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Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 215 - 216

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Die Gestalten des jüdischen Volkshumors
Date
1911-03-01
Page
Seite 215 - 216 (sequence 3)
Language
German
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215 Dr. B. Roliatyn: Die Gestalten des jüdischen Volkshumors. 216 Die Frau jammerte und schrie: „Was liegt mir daran? Was nützt mir mein ganzes Leben V Schneidet, wo Ihrwollt, mir ist alles eins. Die Welt hat für mich sowieso keinen Wort mehr." „Die Sache ist nämlich die: Wenn icli von hinten schneide, dürft Ihr Euch nie wieder verheiraten!" „Verheiraten? Wer denkt ans Verheiraten?" jammerte die Frau ohne Unterlass. „Mein Glück ist hin. Die ganze Welt hat für mich keinen Wert mehr. Mir ist alles eins. . . . Aber sehneidet doch schon lieber von vorn." * * * 'Der Schadciian begegnet einem Manne, dessen Solm durch seine Vermittlung mit der Tochter eines Nachbars verlobt wurde. Der Mann sieht sehr bekümmert aus. „Was habt ihr auf dem Herzen?" fragt ihn der S c h a d ch an teil na! i ms vo 11. „Ich habe einen schweren Kummer. Meinen Sohn bahr ich verlobt und habe mich vor pflichtet, 400 Gulden Mitgift zu geben. Die Zeit rückt heran und ich soll nun das Geld erlegen. Ich habe aber nur die eine Hälfte." „Das ist eine Kleinigkeit," tröstet ihn der Schadciian. „[/eher Gold fragen kann ein Schidduch nicht auseinandergehen. Wenn man nur die eine Hälfte der versprochenen Summe bat, erlegt man diese, und die andere Hälfte bleibt man schuldig." „Ich habe aber eben nur diese eine Ii/Ufte." Ein Schadchan brachte die Partie zwischen dem Holzhauer und. der Tochter des Wasserträgers zusammen. Der Vater der Braut verpflichtete sich, ■seiner Tochter zehn Gulden Mitgift zu gehen. Mit dem Erlegen dieser Summe zögerte er jedoch lange, und als der Tag der Hochzeit da war, hatte er nur fünf Gulden in bar. Der Bräutigam weigerte sich, zur Trauung zu gehen, bevor die ganze Mitgift erlogt wäre. Sonst wollte er die Verlobung aufheben. Es entstand ein Streit, und der Schadciian wurde gerufen, damit er Frieden stifte. „Was? Skandal, willst du machen, ein ehrbares Mädchen willst du beschämen?" donnert er den widerhaarigen .Bräutigam an. „Es passiert alle. Tage, .dass Leute Hunderte und Tausende von der versprochenen Mitgift abziehen, und man heiratet und lebt glücklich, und du willst wegen lumpiger fünf Gulden ein anständiges Mädchensitzen lassen?" * . * Ein reicher Mann, der eine schöne und begabte Tochter hatte, war sehr wählerisch und schlug alle ihm vom Schadciian angetragenen Partien aus. „Wie steht's mit dem da?" fragte ein Nachbar den Schadciian. „Habt Ihr Aussicht, endlich bei ihm eine Summe Geldes zu verdienen?"' „Es macht sieh. Allerdings ist das ein hartes Stück Arbeit. Ich habe ihm neulich gleich drei Partien auf einmal angetragen. Zwei davon werden vielleicht zustande kommen." * * „Was? Schadehorns (V'ermittlei-gebiihr) soll ich Euch zahlen? Ihr habt ja bei der Partie meines Sohnes gar nicht mitgewirkt?" „Eben darum. Seht Ihr, lieber Freund, ich bin Ihnen nämlich ein grosser Pechvogel. Nie gelingt es mir, eine Partie zusammenzubringen. Hätte ich da die Hand im. Spiele gehabt, aus der Sache wäre sicher nichts geworden, und Ihr Sohn lebte beute nicht so glücklich mit seiner jungen Frau." * * * Ein Mann von adliger Herkunft tat sich auf seine Abstammung viel zugute und wies alle ihm vom Schadchan für seine Rinder vorgeschlagenen Partien zurück, da ihm keine Familie ebenbürtig schien. So alt ein Stammbaum war, er fand immer, dass der seinige noch älter wäre. „Da bleibt mir nichts übrig, als in den Stall und in den Wald zu gehen,"' sagte der Schadchan verzweifelt. „Die dort wohnen, haben den ältesten Stammbaum, die stammen nämlich noch von Adam ab." — * * * „Was stellt Ihr so hohe Ansprüche?" sagte der ungeduldige Schadchan zu einem Vater, dem kein Bräutigam für seine Tochter recht war. „Ihre Tochter ist doch auch kein Juwel." „Freilich, sie ist nicht schön, aber wir sind von sehr edler Abstammung." „Klug ist sie auch nicht sonderlich." „Freilich, aber wir sind von sehr edler Abstammung." „Geld habt Ihr auch keins." „Leider nicht, aber wir sind von sehr edler Abstammung." „Nun, ich schlage Euch einen vor, dessen Vater noch grösser ist, als der grosse hohe Rabbi Low von Prag.'' „So? Das lässt sich hören. Was hat denn der Vater geleistet?" „Ihr wisst ja, dass der hohe Rabbi Low einen Golem1) erschaffen hat: der hat aber nur kurze Zeit gelebt. Jener aber hat einen Golem erschaffen, der schon zwanzig Jahre alt ist und nun heiraten soll." „Der Sohn ist also ein Golem?" „Natürlich, sonst würde er ja Eure Tochter nicht nehmen." * Das Oberhaupt einer Familie, die eines sehr schlechten Rufs geniesst, sucht mit Hilfe des Schadciian einen Bräutigam für sein«; Tochter. Das geht aber sehr schwer vonstatten. Endlich findet sich einer, von dem man annimmt, dass er anbeissen werde. „Erzählt ihm lieber gleich alles, was die bösen Zungen über mich und meine Familie ausgedacht haben. Es ist besser, er erlalirts von Ihnen, als von Fremden." Der Schadchan hat mit dem präsumptiven Freier eine lange Unterredung und berichtet darüber dem Auftraggeber. „Ich habe ihm alles erzählt. Da aber Ihre Tochter hunderttausend Gulden mitbekommt, geht er auf alles ein." „Nun, und «t? Was ist an ihm?" „Fr weiss alles, und nimmt ihre Tochter doch. Das könnt Ihr Euch ja selber denken, was an ihm ist." * * * „Das Mädchen, welches Ihr mir für meinen Sohn vorschlagt, ist doch aber ganz arm. Sie bekommt keinen Pfennig mit." ') Der Sage nach soll R. Löw von Prag aus Lehm einen Renschen geformt und ihm vermittels kabbalistischer Formeln Leben eingehaucht haben, so dass er gewisse Dienste und Funktionen, freilich auf mechanische und seelenlose Art, verriebt» n konnte. — Im Volksmund bedeutet Golem einen tölpelhaften, unbeholfenen, dummen Kerl.

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