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Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 271 - 272

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
Date
1911-03-01
Page
Seite 271 - 272 (sequence 6)
Language
German
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271 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Allumce-Expedition nach dem Yemen. 272 stammte aus Aegypten: sie war arm und war mit den Mamelucken nach dem Yemen gekommen. Ihr Oberhaupt, Aron Aragui Hakohen arbeitete mit seiner Frau im Königspalast zu Redda, er war Arzt und noch mehr Magier. Sein Sohn Salem oder Schalom wuchs mit dem Sohn des Imam auf, und als dieser seinem Vater auf dem Thron folgte, wurde er sein Ratgeber und sein Vertrauter. Er veranlasste seinen Gebieter zur Eroberung von Sanaa, und als das Unternehmen gelang, und der Jude den zweiten Platz im Königreich einnahm, erhielt er den Titel Usta, der Meister. Salem benutzte seine Macht, um seine Glaubensgenossen zu beschützen. Die Araber hatten eben erst die Feuerwaffen kennen gelernt, und die Juden wurden mit der Herstellung des Pulvers beauftragt. Sie allein hatten auch das Recht, die Münzen des Königreichs zu prägen. Sie konnten sich jetzt der grossten Freiheit erfreuen, sie vermehrten sich und kamen gut vorwärts. Im Jahre 1762 besuchte der dänische Gelehrte Nieburg das Land Yemen und konstatierte mit Erstaunen die grosse Bedeutung der Juden in Sanaa und den andern Städten. Unsere Glaubensgenossen befanden sich damals in vollstem materiellen Wohlstand, waren aber im übrigen durch religiöse Spaltungen beunruhigt. Die ersten gedruckten Bücher waivn in den Yemen gekommen, und der Usta wollte der ganzen Gemeinde die Liturgie seiner Väter, die palästinensische Liturgie (Schami) aufdrängen. Trotz seiner Macht scheiterte dieser Plan, und um die \on ihm entzündeten Kämpfe zu stillen, liess er eine grosse Synagoge bauen, in der er mit seinen Freiinden nach dem Brauch von Jerusalem betete; den andern Gemeindegliedcrn liess er die Freiheit, ihre alten Gewohnheiten beizubehalten. Der Usta war ein grosser Baumeister. In fast allen Gemeinden liess er Synagogen, Badeanstalten und Tauchbäder erbauen, in Sanaa baute er einen ganzen Stadtteil; sein Name war überall geliebt und geachtet. Bei jenen Juden aber, die in direkter Linie von den Grossen am Hofe Salomos abzustammen behaupteten und Stammbäume besassen. deren genealogische Tafeln die Reihen ihrer Vorfahren bis zur babylonischen Gefangenschaft nachwiesen, galt der Usta als ein Mann von bescheidener Herkunft. So kam es, dass mehrere dieser Edelleute in Lumpen sich zu vornehm dünkten, den Sohn des Usta als Schwiegersohn in ihre Familie aufzunehmen. Im Zorn darüber liess er mit Gewalt alle Stammbäume vor sich bringen und liass sie verbrennen. Seitdem, so sagt man, gibt es keinen Unterschied mehr zwischen den Familien; einige Dorfjuden, die noch für minderwertig gehalten wurden, Aveil sie angeblich von übergetretenen Sklaven abstammten, wurden jetzt ebenfalls in die Familie Israel aufgenommen, und man rechnete ihnen ihren Ursprung nicht mehr an. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hatte die Gemeinde Sanaa wiederum ein sehr hochgeachtetes Oberhaupt, das seiner grossen Gelehrsamkeit und seiner innigen Frömmigkeit wegen berühmt war: More Jahye Saleh. Auch er erbaute sich seine Synagoge, Be'th Saleh, in der viele Schüler seinem Unterricht folgten. Selbst die Araber erwiesen ihm grosse Verehrung und hatten Vertrauen zu ihm. Wenn der Regen fehlte, ging man zu More Jahye, damit er darum bete, und wenn der fromme Rabbi sich zum Friedhof begab, um dort zu beten, nahmen die Ackerleute ihre Pflüge und gingen aufs Feld. ..Das Gebet des More Jahye steigt direkt zu Gott empor'', war lange Zeit ein arabisches Sprichwort. Nach der Rückkehr aus Mansa und der Errichtung des neuen Judenviertels zu Beginn des 19. Jahrhunderts kamen die Araber regelmässig aus den Bergen und plünderten che jüdischen Häuser. Um diese Ucberfälle zu verhüten, liess ein neuer Imam, El Mahdi, eine zweite Stadtmauer bauen. Dieser Imam liebte die Israeliten sehr und empfing sie gern bei sich. In der Bibliothek seines Palastes hatte er eine grosse Anzahl von hebräischen und arabischen Werken gesammelt, die die Geschichte und die Wissenschaft der Juden behandelten. Nach seinem Tode liess sein Sohn Ali, ein missgünstiger und grausamer Fürst, die Güter der jüdischen Lieblinge seines Vaters konfiszieren