Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 273 - 274 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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273 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die AUiance-EspeJition nach dem Yemen. 274 ohne Simamim zurückgekehrt, man quälte sie solange, dass sie falsche Haarlocken an ihre Käppchen nähten, bis die Simamim wieder gewachsen waren. Der Jude darf nicht auf einem Reittier in die Stadt kommen, sondern muss jeden Morgen und jeden Abend zu Fuss die drei Kilonieter laufen, die seinen Stadtteil vom Markt trennen. Kürzlich sagte ein vornehmer Araber zum Oberrabbiner: „Mir scheint, Sie wollen ein Pferd oder einen Esel besteigen, nehmen Sie sich in acht!" Der Oberrabbiner vergisst diese Mahnung nicht, und wenn ich ihn einlade, zu mir in den Wagen zu steigen, antwortet er traurig: „Wollen Sie, dass man mich steinigt? Wenn ich nicht in Ihrer Begleitung wäre, würde ich es nie gewagt haben, am Freitag durch die Hauptstrasse zu gehen.'1 Wir gehen also zu Fuss, und sein schleppender Schritt hebt Staubwolken auf, die seine mageren Beine grau umhüllen. Im vorigen Jahr wäre ein Jude aus Tiberias, der sich auf einer Bettelreise befand, beinahe totgeschlagen worden, weil er in einem langen Gewand durch die Stadt gegangen war; die arabischen Kinder spien ihn an und bewarfen ihn mit Schmutz, und er verdankte seine Rettung nur der Intervention eines Mollah, der ihn von Paliistina her kannte. Tagtäglich amüsieren die arabischen Kinder sich damit, die vorbeigehenden Juden mit Steinen zu werfen; die Getroffenen tun, als merkten sie es nicht und beschleunigen ihren Schritt; man spuckt ihnen ins Gesicht — sie wenden den Kopf ab. Ein höherer Offizier erzählt mir eine Szene, wie er sie öfter beobachtet hat: junge Leute treffen einen alten Juden und zupfen ihn an seinen Simamim; er lacht albern und schneidet Grimassen. Der Jude ist an diese Erniedrigungen so gewöhnt, dass er jedes Gefühl von Würde verloren hat, sein Schicksal auf sich nimmt und lächelt, statt sich zu empören. Was könnte er auch tun? Ein Aufstand würde ihm noch mehr Unannehmlichkeiten zuziehen. Tagtäglich sind unsere Glaubensgenossen allen Arten von Beleidigungen und Angriffen ausgesetzt; sie beklagen sich nicht einmal darüber, denn es gibt für sie keine Gerechtigkeit. Die Gerichte im Yemen sind durchweg konfessionelle Gerichte, das Zeugnis eines Juden wird nicht einmal zugelassen. Ein Mohammedaner kann in Gegenwart von fünfzig Personen einen Juden erschlagen und braucht nur zu leugnen, um freigesprochen zu werden; kein Muselmann würde gegen seinen Glaubensbruder für einen Ungläubigen zeugen. Im folgenden gebe ich eine Reihe von Tatsachen wieder, die während des letzten Monats meines Aufenthalts in Sanaa vorgekommen sind. 15. April. Seid Mansur ist ein kleiner jüdischer Ladenbesitzer; ein Araber kauft ihm eine Kleinigkeit für einen Piaster ab und geht weiter. Nach einigen Minuten kommt er wieder zurück, er will den Gegenstand nicht mehr, und Mansur nimmt ihn ohne Protest zurück. Der Araber hat mit einem Zwei-Piaster-Stück bezahlt, Mansur verlangt den Piaster zurück, den er ihm herausgegeben hatte, der andere weigert sich, und da Mansur eigensinnig sein Geld zurückverlangt, will der Araber ihn niederschlagen. Man geht zum Kommissarius, wo der Araber erklärt, der Jude habe ihn geschlagen, weil er ihm einen Gegenstand zurückgeben wollte, der ihm nicht gefiel. Der Araber hat mehrere Zeugen, während der Jude, der nur eine Kopfwunde und Verletzungen des Armes aufzuweisen hat, keinen einzigen Verteidiger findet. Einige Mittelspersonen stiften Frieden, und der Araber verzichtet grossmütig auf die Klage gegen den Juden. 22. April. Salem El Dschomal verkauft Kohlen; ein Araber bietet ihm zwei Piaster für einen Korb Kohlen, der Jude verlangt drei Piaster, der Araber wird wütend und schlägt den Juden so heftig, dass er zwei Wunden am Kopf hat, und dass sein Schmerzonsgeschrei 200 Meter im Umkreis gehört wird. Man führt beide auf die Wache und nimmt ein Protokoll auf. Salem hat viele Freunde unter den Mohammedanern, die ihm alle ihr Zeugnis zusagen; er lässt eine Klage aufsetzen, bezahlt den Schreiber, den Stempel und verliert mehrere Arbeitstage, um bei Gericht darauf zu warten, dass seine Angelegenheit an die Reihe kommt. Seine von anderen Mohammedanern bearbeiteten Zeugen sind nicht mehr so eifrig, ihm beizustehen und erklären im letzten Augenblick, sie hätten nichts gesehen und nichts gehört. Einer glaubt sich aber zu erinnern, dass er den Araber inmitten eines Kreises ihn bedrohender Juden gesehen habe, nur sein Einschreiten habe ihn gerettet. Der Araber wird freigesprochen. 