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Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 235 - 236

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Die portugiesische Synagoge in Amsterdam
Date
1911-03-01
Page
Seite 235 - 236 (sequence 2)
Language
German
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235 Ernst Altkirch: Die portugiesische Synagoge in Amsterdam. 236 Freude der Gesetze, werden in der Synagoge aufbewahrt, und es dürfte wohl nur wenige jüdische Gottesliäusci* geben, die einen derartigen Reichtum aufzuweisen haben. Feierlich und getragen ist ein Gottesdienst in der portugiesischen Synagoge und entbehrt wahrlich auch der poetischen Schönheit nicht. Wie oft mag llembrandt in der Dämmerstunde des Freitagabends zur alten Synagoge aus seinem Hause an der Breestraat gekommen sein und sicli in der Nähe des Eingangs in einen stillen Winkel gedrückt haben, um Auge und Seele mit seltsam ergreifenden Eindrücken zu füllen. Auch auf die neueren holländischen Künstler übt sie ihren Reiz aus; unter anderen haben Johannes Bosboom und Ed. Frankfort die Synagoge gemalt und Bilder voll feinsten Stimmungsreizes geschaffen. Es ist Freitag abend. Ernste Männer eilen durch die Eingangspforte, überschreiten einen kleinen Platz und betreten das Gotteshaus. Seid gegrüsst, lautet ihr Gruss beim Eintritt durch das Vorportalgitter, wo der Synagogendiener die ihm bekannten Gesichter mustert, und jeder Gruss ist von einer ruhigen, feierlichen Verbeugung begleitet. Eilig und schweigsam berührt jeder den Türpfosten und führt dann die Finger zum Kuss an den Mund. Der weite Raum ist von goldig glänzenden Kerzen, die auf den Bänken in Behältern brennen, erleuchtet. Von dem Gemurmel vieler leiser Stimmen, das sich nun erhebt, werden sie wie vom Säuseln eines Windes bewegt. Ueber dem Lichtermeer schweben vier grosse messingne Kronleuchter, die an fast endlosen Stangen hängen, und zwischen den riesenhaften Pfeilern, die das Dach tragen, befinden sich kleinere Leuchter. Die alte portugiesische Synagoge zur Zeit Spinozas. Auch sie senden warme Strahlen aus, golden spiegeln sie sich an den Mauern wieder, liebkosen die Schnitzereien an der Hechal und bilden zitternde Kringel um die bedeckten Köpfe der Gläubigen. Sieht es nicht. aus, als ob das Kerzenlicht der etwas erhöhten Bima, die sich in der Nähe des Eingangs, gegenüber dem heiligen Schrein befindet, besonderen Glanz verleihe? Treppen führen zu ihr hinan, und sie ist von einem schweren hölzernen Gitter umschlossen. In den vier Ecken, in grossen Kandelabern, brennen hohe Kerzen mit stiller Flamme. Eine farbenprächtige Decke, die sich jedoch dem strengen, einfachen Stil des Hauses anpasst, ist über die Theba gebreitet und fällt in schweren Falten herab. Davor hat der Chazan Aufstellung genommen, allein auf der Estrade steht er da, hinter der kostbaren, morgenländischen Decke, während eine Anzahl Rabbinen die Bima stehend oder sitzend umgeben. Er ist ganz gehüllt in sein Talith, der zwei Farben, weiss und himmelblau, aufweist, und nur ein schmaler Teil des Gesichts sieht bleich aus dem umwickelten Kopfe hervor. Eintönig entschweben seinem Munde die rhythmischen Klänge der hebräischen Sprache; dann, kaum, dass man es merkt, geht er über zum königlichen Gebet, das er portugiesisch spricht: A sua Majestade a Rainha dos Praizes-Baixos, e seu Real consorte, a serenissima Princeza sua filha, a sua Majestade a Rainha Viuva, aos descendentes da Gaza Real de Orange-Nassao, oas illustres membros que concorrem no governo destas terras, e aos nobres e veneraveis Senhores Burgamestre e Magistrados, desta cidade de Amsterdam. Diese Worte und mündliche Bekanntmachungen werden hier allein noch in portugiesischer Sprache vernommen. Aus den Talith- Falten streckt der Vorsänger seine Hände hervor und blättert im Gebetbuche. Aus der Ferne sieht man, wie seine Lippen beim Beten sich schneller bewegen, und dann schallt es mit vollen Stimmen durch das Gewölbe: Mizmor Ledawied haboe PAdonai bene Eliem, haboe l'Adonai Kabod wa'oz. Ein Psalmgesang von David. Jauchzet und frohlocket, ihr Söhne der Mächtigen, zur Ehre und zum Ruhme des ewigen Herrschers. Nach dem Psalm singt der Chazan ein Lied, das keinen bestimmten Rhyth* mus hat. Es ist eine Weise, die klagend und entsagend anhebt, aber am Schluss wie in eine Frage an Gott ausklingt.

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