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Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 251 - 252

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Schuschan-Megillah
Date
1911-03-01
Page
Seite 251 - 252 (sequence 3)
Language
German
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251 Josef Lin : Schuschan-Megillah. 252 Die Juden rühren Fort zu fasten und zu weinen. Die Bäume des Gartens merkten es, und die Nüchternheit breitete sieh im Lande weiter aus, und die Zänkereien und Schlägereien nahmen zu. Der König trank unablässig, um seine Nüchternheit zu verscheuchen — allein vergeblich! Auch des Nachts konnte er aus Nüchternheit nicht schlafen — der Schlaf des Königs war dahin! Da beratschlagte der König mit seinem Ratgeber Wajsata. Und Wajsata sprach: „Man möge ein Buch bringen und dein König daraus vorlesen." Er erinnerte sich, dass ihn stets der Schlaf befiel, so oft er in ein Buch hineingeblickt. Auch llaman, dein Yator des Wajsata, hatte die schreckliche Nüchternheit den Schlaf geraubt, und seine Frau Seresch sagte zu ihm: Der Jude Marcleohai allein ist daran schuld, denn unter dem königlichen Gewände trägt er seinen Tal Iis Katon . So rate dem König, den Mardochai aufhängen zu lassen. „Er ist doch aber der Staatsrat, und was wird dann das Land ohne Bat machen?" „Tut nichts,'' erwiderte Serosch, „unser Baum, im Garten ist bereits neunundvierzigimdeinhalb Ellen gross; bald wird er Weise. Bäte und Landes- 1 urston tragen/' Das gefiel llaman, und er tat also. Da veranstaltete die Königin Esther ein Gastmahl, lud den König, Hainan und seine Söhne dazu ein, und bewirtete sie mit Wein und Früchten aus dem Garten. Dem König schenkte sie einen Becher Wein ein aus dem Kruge, über den sie die Berachah gemacht hatte; llaman und seinen Söhnen aber setzte sie anderen Wein vor. Da wurden llaman und seine Söhne betrunken, der König und die Königin blieben aber nüchtern. Und Hainan und seine Söhne konnten sich nicht auf den Füssen halten: sie setzten sich — und fielen, sie standen auf — und fielen nieder, sie wollten gehen — und stürzten zu Boden. Und Hanum sank auf das Polster der Königin. Darob ergrimmte der König sehr; und er befahl, llaman und seine Söhne aufzuhängen. Da entfernte Esther aus dem Garten den „Hamin Ifaez", und man hängte darauf llaman und seine Söhne auf. So ging die Prophezeiung des Wahrsagers in Erfüllung, der verkündet hatte: „Dieser Baum, wird dereinst Fürsten, Satrapen und Paschas tragen". — All dies hat mir mein greiser Onkel erzählt, der einst in einer Purinmacht zu Fuss nach Sohn sc hau gegangen war und am Grabe Hanums übernachtete, wo ihm diese ganze Geschichte kundgetan wurde. Ich verbürge mich jedoch nicht für die volle Wahrheit dieser Erzählung. JAKOB Von Gregor In einer Zeit trostlosen Judenlebens in Russland muss es doppelt erfreulich sein, von einem Mann berichten zu können, der allen Anfeindungen und den bestehenden Verhältnissen zum Trotz, sich dennoch die Liebe und Verehrung weitester Kreise in Russland erringen konnte. Jakob Teitcl, der im entlegenen südöstlichen Winkel Busslands in der am Wolgaufer gelegenen Stadt Saratow sein Richteramt ausübt, konnte vor kurzem, unter Anteilnahme aller Schichten der Bevölkerung das .lunfunddreissig jährige Bcrufsjubiläum feiern. Eine Feier, die ihre Wichtigkeit durch die Bedeutung des Gefeierten erhielt, der in ganz Russland als ein streng gerechter und humaner Richter bekannt ist. Er ist übrigens der einzige jüdische Richter in Russland. Und so wird diese Ehrung gleichzeitig zu einem exzeptionellen Ereignis. Lässt es sich doch leicht denken, dass der einzige jüdische Richter im heutigen Russland vielen Anfeindungen und Verdächtigungen ausgesetzt ist. Wie vornehm und in sich geschlossen muss die Persönlichkeit sein, die trotz jüdischer Abstammung und strengem Rechtsbewusstsein lunfunddreissig Jahre lang eine Stellung bekleiden konnte., die den Juden streng verschlossen ist, und auch von keinem zweiten Glaubensgenossen im Zarenreich ausgeübt wird. Allerdings wurden in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts während einer kurzen Uebergangsperiode unter dem noch frischen Eindruck der grossen Reformen auch Juden zu Gerichtsäintern zugelassen. Zu dieser Zeit war es Teitcl, der das Universitätsstudium beendigt hatte, geglückt, das Amt einos Untersuchungsrichters zu erlangen und in dieser Eigenschaft von allerhöchster Stelle bestätigt zu werden. Was hat man sich nicht alles von dieser kurzen Ueborgangszeit versprochen, welche Mo ff- TEITEL. GrOSSmann. Nachdruck vurhot.'ii. nungen hatte gerade die Judenschaft auf sie gesetzt! Nur zu bald ging sie vorüber, und ihr folgte eine um so grössere Beschränkung aller Rechte der Juden, und die Blütezeit administrativer Willkür. Jakob Teitcl war es gelungen, dieser traurigen Entwicklungstand zuhalten, und zu einer Zeit, wo die russisch«! Justiz immer mehr zu einer willfährigen Dienstmagd der politischen Reaktion herabsank, in unantastbarem Rechtsgefühl sein Amt als Untersuchungsrichter und später als Mitglied eines Gerichtshofes auszuüben. Er blieb den grossen Traditionen des russischen Gerichtes treu, dessen erstrebenswerte Devise Zar Alexander IL in die Worte formuliert hat: „Gerechtigkeit, und Barmherzigkeit sollen in den Gerichten herrschen!*" Die letzten Jahre haben eine dieser Devise genau entgegengesetzte Tendenz gezeitigt. Die Wirkung der Judenhetzen mögen ihren Einfluss auch auf die Rechtsprechung der russischen Justiz nicht verfehlt haben, und wir erlebten Urteile, die weder vom G°bofe der Gerechtigkeit, noch jenem der Barmherzigkeit diktiert waren. Und so ist es leicht verständlich, dass die angeblich zu humanen Urteile des Richters Teitel au oberster Stelle denunziert wurden. Verständlich auch, dass sich seine vielen Gegner Fälle aussuchten, wo Juden auf der Anklagebank sassen, oder wo die Anklagebehörde einem Prozess gerne den politischen Charakter aufgedrückt hätte. Aber weil dieser Richter in seinem Amte keinen Unterschied der Konfessionen kannte, weil es für ihn nur das hohe sittliche Gebot gerechten Urteils gab, konnte es ihm nicht schwer werden, seine Gegner zu entwaffnen. So AÜolc glänzende Eigenschaften mussten selbst e i n e n J u cl e n in Russland höheren Zielen zuführen. Nach einer siebenundzwanzigjährigen Tätigkeit als Untersuchungsrichter kam Jakob Teitel vor

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