2. Mai, Mussa kommt vom Markt zurück, und ein paar betrunkene Araber wollen ihn schlagen. Mussa erhebt den Arm, um sich zu schützen, sofort wird geschrien: ein Jude habe einen Muselmann schlagen wollen. Der Jude wirft sich zu Boden und umklammert weinend die Knie der Zuschauer. Man lässt ihn laufen. 3. Mai. Pinchas, der Bruder eines Kaufmanns, hat über seinen Kittel einen alten Ueberzieher gezogen, den er gelegentlich gekauft hat. Ein Araber befiehlt ihm, ihn auszuziehen. Pinchas weigert sich, wird durchgeprügelt und läuft zum nahen Polizeibureau, wo er dem diensttuenden Beamten die Sache erzählt. „Hast du Zeugen?" fragt ihn dieser. „Nein, aber das ist hier der Araber, der mich geschlagen hat." Ein etwas derbes Schimpfwort war die Antwort der Behörde, und Pinchas geht weiter. 13. Mai. Jahye kommt auf einem Esel reitend aus einem Dorf in die Stadt zurück; zwei Araber treffen ihn und befehlen ihm, abzusteigen. „Alla rayek (mit Ihrer Erlaubnis)", antwortet der Jude in bittendem Ton. Die gefühllosen Araber werfen ihn vom Esel, treten ihn mit Füssen, verwunden ihn ernstlich am Kopf, den Armen und dem übrigen Körper. Andere Araber kommen hinzu, Polizeibeamte bringen die ganze Gesellschaft zum Kommissarius, der ein Protokoll über den Vorfall aufnimmt. Man macht dem Jahye begreiflich, dass er nichts erreichen würde, weil er keine Zeugen habe, ein Prozess würde ihn nur Zeit und Geld kosten; dann nimmt man ihm einen Taler ab, und die Sache ist erledigt. Und so geht es das ganze Jahr hindurch, ohne dass etwas dagegen geschieht. Die Behörden sagen: „Das Gesetz ist nun einmal so, wir können den Kadis nicht befehlen, das Zeugnis eines Juden gelten zulassen." Der Kadi versichert mich seiner grossen Sympathie für die Juden, er verspricht mir, die mohammedanischen Zeugen dazu anzuhalten, auch gegen ihre Glaubensbrüder die Wahrheit zu sagen — aber die Zeugen kommen gar nicht bis vor sein Gericht, sie haben nie etwas gesehen oder gehört. Wenn man in Sanaa die Einsetzung eines gemischten Gerichts erreichen könnte, das ist ein Gericht, das nach dem Zivilrecht unter dem Vorsitz des Kadi Recht spricht, so wäre dies ein Segen für unsere Brüder. Der Jude erträgt auch die, wenn ich so sagen darf, offiziellen Ungerechtigkeiten. Er bezahlt alle Steuern und hat trotzdem keinerlei Rechte. Vor fünf Jahren bildeten die Juden den fünften Teil der Gesamtbevölkerung von Sanaa, heute höchstens noch den siebenten oder achten Teil; weder in der städtischen nocli in der Bezirks Vertretung, noch in irgendeeiner anderen Kommission sitzt ein Jude. Der Jude bezahlt fünf- bis sechsmal mehr Gewerbesteuer als der Araber, ohne dass er reklamieren dürfte; er erträgt alles stillschweigend. Obgleich das heutige Judenviertel zum Teil aus Ruinen besteht, ist es doch eine bedeutende Gesamtheit. — Abends ist dieser Stadtteil in tiefste Finsternis gehüllt, denn die städtische Behörde hält es nicht für nötig, eine einzige Laterne aufzustellen. Das Judenviertel kennt keine Strassenreinigung; im arabischen und türkischen Viertel werden die Strassen von städtischen Strassenfegern sauber gehalten, die Juden müssen die Strassen vor ihren Häusern selbst fegen und den Schmutz fortschaffen. Die Juden ertragen alles, ohne sich zu beklagen; was sie aber aufs äusserste demütigt und empört, ist, dass sie allein im ganzen Lande Yemen die Verpflichtung haben, die Abfuhrarbeiten zu besorgen, und wenn in irgendeinem Stadtteil ein Tier auf der Strasse verendet, so müssen sie es aus der Stadt schaffen. Trotzdem ist die Eroberung der Türken noch ein grosser Vorteil für die Juden gewesen; sie dürfen jetzt wenigstens in Frieden auf bessere Zeiten und auf relative Gerechtigkeit hoffen. Der Türke fängt übrigens auch schon zu begreifen