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Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 265 - 266

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
Date
1911-03-01
Page
Seite 265 - 266 (sequence 3)
Language
German
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265 Mitteilungen der AÜiance Israelite Universelle: Die Alliance-Expedition nach dem reinen. 266 lialten sich hier mehr auf als in ihren eigenen Häusern. Sanaa besitzt 27 mehr oder weniger grosse Synagogen, die aus \veissgekalktem, fensterlosem Raum bestehen; ein paar schwarze Teppiche und kleine, an den Waiden entlanglaufende Matratzen bilden die ganze Einrichtung. Jede dieser Synagogen lebt ihr Wesen für sich, hat ihre Gebräuche, ihre Gläubigen, ihren Rabbiner; aber alle sind im Grunde ein Mittelpunkt für das Lernen. Währeud der jahrhundertelangen Verfolgungen war es das Studium, die religiösen und moralischen Spitzfindigkeiten, bei denen die Juden einen Trost für ihre Leiden fanden. Sie vergassen ihre Schmerzen in den Schriften der Gelehrten von ehedem; Lernen war ihnen ein Bedürfnis, Diskutieren eine Gewohnheit. Wie oft habe ich gesehen, dass sie im Begriff gewesen waren, zu trinken, aber plötzlich ihre vollen Gläser stehen Hessen, um Bücher zu holen und eine religiöse Kontroverse zu beginnen. In jedem Hause, in jeder Familie findet man schöne Bücher, teils Manuskripte, teils Bücher der besten Autoren. Das Buch ist der Luxus dieser armen Leute, und oft kaufen sie eher ein Buch, ehe sie sich eine Frau einhandeln. In der Synagoge wird also gelesen und man fängt bereits um 2 Uhr morgens damit an. Hier beginnt man mit dem Sohar, und zwar in einem Stunden und Stunden ununterbrochen währenden Singsang. Anderwärts beschäftigt man sich mit der Mischna, dem Talmud, die laut vorgelesene Stelle wird von dem Rabbiner kommentiert. Bei Tagesanbruch wird das Schachrith-Gebet gesprochen, dann folgt ein neuer Zyklus von Vorlesungen: Mischna, Nebiim, Tehillim. Danach geht man frühstücken; einige Leute kommen noch einmal zurück, um den Joredea zu lesen, und gegen acht Uhr geht jeder an sein Geschäft. Nachmittags füllt die Synagoge sich wieder von neuem; man fängt wieder mit der mechanischen Lektüre des Sohar an. In einem anderen Tempel liest man die Jad Hachasaka des Maimonides; dieses ist der im Temen am meisten verehrte Schriftsteller; das ganze religiöse Leben unsrer Glaubensgenossen im Yemen ist nach seinen Büchern geregelt. Man betet Mincha, Arbit und verbringt danach noch eine Stunde mit dem Lesen des En Jakob. Nach diesem wohl ausgefüllten Tag geht man heim, isst und schläft. Früher haben alle Mitglieder der Gemeinde, alt und jung, diesen täglichen Vorlesungen mit Eifer beigewohnt; jetzt dispensieren sich manche davon, und nur am Sabbat und an Festtagen sitzt jeder auf seinem Platz. An diesen Tagen hat aber die Synagoge ihre besondere Physiognomie. Die Anwesenden sind auf kleinen Matratzen ausgestreckt, schlürfen den duftenden Kischer oder kauen das „Katt", eine Pflanze, die den Schlaf fernhält, während der Rabbiner mit monotoner Stimme ein talmudisches Gesetz auslegt. Man könnte sich in einem der beliebten Kaffeehäuser von Bagdad glauben, in dem die Besucher Kaffee trinken und die Nargileh rauchen, während ein Greis in singendem Ton die schönen Märchen aus Tausend und eine Nacht vorliest. Plötzlich belebt sich der Tempel und die Diskussion wird geräuschvoll. Am letzten Samstag lasen wir die das Pessachi'est betreffenden Vorschriften: „Welches sind die das Jahr über in Gebrauch befindlichen Küchengeräte, die auch am Osterfest gebraucht werden dürfen? — Alle Metall-, Porzellan-, Fayencegeräte" usw. Der Rabbiner hat diesen Satz «och nicht zu Ende gesprochen, als ein magerer junger Mann mit langem Bart und stechenden Augen sich erhebt, um ihm zu antworten. Ein heisser Streit beginnt; der Gegenredner, seines Zeichens ein Weber, findet den Rabbiner zu liberal. . . . Aber aus dem Hintergrund des Raumes lässt sich eine andere Stimme vernehmen: „More, ich habe eine Frage zu stellen. Meine Frau hat gestern irrtümlich beim Kochen den Löffel, den sie aus der Fleischsuppe genommen hatte, in eine milchige Terrine gelegt und hat dann, ihren Irrtum bemerkend, den Löffel mechanisch wieder in den Suppentopf getan — was ist dabei zu machen?" Alle, die bisher ein wenig geschlummert hatten, reckten sich in die Höhe, die Privatgespräche hörten auf, die Frage ist zu aufregend. Man muss beide Geräte zerbrechen, sagt einer: man muss die Suppe fortgiessen und das milchige Gefäss zerbrechen, schlägt ein Zweiter vor. Jetzt nimmt der