Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 203 - 204

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Das Judenelend in Galizien
Date
1911-03-01
Page
Seite 203 - 204 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2584006-2584010-2602636--11501-2602719
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

203 U. Samuel: l>as Judenelend in Galizien. 204 fusses und der gesteigerten Konkurrenz weniger ergiebig als die der Christen, und sie haben andererseits schwerere Lasten zu tragen, denn sie müssen ihre jüdische Gemeinde und die kultlichcn Einrichtungen erhalten, zu denen der Staat nichts beiträgt, während die entsprechenden christlichen Institutionen aus dem allgemeinen Stcucrsäckcl gespeist werden. Eine der schwerstwiegenden Ursachen, des ökonomischen Niederganges der Juden in Galizicn ist geistiger und moralischer Natur. Schon im vorhergehenden Artikel wurde auf die Atomisicrung dev jüdischen Gesellschaft hingewiesen, die bewirkt, dass die gebildeten Schichten die breiten Volksmassen verwahrlosen. Dieser Prozcss hat aber auch direkte wirtschaftliche Folgen. Es gibt eine nicht wenig zahlreiche obere Klasse der Juden, die über einen verhältnismässigen Reichtum verfügt. Das ist die Klasse, aus der die Politiker und „Vorkämpfer" hervorgehen, die Abgeordneten und sonstige Mandatsbcsilzcr aller Kategorien, die nach allen irgendwo habhaften Würden greifen, an der Spitze der Grossgemeinden stehen, sich überall, wo es zu repräsentieren gilt, hervordrängen und schliesslich allerlei hohe Orden und sogar Adelstitel ergattern, und dabei überzeugt sind, die ganze jüdische Gesamtheit müsse sich dadurch geehrt fühlen. In den letzten zehn Jahren sind etwa hundert Millionen, dank dem Petroleum von Roryslaw, ins Land gekommen. Der Hodenpreis ist um 100 Prozent gestiegen, das ist den Gutsbesitzern, den Grosshauern und den Häuserbesitzern zugute gekommen. Ein nicht geringer Teil dieses Reichtums ist in die Hände der erwähnten jüdischen Obersohichte gelangt. Nun ist es in dieser besten aller Welten leider einmal so eingerichtet, dass den unteren Schiebten der Bevölkerung von dem steigenden Reichtum einer Zeit nur soviel zukommt, als die oberen Schichten zu ihnen hindurchsickern lassen, in der Form von Arbeitslohn für persönliche Dienstleistungen oder gelieferte Handwerks- und Industi'ieprodukte. Wie aber, wenn die Oberschicht von dem ihr zu Messenden Reichtum nichts nach unten hinabträufeln lässt? Da müssen die Armen noch ärmer werden. Und das ist in Galizicn der Fall. Es hat sieh in den letzten Jahien die Sitte herausgebildet, dass die reiche jüdische Klasse alle ihre Bedürfnisse vom Ausland bezieht, den grössten Teil ihres Einkommens im Ausland verzehrt, und wenn ihr Vermögen oder ihr sozialer Rang eine gewisse Höhe erreicht, das Land verlässt und sieh im Westen ansiedelt. Alan könnte eine ganze Reihe hochangesehener Familien nennen, die seit mehreren Jahrhunderten in Galizicn angesiedelt waren, dort zu grossen Reichtümern und sogar zu Adelstiteln gelangten, dann aber mitsamt den Kapitalien ausgewandert sind, u.n sie in Wien oder in Paris zu verzehren, wo die „Kultur" in Gestalt von Varietes, Champagner und Austern soviel leichter erreichbar ist, als in dem armen Heimatland. Seitdem man angefangen hat, den Juden zu predigen, ihre oberste Pflicht sei, sieh in Sitte, Brauch und Gesinnung der christlichen Bevölkerung ähnlich zu machen, haben sich die „aufgeklärten" Kreise beeilt, sich die Lebensführung anzueignen, die der polnische Adel längst als lasterhaft und verderblich abgelegt und verworfen hat. Ehemals nannten die Satiriker die polnischen Magnaten „die Abwesenden', weil sie stets in Paris, Wien oder Monako, nur nicht in der Heimat