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Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 213 - 214

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Die Gestalten des jüdischen Volkshumors
Date
1911-03-01
Page
Seite 213 - 214 (sequence 2)
Language
German
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213 Dr. B Rohatyn: Die Gestalten des jüdischen Volkshumors. 214 jung, aber eine Schönheit ersten Ranges, entstammt der edelsten Familie, hochgebildet, sehr reich, aber sie hat einen Fehler." „Was ist das für ein Fehler? Vielleicht ist er am Ende gar nicht so schlimm." „Das ist eine heikle Sache. Sie leidet an einer seltsamen Krankheit. Einmal in zwanzig Jahren wird sie auf einige Stunden verrückt." Der Freier wurde ernst, sann eine Weile, dann sprach er: „Na, wenn es weiter nichts ist, muss man Nachsicht haben. Einmal in zwanzig Jahren. . . . Ihr könnt mit der Dame sprechen. Ich bin bereit." „Schön, aber da müsst Ihr zwranzig Jahre warten, bis sie wieder einmal verrückt wird und Euch nimmt." * * Ein Schadchan hatte einmal zwischen einer jungen Person und einem alten Mann eine Ehe gestiftet. Als es zur Hochzeit kam und die Chuppah schon errichtet war, wurde, nach dem üblichen Brauch, der Bräutigam von seinen „Unterführern" dorthin geleitet und erwartete mitten unter den versammelten Gästen und den brennenden Fackeln die Braut, damit die Zeremonie der Trauung vollzogen werde. Aber die Braut kam. nicht. Man wartete und wartete, die Braut erschien nicht. Da ging der Schadchan hin um nachzufragen, was geschehen sei. Man erklärte ihm, die Braut zögere, den letzten Schritt zu tun, da ihr der Bräutigam nicht gefalle. „Was hat sie denn auf einmal an ihm auszusetzen?" „Er ist ja viel zu alt für sie." „AVenn es weiter nichts ist, so tut sie gut, so schnell als möglich zu kommen, denn um jede Minute, die sie zögert, wird er ja älter." * * * Ein älterer Herr, dem der Schadchan auf sein wiederholtes Drängen eine junge Witwe als Braut zuführen soll, schickt sich an, dieser seine Aufwartung zu machen, und berät sich mit dein Schadchan, wie er sich zu verhalten hätte. „Ich bin, unter uns gesagt, schon nahe an die Sechzig. Wie denkt Ihr, wär's nicht ratsam, dass ich so an die zehn Jährchen herunternehme, könnte mir das nicht bei der jungen Frau nützen?" „Ach, legt schon lieber so an die zehn Jährchen hinzu. Das könnte Ihnen, glaube ich, vielleicht eher nützen." * „Was habt Ihr denn an der Braut auszusetzen, die ich Euch vorschlage?" frug der Schadchan, nachdem er sich um den Freier lange bemüht hatte. „Sie hat eine zerdrückte Nase." „Das ist nicht ihre Schuld, als Kind fiel sie einmal vom Tisch, und da ist das Malheur geschehen."' „Sie hat ein Gesicht voll Narben." „Es ist ganz herzlos, ihr einen Vorwurf daraus zu machen. Das kommt von den Blattern. Und Ihr könnt Euch denken, was die Arme während dieser schweren Krankheit gelitten hat." „Sie hat keine Zähne." „W;ie ungerecht, ein Mädchen deswegen zu verschmähen. Was kann sie dafür, dass ihr die Zähne ausgefallen sind?" „Sie gefällt mir aber im ganzen nicht." „Das ist etwas anderes. Dann will ich Euch freilich nicht länger zureden." MICHAEL ADAM. BhTUJN. Bildnis der Frau des Künstlers. Ein Schadchan hatte eine Ehe gestiftet und das Paar lebte sehr glücklich. Nach kurzer Zeit starb der Mann, und die junge Witwe war verzweifelt. Am offenen Grabe jammerte sie herzzerreissend und nur mit Mühe konnte man sie davon abhalten, sich mit in die offene Gruft zu werfen. Der Schadchan war ebenfalls beim Leichenbegängnis, und als das Grab zugedeckt war, übernahm" er es, an die Witwe heranzutreten und an ihrem Obergewand, nach alter Sitte, den Trauerschnitt vorzunehmen. (Dieser Trauerschnitt, der an einer sichtbaren Stelle des Obergewandes vorgenommen wird, ist ein Ueberrest des in uralten Zeiten geübten Brauches, die Kleider zum Zeichen der Trauer nach einem nahen Heimgegangenen zu zerreissen.) Er sprach zu der jungen Frau: „Man muss die Fügung des Himmels mit Ergebung tragen. Sagt mir lieber, ob ich den Schnitt an der Vorderseite oder der Hinterseite Eures Gewandes vornehmen soll."

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