More das Wort und stellt Fragen wie ein Untersuchungsrichter; er erkundigt sich nach den Massen der Kochtöpfe, nach der Zahl der Tropfen Suppe, die von dem Löffel heruntergelaufen sein können, und nachdem er mehrere Werke durchstudiert hat, spricht er sein Urteil aus: die Suppe darf gegessen werden; der Topf, in dem sie gekocht wurde, bleibt koscher; der zweite Topf aber darf künftig weder für fleischige noch für milchige Speisen benutzt werden, man kann ihn zur Aufbewahrung getrockneter Gemüse verwenden. Darauf sagt der Fragesteller: Meine Frau hat die Suppe den Hunden gegeben und hat beide Töpfe zerbrochen." Die ganze Versammlung bricht in schallendes Gelächter aus. — Aus einem anderen Winkel fragt jemand: „More, darf man am Samstag in einem Wagen fahren?" Mir scheint die Frage überflüssig, denn die Wagen sind im Lande ziemlich selten, und die Araber gestatten den Juden gar nicht, sie zu benutzen. Der More scheint nicht meiner Ansicht zu sein, er diskutiert die Frage sehr ernsthaft und kommt zu dem Schluss: es ist verboten, am Samstag einen Wagen zu benutzen, der von Tieren gezogen wird, aber man darf Wagen mit mechanischer Zugkraft benutzen, wenn sie für die gesamte Bevölkerung, für Juden, Christen und Mohammedaner bestimmt sind. Darauf habe ich den More gefragt, ob er sich am Sabbat der Eisenbahn bedienen würde, die bald gebaut werden soll. „Sicherlich," antwortet er, „aber nur im Innern des Techum." Ein Jude, der in Aegypten gewesen war, sagt: „Wenn das Pahren in der elektrischen Bahn erlaubt wird, darf man dann auch am Samstag die elektrischen Lampen anzünden?" „Lampen? am Sabbat? Was wollt Ihr damit sagen?", ruft der Rabbi nervös. Der Aegypter versucht eine Erklärung, er beginnt einen Satz . . . nein, so ist es nicht richtig ... — ein zweiter Satz drückt auch seine Gedanken nicht klar genug aus, ein dritter befriedigt ihn ebensowenig — schliesslich ruft er: „Ich weiss nicht, wie es kommt: man dreht einen Knopf und die Lampe brennt." „Ich bitte, Chacham," wendet der Rabbi sich zu mir, „erklärt Ihr mir das Wunder." Ich antworte, dass dies nicht leicht ist. „Stellt Euch vor, dass ich an Stelle des Mühlsteins in der Dampfmühle der Kaserne ein magnetisches Rad lege und daneben eine Rolle mit uueiidlichem .Kupferdraht. Indem ich den Mühlstein in einen Magneten verwandle, wird in dem Kupferdraht eine Kraft erzeugt, die das elektrische Licht produziert und die Tramways in Bewegung setzt." Man musste die grossen Augen sehen, mit denen alle mich anstarrten. Erzählte ich ihnen ein Zaubermärchen? Um sie zu überzeugen, dass ich mich nicht über sie lustig machte, versprach ich, ihnen eine elektrische Klingel zu zeigen. Als dann später der More die Glocke hörte und die elektrischen Funken erblickte, sagte er mir: „Ich glaube, ich Avürde die Lampen gestatten, ich hätte aber sehr gern einmal die grossen Maschinen gesehen." An jenem Samstag hatte die kleine Synagoge Gaweh nichts Imposantes oder Majestätisches; die Anwesenden wollten sich nur unterrichten und unterhalten und dachten nicht mehr an Religion; in drei Stunden hatten wir nur drei Zeilen aus unsrem religiösen Lehrbuch gelesen. Und jede Woche beginnen mit demselben Eifer dieselben Gespräche über nichts und über alles. Was mir hier auffällt, ist die grosse Toleranz der Rabbiner. Der Jude ist fromm, aber nicht fanatisch. Die Religion ist ihm eine Gewohnheit, ein natürliches Bedürfnis; bei seiner einfachen Lebensweise legt sie ihm keine Entbehrung und keine Störung auf. Bei der Auslegung der Gesetze neigt der More immer zu der liberalen Auffassung, und wenn er unter zwei Gebräuchen zu wählen hat, zieht er immer den wenigst störenden vor. Unter seiner Leitung wird die Synagoge ein angenehmes, gastfreundliches Haus, das man mit Vergnügen aufsucht. Wenn wir in Europa, auch in der Türkei in einen Tempel treten, so haben wir das Gefühl, an einen heiligen Ort zu kommen und wir geben uns sofort ehrerbietige Haltung. Die Anordnung der Möbel, das mit einem schönen gestickten Vorhang bedeckte Allerheiligste, die ewige Lampe — alles macht einen tiefen Eindruck. Hier hingegen spürt man gar keine Erregung, der Tempel ist ein Zimmer in einem Wohnhause. Keine ewi. e Lampe, nur ein paar an Eisendraht hängende Petroleumlampen; manchmal schaukelt sich ein Straussenei an der Zimmerdecke. Nicht immer hängt ein Vorhang A-or dem „Hechal", dem Schrank, der die heilige Lade enthält; manchmal gibt es überhaupt keinen Schrank, und die zahlreichen Sefa im sind auf Wandbrettern aufgestellt. Ein kleines bewegliches

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