zu finden waren. Heute haben die jüdischen Reichen, die übrigens auch gern den Adel markieren, diese Rolle übernommen. Der allmächtige Finanzminislcr, der Minister des Aeusseren, der jahrelang das Reich regiert, wenn er den Dienst verlässt, kehrt er von Wien nach Galizicn zurück; aber das kleine jüdische Advokätlein ohne Klienten, das durch einen lächerlichen Zufall ein Mandätlein ergattert und dann eine reiche Partie gemacht hat, hält sich für zu gut, um in der Heimat wohnen zti bleiben, und muss seine Residenz in Wien aufschlagen. Der Zuckeragent, der Grosseskompteur, der Unternehmer, der Naphtaspckulant usw., die sich im Lande Millionen erworben haben, beziehen alle „besseren" Artikel des täglichen Bedarfs aus Wien, und schliesslich sind sie eines Tages ausgeflogen, wenn sie ihre guten Geschäfte abgewickelt haben, und sind an der schönen blauen Donau heimisch geworden, wo der Urquell der „Kultur" sprudelt. Bisher haben wenigstens der Bäcker, der Fleischer und der Schuster von ihnen ein wenig Nahrung gezog^, jetzt muss der Bäcker, der Fleischer und der Schuster sein Bündel schnüren und nach Amerika auswandern. Der jüdischen Grossgrundbesitzersfrau gereicht es nicht zur Ehre, sich im nächsten Städtchen Schuhwerk und Wäsche, und in Lemberg oder Krakau die Toiletten anfertigen zu lassen. Sie muss das alles aus Wien beziehen, während der heimische jüdische Handwerker hungert und verkommt, aus Mangel an Beschäftigung sein Können nicht entwickeln darf und schliesslich zum Wanderst ab greifen muss. Man trete während der Wintersaison in Lemberg (»der Krakau in einen Hallsaal, wo gerade die „Gesellschaft", die „Bildung und Besitz" vereinigt, zugunsten der Armen das Tanzbein schwingt. Da wird man nicht merken, was für ein Elend rings im Lande unter den Juden herrscht. Da geht es hoch her, und jede Flasche Champagner bedeutet einen Löffel Suppe für die Armen. Und wenn du nachforschest, wirst du finden, dass von. all. den Kostbarkeiten, die die Gesellschaft anhat, nichts im Lande von jüdischen Händen hergestellt ist. Der gute Ton und der Protzenhochinut vorlangen es so. Ehrlichen und tüchtigen Handwerkern und. Arbeitern wird der ihnen gebührende Verdienst entzogen, und wenn sie schon an den Bettelstab gekommen sind, wird zu ihren. Gunsten getanzt. Bei den Christen ist es gerade entgegengesetzt. Da gilt es als erste Bürgei'spl'liclrt, dem heimischen Gewerbe und dem heimischen Handwerk Arbeit zu geben, es nach Kräften zu fördern, den in der Heimat erworbenen Heller nicht in der Fremde zu verprassen. Den Juden kommt das aber nur in geringem Masse zugute, da infolge clor oben geschilderten Umstände selbst solche Zweige des Handwerks, des Detailhandels und Gewerbes, die ehemals ausschliesslich in jüdischen Händen waren, immer mehr in christliche ubergehen. Die jüdischen „Grossen" halten vor versammeltem Landtag sensationelle Reden über das wachsende Elend der jüdischen Massen, zum Fenster hinaus gesprochene Reden, Kandidatenreden. Aber man frage doch die Herren Redner selber, was sie und ihre Klasse zur 1 lebung der jüdischen Notleidenden jemals getan haben? Man frage sie, ob sie und ihre Schicht jüdischen Handwerkern Arbeit geben, ihre Bestellungen bei jüdischen Kaufleuten und Handwerkern machen, ob sie in ihrem Hause jüdische Dienstboten beschäftigen! Reden halten ist leicht, Reden ist nicht immer Silber, bisweilen ist es ein. Orden oder gar ein Adelstitel, auf jeden Fall aber ist es ein — Mandat. Man wird aus dem Gesagten sich leicht über die Ursachen, des ökonomischen Niederganges der jüdischen Massen in Galizicn klar werden. Sicher hängt ihr Elend mit der allgemeinen Armut des Landes zusammen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.