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Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 263 - 264

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
Date
1911-03-01
Page
Seite 263 - 264 (sequence 2)
Language
German
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263 Mitteilungen clor Alliance Israelite Univorsolle: Die Allianec-Expedition nach dem Yemon. 264 Stufen nach rechts kommt man in ein Schulzimmer, fünf Stufen nach links in das zweite. Augenblicklich sind alle Kinder in dem ersten Kaum zum hebräischen Unterricht vereint. Sobald die Kleinen mich erblicken, hören sie mitten im Vers auf. Ich trete näher. Die 50 Kinder sitzen auf der Erde, auf abgenutzten Matten, kleinen Matratzen und Streifen von schwarzen Teppichen; sie bilden einzelne Gruppen um niedrige Sessel, die eigentlich leere Petroleumkisten sind. Der Lehrer sitzt und lehnt sich gegen ein Kissen, der Adjunkt steht und lässt einen kleinen Rohrstock knallen. Alle stehen mit einem Ruck auf und begrüssen mich. Wie stolz und glücklich diese Kleinen sind und wie ihre Augen strahlen! Sie haben das Bewusstsein, eine neue Aera zu beginnen, denn sie sind die ersten jüdischen Mehteplis (Schüler einer modernen Schule). Ich lasse sie Avieder setzen und sehe, dass sie sehr nett und sehr sauber aussehen; ihre dicken Simaninn geben ihren Kindergesichtchen einen eigenartigen Rahmen. »Sie tragen einen sehr kurzen Kittel von kleinkariertem Baumwollstoff, und da sie sich auf ihre untergeschlagenen kleinen Beinchen setzen, lassen sie die Futas sehen, die ihre Blosse bedecken. Ich frage den Direktor, ob er mit ihnen zufrieden ist. „Nicht allzusehr," antwortet er mir; „sie arbeiten zwar sehr fleissig, aber können Sie sich denken, dass sie das Studium unsres heiligen Gesetzes vernachlässigen, und nur an ihre arabischen und türkischen Stunden denken? Ich fühlte mich bei dieser Rede um dreissig Jahre zurückversetzt, wo mein alter Rabbi auch gefunden hatte, dass ich das Hebräische um andrer Dinge willen zurückstellte. Wenn wir erst unsre Schulen hier organisieren, werden diese Klagen, die aber nicht von den Schülern ausgehen, noch grösseren Umfang annehmen. Die Jungen ziehen schon heute das Lesen arabischer und türkischer Sprache der langweiligen Melodie der Parascha vor; sie schreiben arabisch und fangen schon an, ein i>aar Worte türkisch zu sprechen, das die Sprache der Herren des Landes ist. Und dabei Avird der Unterricht in diesen Sprachen ebensowenig zweckmässig erteilt Avie im Hebräischen; der Lehrer lässt die Schüler lesen und gibt ihnen dann eine unendliche Reihe von Wörtern zum Auswendiglernen auf. Wo bleibt dabei die Intelligenz? Ich sehe voraus, wie bald diese Kleinen unter unsrer modernen Lehrmethode sich für Mathematik, Geographie und andre Wissenschaften begeistern werden. Der Mehtep ist bereits ein ungeheurer Fortschritt gegenüber dem Kniss; aber trotz des guten AVillens der Regierung, die unsren Glaubensgenossen helfen will, und trotz der grossen Bemühungen von Seiten der Lehrer und Schüler, wird doch dieser Schule noch nicht die Umwandlung der Gemeinde gelingen. Hier werden sie nur etwas weniger Hebräisch und etwas mehr Türkisch und Arabisch lernen als ihre Eltern, aber die geistige und sittliche Lage wird dadurch nicht geändert. Was hier fehlt, ist eine moderne Schule, die die geistige Kraft der Bevölkerung hebt. Der Yemenite liebt das Studium und verbringt einen grossen Teil seines Lebens mit Lernen, er verwendet eine grosse Summe von Arbeit darauf; aber die Resultate dieser Arbeit sind sehr dürftig, weil zuviel Geist auf Interpretationskleinlichkeiten und auf überflüssige Wortgebilde verschwendet wird. Was hier weiter fehlt, ist ein Führer, der den Yemeniten mit den modernen Methoden bekannt macht, seine Arbeit zu organisieren und seinen Geist zu erweitern versteht. Der aufgeklärte und seiner Bürgerrechte und seines eignen Wertes bewusste Jude wird bald lernen, seine Pflichten zu erfüllen. Unsre Schule wird dem Kinde ferner praktische Kenntnisse geben, die ihm späterhin ermöglichen werden, seinen Lebensunterhalt zu erwerben und sich über die heikle Lage seiner Eltern zu erheben. Er wird bei uns das Hebräische, die Landessprache, seine Muttersprache lernen und das Türkische, die Sprache der Sieger. In einem höhern Kursus wird eine Auswahl von besonders begabten Kindern auch Französisch lernen, die einzige fremde Sprache, die in den Staatsschulen in Sanaa gelehrt wird. Es ist nötig, dass die handeltreibenden Juden sich von der