen; es fehlt alles, was das Leben ein wenig angenehm machen kann. Nicht ein Möbelstück steht in den Häusern, keine Bettstelle und keine Betten. In Sanaa legen sich reiche und arme Leute abends auf eine dünne Matratze, eine Matte von Palmblättern, zum Schlafen nieder und decken sich mit einem Hammelfell zu. Auf dem Lande legt man sich zum Schutze vor dem Ungeziefer, das auf der blossen Erde herumwimmelt, zum Schlafen in einen Sack. Man zieht sich vollständig aus, kriecht in den grossen Sack und schliesst ihn von innen mit einem Schnürband. Stillende Mütter nehmen ihre Säuglinge mit in den Sack. Da es nachts immer ziemlich kühl ist, gewöhnt man sich schnell an diese eingeschlossene Luft. Als Küchenutensilien genügen ein paar Krüge und Schüsseln aus Ton und einige Körbe; man besitzt nicht einen einzigen Gegenstand aus Metall oder Porzellan, keine Gabeln, keine Löffel; man rührt das Essen mit einem Stück Holz um, und das Taschenmesser des Vaters dient zum Zerschneiden aller Speisen. Das aus Sorgho gebackene Brot ist der Hauptbestandteil der Nahrung: man tunkt es in eine scharfe Sauce, Helbe genannt. Das allgemeine Getränk ist der Aufguss der Kaffeerinde, der Kischer, man trinkt ihn Tag und Nacht, — In den Städten wird in allen Familien viel Araki getrunken, ein aus getrockneten Trauben bereiteter Branntwein. Sehr gesucht ist geschmolzene Butter; manche essen sie mit dem Kischer gemischt, andere giessen sie sich lieber über den Kopf und über den Körper (sie glauben dadurch grosse Kräfte zu bekommen), und ihr Kittel und ihre Kappe sind so durchtränkt davon, dass sie wie Wachstuch aussehen. Da ihre Kleider sie nicht ausreichend gegen die von den Bergen kommende Kälte schützt, tragen viele über ihrem Kittel ein in Paletotform zugeschnittenes Fell ohne jeden Stoffüberzug. Morgens tragen sie das Fell mit den Haaren dem Körper zugewendet, mittags, wenn es wärmer wird, wird der Paletot mit den Haaren nach aussen gedreht. Ich habe in den cisigkaltcn Morgenstunden Kinder gesellen, die als