Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Schuschan-Megillah
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 247 - 248 (sequence 1)
- Language
- German
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247 248 SCHUSCHAN -MEOILLAH. Eine Erdichtung. Von Je hu du Steinborg. — Aus dem Hebräischen übertragen von Josef Li Von Persien und Susan will ich jetzt erzählen. 'Doch nicht von dem Persien und Susan, das jetzt auf der Landkarte im Erdteile Asien zu finden ist, sondern von jenem Paras und Schuschan der MeghTah, dem Lande der königliehen Schnelläufer und Eilboten, der Maultiere und Satrapen. Voll Weinreben sind dort die Gärten, die Gefilde voll Blumen, von wundersamem, sinnenberauschendem Aroma. Aus den Quellen des Landes sprudelt der beste Wein hervor, über hundertsiebenundzwanzig Provinzen sich ergiessend. Kein Wunder, dass die Bewohner jener Provinzen immer berauscht sind und nicht gerade gehen können, sondern auf Rossen und achtfüssigen Maultieren reiten. Denn Gott hat diese Tiere aus Mitleid mit acht Füssen erschaffen: vier für sie selbst, und vier für ihre Besitzer. Lauter Goldszepter sind dort die Ruten. Die Menschen nehmen abends und morgens keine gewöhnlichen Mahlzeiten ein; halten vielmehr Gelage und Primkmühler ab. Wenn sie zueinander reden, sprechen sie in Reimen und singend. Der Todcsengel kehrt in jenem Lande nie ein. Derweil die Leute dort nicht des natürlichen Todes sterben, sondern auf Befehl des Königs gehängt, gesteinigt oder erschossen werden. Keine armen freien Bürger kennt jenes Land; die Menschen sind dort Edclleute oder Sklaven. Und diese wie jene trinken viel Wein: die ersten — aus guter Laune, die letzten — aus Zwang. Denn in Schuschan liebt man es. die Sklaven betrunken zu machen, um sie den kleinen Kindern als abschreckendes Beispiel zu zeigen. So verfahren alle Edclleute in Schuschan: selbst trinken sie bis zur Besoffenheit, und von ihren Kindern verlangen sie Nüchternheit. Es gibt in Schuschan viele Gärten und Weinberge; die Täler sind voll Blumen verschiedener Farben: manche sind feuerrot, andere schneeweiss, so dass man zwischen Feuer und Schnee zu weilen scheint. Sie sprossen in seltener Anordnung, so dass man auf weissen, grünen und himmelblauen Decken, befestigt mit Schnüren von Byssus und Purpurwolle, zu wandeln glaubt. Ein Garten ist aber in Schuschan mit Bäumen von wunderbarem Aussehen und Früchten, die ihresgleichen in all den hundertsiebenundzwanzig Provinzen nicht haben. Wenn ein Fremder den Garten betritt, von diesen Früchten kostet, da mundet es ihm wie die beste Frucht seines Heimatsortes. Doch den wirklichen Geschmack der Früchte dieses Gartens kennen jene Leute nicht. Der Geschmack dieser Früchte war nur dann wundervoll, wenn man sie im Schatten der Bäume dieses seltenen Gartens genoss. Nahm man sie aber von hier fort, so schwand ihr Wohlgeschmack, Duft und schönes Aussehen. Noch eine merkwürdige Eigenschaft hatten diese Früchte: Dankte man ihrem Schöpfer vor ihrem Genuss, so flösstcn sie Freude und Wonnegefühle ein und erleuchteten Augen und Verstand; hat man sie aber ohne Bcrachah gegessen, so berauschten und verwirrten sie. In den Aesten haben schöne, seltene Vögel ihre Nester aufgeschlagen; und diese Vögel zwitschern nicht gleich den andern, sondern rufen: Freut-euch! Freut-euch! Und allmorgendlich erwachen sie mit dem Ruf: „Freut-euch! Freut-euch r Dann bewegen sich die Bäume, der Wind bläst, die Blumen öffnen ihre Kelche und lassen ihren lieblichen Duft ausströmen. Alle Schlafenden erwachen und wissen es, nun ist die Sonne über Schuschan aufgegangen. Und beim Sonnenaufgang rufen die Vögel: „Lau-fet! — Lau-fet!" Da eilt alles an seine Arbeit und Beschäftigung: die Armen nach den Feldern und Gärten, die Reichen — in die Trinkstuben. Und wenn die Vögel von den Baumwipfeln rufen: „Herrlich! Herrlich!" so wissen die Leute von Schuschan, dass der Monat Adar gekommen und der Frühling im Anzug ist. Würde aber einer aus Schuschan gefragt werden, wer diesen Garten gepflanzt habe, so gäbe im* zur Antwort: „Ich weiss es nicht.'* Die stolzen Schuschaner wollen das Geheimnis nicht offenbaren. Ich aber will nun kundtun, was die Parassim verheimlichen: Diesen Garten haben die Kinder der verbannten Juden gepflanzt. Es war Sitte bei den jüdischen Müttern im Lande Israels, sobald sie einen Sohn oder eine Tochter geboren hatten, pflanzten sie im Garten ein junges Reis und benannten danach das Neugeborene. Die Kinder wuchsen zusammen mit dem Bäumchen heran, liebten sie und begossen sie jeden Morgen mit Wasser. Sic fütterten die Vögel, welche ihre Nestor dort aufschlugen, die pflanzcnschädigenden Heuschrecken vertrieben und alle Welt mit ihrem Gesang entzückten. Als die Juden aber in die Verbannung wanderten, nahmen die Kinder ihre Bäumchen mit und pflanzten sie in Schuschan wieder ein. Auch die Vögel flogen mit ihnen in diu Verbannung. .Jeden Morgen und Abend versammelten sich die Kinder der Hebräer im Garten, Hessen sich unter ihren Bäumen nieder und gedachten ihres Landes, seiner Berge und Täler, des Saron, des Kännel und. des Libanon — und aus ihren Augen flössen heisso Tränen, die den fremden Boden benetzten und diu Pflanzen tränkten; und die guten Vögel flüsterten diesen zu: Spro-sset! Sprosset! Schnell erblühet! Ein Baum war darunter, der hiess „Mar Deror"; diesen hatte ein Knabe aus dem Stamme Benjamin mitgebracht. Und eine Pflanze war da mit Namen „Hadassah"; die gehörte der Tochter Abichails, des Onkels des Mar Deror. Und Mar Deror liebte die Hadassah sehr, die eine junge Waise war. Mar Deror, der in gereiftem Alter stand, besass ein Haus in Schuschan. Er brachte Hadassah in sein Heim und dachte: „Ich werde warten, bis sie herangewachsen; dann nehme ich sie mir zur Frau". Abichail hatte einen Diener von den Nachkommen des Agag, dessen sich Saul, der Sohn des Kiseh, erbarmt hatte. Zweimal hatte ihn sein Herr freigegeben, er aber liebte die Knechtschaft und verschmäht« die Freiheit; da wurden ihm die Ohren durchbohrt. Der Sklave zog Hinge durch die Ohrlöcher und war stolz auf diesen Sehmuck. Als Abichail in die Verbannung ging, gab er seinen Sklaven zum drittenmal frei. Dieser nahm auch einen Baum mit, den ihm seine Frau Seresch, die Zauberin, gegeben hatte, und der den Namen „Hainin Hacz" trug. Die Wahrsager verkündeten, dieser Baum werde, wenn er auf fünfzig Ellen hoch herangewachsen