Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Schuschan-Megillah
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 249 - 250 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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249 •Josef Lin: Schuschan-Megillah. 250 ist, nicht Früchte tragen, sondern — grosse Männer, Fürsten und Staatsräte. Der freigelassene Diener pflanzte seinen Baum im Garten ein und nannte sich nach dem Baume: Haman. Die Vögel bauten aber keine Nester in den Zweigen dieses Baumes, sangen da nicht ihre süssen Melodien und genossen auch nicht von seinen Blättern. Wenn sie mit ihren Jungen an diesem Baume vorüberpflogon, zeigten sie auf ihn und sprachen: Von diesem „Hamin Haez" dürfet ihr nicht gemessen! Der Baum wuchs aber auch ohne den Segen der Vögel. Eines Tages verschied der König von Paras kinderlos, und die Aeltcsten von Schuschan versammelten sicli im Garten, um einen neuen König zu wählen. Unter ihnen waren auch die verbannten Juden. Dieser Tag war ein Festtag für die Parassim; die jungen Hebräer aber schämten sich vor ihren Bäumen, ein Freudenfest im Exil zu feiern, während Jerusalem verwaist ist. So änderten sie ihre Namen; Mar Deror nannte sich Mardechai, Hadassah — Esther, und ihre beiden Brüder Eliahu und Daniel — Charbonah und Hathach. Da erkannten die Pflanzen ihre Besitzer nicht mehr; auch die schönen Vögel erkannten sie nicht und sangen statt „Freut-euch! Freut - euch l" — „Hinaus! Hinaus!" Die Aeltcsten kosteten von den Gartenfrüchten ohne Berachah — da wurden sie trunken, und sie sprachen: Lasst uns im ganzen Lande den grossten Narren suchen, den wollen wir uns zum König wählen; es wird uns zur Ehre gereichen, wenn man sagen wird, niemand ist so dumm wie jiler König von Paras. Sie suchten und suchten und fanden den Achaschewerosch,] und der wurde zum König ausgerufen. Dieser dachte: „Ich will etwas Grosses für mein Land tun, auf dass alle wissen, dass ich ein grosser Narr bin!" Lange sann er nach, bis er zwei grosse Dinge erfand: er veranstaltete ein grosses Prunkmahl und liess seine Frau YVaschti töten. Als die Kunde von diesen Taten in alle Länder drang, sagte alle Welt: Gross ist wahrlich das Land Paras, und sein König ein grosser Narr! Der König veranstaltete ein grosses Mahl und befahl seinem ganzen Volke also: „Vom Diener bis zum Fürsten und Satrapen — alle sollen kommen und trinken nach Gebühr, ohne Zwang! Und wer dem zuwiderhandelt, ist des Todes!" Da verliessen die Diener ihre Arbeit, und die Fürsten — ihre Paläste, und sie kamen und assen und tranken. Und der König befahl also: Alle Diener und Fürsten des Königs, sowie alle Bewohner meiner hundertsiebenundzwanzig Provinzen sollen keinerlei Arbeit verrichten und nur essen und trinken. Jeder erhalte aus der königlichen Vorratskammer seine Speisen und Getränke, täglich: ein Hin für einen Diener und zwei Hin für einen Fürsten; ein Kalb für einen Diener und einen Ochsen für einen Fürsten. Da sprachen die Türhüter Bigtan und Teresch, die der Küche und dem Weinkeller vorstanden: „Herr und König, wenn alle deine Untertanen nur essen und trinken und weiter nichts tun, wo sollen wir dann ihren ganzen Bedarf hernehmen?" Darob ergrimmte der König und liess sie beide aufhängen. Diese Begebenheit wurde im Buch der Chronik verzeichnet. Darauf begaben sieh die Fürsten und Diener zum Mahle in den Garten. Mardechai aber bedeckte sein Antlitz mit seinem Tallis und sprach die Berachah über den Wein. Als die Brunne die Schaufäden sahen und die Berachah hörten — da erkannten sie den Mai' Deror. Gleich wurden die Fürsten und Aeltcsten nüchtern, und si<> erteilten dem König d<ri guten Rat: Man suche im ganzen Lande nach der schönsten, frömmsten und edelsten Jungfrau und mache sie zur Königin an Waschtis statt! Man suchte darauf im ganzen Lande, fand aber bei allen Völkerschaften kein Mädchen, das schön, edel und fromm zugleich war — nur unter den Töchtern der Hebräer gab es solche, und die beste von allen war Hadassah — Esther. Und sie wurde ins Palais des Königs gebracht. Viele Schuschaner wurden inzwischen nüchtern, klug und enthaltsam. Darob erschrak Achaschwcrosch und er befahl, ihm den grössten Narren herbeizubringen, damit er mit ihm beratschlage. Haman hatte zehn Söhne — alle grosse Narren, der dümmste unter ihnen aber war Wajsata, der Jüngste; diesen brachte man vor den König. Und er sprach zu ihm: „Mein Herr und König! Ich schwöre bei deiner heiligen Dummheit, dass diese eingerissene Nüchternheit nur durch clon Tallis Mordechais verursacht ist. Möge ihn der König zu einem grossen Fürsten erheben, ihm königliche Gewänder aus himmelblauem und purpurwollcnem Byssus umtun und ihn des Tallis entkleiden. Das gefiel dem König sehr. Und Mardechai wurde ein Fürst und Ratgeber am Hofe des Königs. Da befahl der König also: Alle Diener des Königs sollen soviel Wein trinken, bis sie hinknien und zu Boden sinken. Darauf tranken alle Schuschaner und sie knieten und bückten sich; allein die Juden tranken nicht und knieten nicht, fielen nicht zur Erde und gingen aufrecht. Das missfiel Haman, dem Vater des Wajsata, . und er erzählte es dem König. Dieser wurde sehr zornig und gab Befehl, die Sache zu erforschen. Da stellte es sich heraus, dass die Gesetze der Hebräer verschieden sind von den Gesetzen jeglichen Volkes: sie sind keine Diener noch Fürsten, und deshalb erhalten sie weder ein Hin noch zwei Hin, weder einen Ochsen, noch ein Kalb. Und der König befahl, alle Hebräer zu vertilgen und zu vernichten. Als die Hebräer die Traucrnachricht vernahmen, hüllten sie sich in ihre Tallissim und versammelten sich in den Bethäusern, um zu Gott zu flehen, und sie fasteten und wehklagten. Die Bäume im Garten hörten es, und sie erkannten ihre Herren; und die Vögel weinten in ihren Nestern. Gleich darauf wich die Trunkenheit von allen Leuten in Schuschan, als hätten sie nie Wein getrunken. Da kam grosse Bestürzung über die Leute in Schuschan, denn sie sahen plötzlich, was sie bis dahin nicht gesehen hatten. Die Diener erkannten, dass ihre Herren brutale Tyrannen und würdelose Trunkenbolde sind. Die Herren merkten, dass ihre Diener Betrüger, Schmeichler, Fresser und Säufer sind. Viele gerieten in Hader, und die Streitigkeiten führten zu Raufereien. Die Herren waren aber zu hoch, und die Diener zu niedrig, und sie konnten einander nicht treffen — da gingen die Schläge auf die Häupter der Juden nieder. Wo zwei Parassim, ein grosser und ein kleiner, sich zankten, da war dazwischen ein Hebräer, der von beiden geschlagen wurde.