und legte ihnen tausend Qualen auf. Sein Bruder Nasser vertrieb ihn vom Thron und verfolgte die Juden unter dem Vorwand, sie hätten El Mahdi konvertiert. Fünfzig Juden wurden gehängt, der Gemeinde wurden unzählige Beschränkungen auferlegt; sie durften"in den Häusern und in den Synagogen keinerlei Geräusch machen, sie durften weder singen noch lachen, ja nicht einmal weinen; Scheiterhaufen wurden angezündet, um alle jüdischen Gesetzbücher zu verbrennen. Unsere unglücklichen Glaubensbrüder gaben ihr letztes her, um ihre heiligen Bücher loszukaufen, die ihren Trost und ihre Hoffnung bilden. Auch Nasser wird vom Thron verjagt, und der neue Imam ruft zur Kräftigung seiner Macht die Türken zu Hilfe. Diese waren damals an der Küste ansässig; sie kamen nach Sanaa und Hessen sich auf dem Berge Nugom nieder. Die Juden begrüssten sie mit Freuden und brachten ihnen alle Arten von Vorräten, darunter auch Fleisch. Die Araber wunderten sich: waren das richtige Mohammedaner, die von den unreinen Lebensmittel der Ungläubigen assen? Als am Freitag nach der Morgenandacht die türkischen Soldaten arglos in den Bazaren umherspazierten, wurden sie von den Arabern überfallen und ohne Mitleid hingemetzelt; nur sehr wenige konnten entfliehen. Die Juden, die Ursache aller dieser Leiden, wurden wiederum verfolgt, mehrere starben unter der Folter, und die Gemeinde Sanaa war von neuem ihrer Auflösung nahe. Zu dieser Zeit besuchte ein in Jerusalem lebender russischer Rabbiner, Ihn Saphir, das Land Yemen; der Bericht über seine mühselige Reise ist voller Leben und Wahrheit, und er erzählt mit ergreifender Wehmut von den Leiden seiner unglücklichen Brüder. Im Jahre 1S71 kamen die Türken unter der Führung von Mukthar Pascha wieder in die Berge, bemächtigten sich der Stadt Sanaa und siedelten sich überall im Lande an. Ihre Herrschaft wurde den kriegerischen und fanatischen Völkerschaften unangenehm; Revolten brachen aus und wurden im Blut erstickt. Die Nachkommen der alten Imams, die sich den Türken unterworfen hatten, benutzten diese Unruhen, um ihre unabhängige Herrschaft wieder herzustellen, und heute hofft der Imam Seid Jahye Ibn Mohammed, wie einstmals seine Vorfahren, den Türken aus dem Yemen zu vertreiben. Der Eroberer hat noch nicht viel für die Entwicklung des Landes geleistet; es gibt keine Landstrasse von Hodeidah nach Sanaa, man muss auf Gemsenpfaden von einem Ort zum andern gelangen. Aber es steht uns nicht zu, die Fehler vergangener Zeiten zu beurteilen; wir werden im nächsten Kapitel sehen, wie wohltätig die Eroberung der Türken für unsre leidenden Brüder gewesen ist. Die politische Lage. Das Land Yemen ist eine Besitzung der Türkei, die ihr tatsächlich noch nicht gehört. Es bildet eine Gesamtheit von mehr oder weniger unabhängiger Provinzen, die ohne Methode und ganz ungleichmässig regiert werden. In Sanaa, in Menaha und in Damar kommandiert die türkische Regierung, aber der Imam kassiert hier die von seinen Vorfahren eingeführten Steuern ein. Anderwärts hat die Türkei ihre Garnisonen, aber die Eingeborenen regieren nach eigenem Gutdünken. Im Norden ist der Imam absoluter Herrscher und beherrscht von seiner uneinnehmbaren Festung Gare aus das ganze Gebirgsland; im Süden besteht noch die patriarchalische Regierung der Stammesältesten, die dem Gesetz des „Taguth" folgen; der Osten und Westen hat gemischte Gebiete, in denen abwechselnd und manchmal nebeneinander die Türkei, der Imam und die Scheichs ihren Willen zur Geltung bringen, so dass der arme Jude fünfzig Herren und hundert verschiedene Gesetze zu beobachten hat, die sein Leben verbittern. In Sanaa zum Beispiel hat der Jude das Recht, nach eigener Wahl zu kommen und zu gehen und zu arbeiten, aber seine Freiheit ist tausendfach durch die Landessitten und Jahrhunderte alten Gebräuche eingeschränkt, so dass man sich fragen muss, ob der Araber den Juden denn wirklich für ein menschliches Wesen hält oder für ein untergeordnetes Geschöpf, für einen unreinen Heloten, den man nur duldet. Der Jude darf ausserhalb seines Viertels keine weissen oder farbigen Kleider tragen und keine langen weitärmeligen Gewänder gleich den Arabern; er muss statt dessen einen lächerlich kurzen Rock anziehen, der seine Beine freilässt, muss barfuss gehen, ein kleines Käppchen als Kopfbedeckung und die beiden lang herabhängenden Seitenlocken, die Simamim, tragen. Die in Aegypten gewesenen Juden waren

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