Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 267 - 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584006-2584010-2602666--11584-2602751- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
267 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Alliance-Expedition nach dem Yenien. 268 Pult stellt in einem Winkel des Raumes; für die Vorlesung ans der Thora stellt man es in die Mitte und trägt es nachher wieder in den Winkel zurück. Das Ausheben des Sefers hat gar nichts Feierliches. Der Chasan geht auf den Schrank zu, ergreift das Sefer mit so wenig Andacht, als wenn er irgendeinen anderen Gegenstand berührte, trägt es auf den Teba, öffnet unter dem Beistand der Umstehenden die Büchse, die die heilige Rolle umschliesst, rollt das Pergament auf, und indem er es mit zwei von einem Taschentuch umhüllten Fingern festhält, ruft er mit lauter Stimme: „Das ist das CJcsetz!" In diesem Moment pflegt der Tempel ziemlich leer zu sein; das ist die Zeit, da alle Andächtigen nach Hause gegangen sind, um das erste Frühstück zu sich zu nehmen. Ich erinnere mich, dass wir einmal an einem Sabbat 150 Personen zum Morgengebet beisammen waren; alle waren sie vor der Vorlesung aus dem heiligen Gesetz feingegangen; als der Chasan den Cohen zum Sefer rief, waren nur noch sieben Personen anwesend. Bald darauf füllt der Tempel sich von neuem, die Gläubigen kehren zurück, manche noch am letzten Bissen kauend. Manche bringen kleine schwarze Krüge voll Kischer mit, setzen sich, öffnen ihre grossen Bücher auf den kleinen Sesseln, ziehen kleine Becher aus der Tasche, füllen sie mit Kischer und bieten sie ihren Nachbarn und ihren Kindern a.i. Die Person, die zum Sefar hinaufgeht, liest selbst den Abschnitt; sobald eine Abteilung zu Ende ist, stimmt ein dazu bereit stehendes Kind denTargum an und bis zum Schluss der Vorlesung wird abwechselnd hebräisch und aramäisch gelesen. In einzelnen Synagogen wird auch die Haftarah von einem Kind ins Aramäische übersetzt, in andern von zwei Kindern im Chor gesprochen. Die Gebete werden ohne grosses Pathos und ohne viele Geberden gesprochen; das besonders laute Schreien wird nur bestimmten Personen gestattet. Der Yemenite hat vor dem lieben Gott dieselbe Haltung, die er vor einem arabischen Grossen oder vor dem Gouverneur annimmt. Ein einziges Bild ist sehr eindrucksvoll: sobald die Schemone Esre beendet ist, hüllen alle Männer sich in ihren schwarzen Schemla ein und beugen sich zur Erde; in dieser Stellung verharren sie bis nach beendigtem Priestersegen. In den Synagogen und in Privathäusern habe ich Gelegenheit gehabt, eine grosse Anzahl mehr oder weniger alter Manuskripte zu sehen, von denen kein einziges mir besonders interessant erschien. Man hatte mir wohl von prächtigen Schriften aus der Feder der berühmten Soferim des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts erzählt, aber diese Schätze sind wahrscheinlich während der Kriege und Verfolgungen verloren gegangen. Fast alle Manuskripte, die man heute noch im Yemen findet, sind in verschiedenen Städten erschienen. Unsere Juden bevorzugen immer die Handschrift vor dem gedruckten Buch, und da es bis vor kurzem hierzulande noch viele Soferim gegeben hat, schrieben sie die ganze Bibel für ungefähr 100 Francs ab. Auch manche Privatleute, die viel freie Zeit hatten, schrieben für ihren persönlichen Gebrauch verschiedene Werke ab. So findet man heute viele Abschriften der Tefilah (Gebetbuch bellardi), oder Kcter (Krone) und des Pentateuch mit aramäischer Uebersetzung. Im Tempel des Scheh habe ich indessen sehr hübsche Fefilat gesehen, die von Benoya Hassofer und seinen Kindern vor 425 Jahren geschrieben worden sind. In derselben S37nagoge befindet sich eine prachtvolle Ausgabe der auf Pergament gedruckten Bibel, eine arabische Uebersetzung des Saadia, Werke von Jbn Djanah, einige anonyme Kommentare zu Maimonidcs und endlich eine Sammlung hebräischer Gesänge, die von More Salem El Schcbazi komponiert sind. Zur Geschichte der Juden im Yemen. In meinen Gesprächen mit den Rabbinen höre ich immer wieder dieselbe Wendung: „Haben wir denn Zeit an die Vergangenheit zu denken? Die Gegenwarb ist schwer genug, wozu sollen wir die Vergangenheit erwecken? Wir bemühen uns sogar, unsere Toten zu vergessen und feiern nur selten einen Sterbetag. Aus der Ueberlicferung wissen wir, dass wir zu Zeiten Salomonis ins Land gekommen sind; eine Zeitlang sind wir die Herren des Landes gewesen — aber