Vormundschaft der griechischen Kaufleute in Hodei'dah befreien und selbst mit den europäischen Häusern korrespondieren können, um deren Fabrikate an der Quelle kaufen zu können. Ausserdem ist es eine französische Gesellschaft, die demnächst den Eisenbahnbau Hodeidah-Sana-a beginnen wird, deswegen wäre es ganz praktisch, wenn wir in drei bis vier Jahren eine erste Generation mit französischen Sprachkenntnissen ausstatteten, die bei entsprechender sonstiger Schulbildungleicht Stellungen bei dieser Gesellschaft erhalten könnte. Wenn wir den Versuch machen, die künftige Lage dieser armen Kinder zu bessern, müssen wir sehr vorsichtig die Klippe vermeiden, an der man leicht scheitert: wir dürfen bei unsern ersten Schülern keine Hoffnungen erwecken, die sich dann unglücklicherweise nicht verwirklichen könnten. Die traurige Stellung der Juden hängt nicht nur von ihnen allein ab, sie ist auch eine Folge der Meinung der Araber. Diese werden nicht von einem Tage zum andern ihr Uebergewicht aufgeben, nur weil ihnen jetzt gebildete Juden gegenüberstehen. Das ist eine Sache der Zeit und grosser Geduld. Die neue Generation wird bei ihren berechtigten Beschwerden und in dem Wunsch, ihre Rechte respektiert zu sehen, sehr viel Festigkeit und Vorsicht beweisen müssen, um ihren Sinn von jedem Hass gegen die einstigen Dränger freizuhalten. Wenn sie ihre Befreiung zu früh erreichen wollte, so könnte sie dadurch tausend Leiden über die Gemeinde Sanaa und die im Lande verstreuten jüdischen Gemeinden heraufbeschwören. Ausserdem ist der Jude arm. Ein erweiterter Unterricht für die Kinder-, ihre Erziehung nach neuen Prinzipien bedeutet für sie neue Bedürfnisse und neue Ausgaben. Wo sollen sie die Hilfsquellen finden, um diese Ausgaben bestreiten zu können? Wieviel Vorsicht und wieviel Takt wird wieder erforderlich sein, um nicht eine Gruppe von Deklassierten zu schaffen! In den neun Kniss und dem Mehtep werden jetzt 303 Knaben unterrichtet, eine von uns eingerichtete Schule müsste noch weitere hundert Schüler aufnehmen, die jetzt gar keinen Unterricht gemessen. Neben dem Unterricht der Knaben müsste man auch den der Mädchen einrichten. Im ganzen Lande Yemen findet man heute keine einzige Frau, die lesen oder schreiben oder ein Gebet sprechen kann. Früher ist das nicht so gege wesen. Im sechzehnten Jahrhundert haben jüdische Frauen hier selbst Manuskripte abgeschrieben, und in einem davon ist zu lesen: ,,Seid mir nicht böse, wenn Ihr Fehler findet; ich bin nur eine Frau, Miriam, die Tochter des Sofer Benoya." Die Mädchenschule wird nicht nach dem Muster der Knabenschule eingerichtet werden, auch nicht nach dem Vorbild der Allianceschulen in anderen Städten der Türkei. Hier wird man eher eine Arbeitsschule schaffen müssen. Die Mädchen müssen, selbstverständlich Hebräisch und Arabisch lesen und schreiben, müssen die Elemente des Rechnens, der Hygiene und noch andre Dinge lernen. Wenn im Lande Yemen der Mann schon bedrückt ist, so ist es die Frau noch weit mehr, sie existiert sozusagen kaum als geistiger Mensch. Bei dem jetzigen Zustand des Landes würden zu viele Kenntnisse, selbst elementare, der Frau schädlich sein und könnten in ihr Wünsche erregen, die sie zu einem bösen Ende bringen würden. Nur ganz allmählich darf man sie dahin führen, die erleuchtete Gefährtin des Mannes, die Genossin aller Mühen und Freuden der Familie zu werden. Der grösste Teil des Tages müsste der Handarbeit gewidmet sein, dem Nähen, Stricken, Sticken und der Spitzenarbeit. Diese Fertigkeiten muss man den kleinen Mädchen beibringen, damit sie durch ihre Arbeit zum Lebensunterhalt der Familie beitragen können. Wir werden weiter unten berichten, dass diese Frauen, die jetzt den ganzen Tag arbeiten, bei zehnstündiger Arbeitszeit nur 15—20 Centimes täglich verdienen; vor diesem Elend muss man sie retten. Bei dem von mir gewünschten Unterricht würde das kleine Mädchen von heute, wenn es herangewachsen ist, nicht mehr das beiseite geschobene, willen- und wunschlose Wesen sein, das die heutige Frau tatsächlich ist, sie würde die ebenbürtige Gefährtin der heiteren, wissensdurstigen Mehteplis und eine vernünftige Familienmutter werden. Als ich den Mehtep verliess, dachte ich an die Zukunft, an die Tage, da diese Unglücklichen endlich Menschen sein werden, die den Kopf hoch tragen und den Stolz ihrer Ahnen wiedergefunden haben. Die Synagoge, der Kniss, wie man hier sagt, bildet den Mittelpunkt der Gemeinde; unsre Glaubensgenossen

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