seitdem! Nichts als Leiden, nichts als Verfolgungen! Und das ist alles!'' Etwas anderes wissen sie wirklich nicht. Von mir erst erfahren sie, dass der Schriftgelehrte Esra ihre A7orfahren aufgefordert hatte, mit ihm nach Jerusalem zurückzukehren, und dass sie sich dessen geweigert haben. Der grosse Patriot verfluchte sie, und seit jener Zeit trug kein Jude im Yemen mehr den Namen Esra. (Bei meinen Zählungslisten habe ich nur ein einziges Mal den Namen Pinchas Ibn Esra Mogari gefunden.) Da ich aus den Erinnerungen der Menschen nichts erfahren konnte, habe ich versucht, aus Büchern einige Brocken Geschichte zu schöpfen. Die Juden müssen im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung nach dem Yemen gekommen sein. Der Hymiariterkönig Toba, Sohn des Hassan, hatte während seiner Feldzüge im Hedschas Gelegenheit, die reichen und mächtigen j üdischen Stämme zu sehen, die in der Umgegend von Jatreb lebten. Zwei Rabbinen des Stammes Benu Koraitza übten einen so entscheidenden Einfluss auf sein Gemüt, dass er zum Judentum übertrat. Er kehrte mit einer Anzahl seiner neuen Glaubensgenossen in das Land Yemen zurück, doch die Bevölkerung von Sanaa verschloss vor diesem seinen Göttern abtrünnig gewordenen König die Tore der Stadt. Nach langen Verhandlungen entschloss man sich zu einem ähnlichen Gottesurteil, wie es Elia den Priestern des Baal auferlegt hatte. Die jüdischen Rabbinen und die Götzenpriester sollten einen in der Nähe von Sanaa belegenen „rauchenden Berg" — wahrscheinlich ein Vulkan — durchschreiten. Die Rabbiner kehrten siegreich zurück, ihre Gegner kamen in den Flammen um. Das Volk erkannte die Macht Gottes und nahm die jüdische Religion an. In Arons bei Schiban, eine Tagereise nördlich von Sanaa, zeigt man in den Bergen cüe Grabstätten der ersten ins Land gekommenen Rabbinen. Sind es vielleicht die der beiden Gelehrten der Benu Koraitza? Der Nachfolger Tobas, König DhuNuas, war einglühender Anhänger der jüdischen Religion. Sein unerbittlicher Fanatismus ordnete die Zerstörung aller abweichenden Sekten des Landes an. In Nejran lebte damals eine christliche Gemeinde, die vollständig vernichtet wurde. Um diese Märtyrer zu rächen, überfiel der König von Aethiopien das Land Yemen, und der besiegte Dhu Nuas gab sich selbst den Tod. Das ganze Land wechselte nun die Religion und trat zum Christentum über. Viele Juden widerstanden lange Zeit, aber nach ausführlichen religiösen Kontroversen bekehrten sie sich ebenfalls. Nicht für lange Zeit, denn bald bemächtigten die Perser sich des Landes, und die jüdische Religion fand ihre Anhänger wieder. Zu Beginn des siebenten Jahrhunderts predigte Mahomet den Islam. Er verfolgte die jüdischen Stämme des Hedschas mit glühendem Hass, und viele von ihnen kamen in den Kriegen gegen den Propheten um. Manche nahmen seine Lehre an, viele aber gingen lieber in die Verbannung, ehe sie ihren Glauben aufgaben, und zogen nach Süden in das Land Yemen zu ihren dort bereits ansässigen Glaubensbrüdern. Sie durften sich nicht lange des Friedens freuen, denn der Islam eroberte sich das Land Yemen, das bald unter den blutigen Kämpfen zwischen Sunniten und Schiiten schwer zu leiden hatte. Diese Kämpfe brachten auch den Juden schweres Unheil und viele mussten zum Islam übertreten. Das Judentum wäre vollständig aus diesem Lande verschwunden, wenn ihm nicht von aussen eine moralische Stütze, ein Lebensstoff gekommen wäre, der seinen schwankenden Glauben festigen sollte. Maimonides, dem die Lage der Juden zu Ohren gekommen war, schrieb damals den berühmten „Brief an die Temaniten", in dem er seine Brüder in einfachen, rührenden Worten beschwor, ihrer Vergangenheit treu zu bleiben und. die reine und schöne Thora nicht zu vergessen. Der Eindruck dieses Briefes war mächtig: die Juden gaben sich das Wort, ihren Gott nicht zu vergessen. In den Qualen ihrer grausamen Lage flüchteten sie zu den Büchern des grossen Mannes wie zu einer Quelle des Lebens, um ihren Glauben neu zu stärken und die Kraft wiederzugewinnen zum Widerstand gegen ihre Bedrücker. Das Land war zu jener Zeit in eine unendliche Zahl kleiner Staaten eingeteilt, die alle miteinander verfeindet waren. Zehn Imams herrschten gleichzeitig in Sanaa, Rauda, Dschuban usw., jeder versucht, der einzige Herr im Lande zu werden, die blutigen Kämpfe hören nicht auf. Man kann sich die schreckliche Lage der damaligen Juden vorstellen; sie haben allen Stolz und alle Energie verloren, und