Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 3 (März 1911)
- Article
- Das Judenelend in Galizien
- Date
- 1911-03-01
- Page
- Seite 205 - 206 (sequence 5)
- Language
- German
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205 I>. Siunud: 0;\s JiiüVneh'iid in (lali/icn. 20G Aber während die christliche Bevölkerung gegen das ihrige mit immer grösserem Erfolg ankämpft, ist das der" Juden im Steigen begriffen. Die Juden befanden sich in einer Position, dass jede notwendige Veränderung und Entwicklung sie überflüssig machen und depossedicren konnte, und es fehlte ihnen die voraussehende Führung und Organisation, die ihnen neue Erwerbsquellen erschliessen und ihre Tätigkeit auf neue Gebiete hätte lenken können. Der Jude ist gewöhnlich viel rühriger, geschickter und befähigter als der Christ aus der entsprechenden Klasse, aber er ist viel weniger über die soziale Lage und die Forderungen der Zeit aufgeklärt, als jener, ist viel schlechter zum Kampfe ausgerüstet, und er steht gewöhnlich allein da im Kampfe, auf seine eignen Kräfte angewiesen, ganz seinem Schicksal überlassen, ohne Schutz und Anlehnung, während hinter dem Christen eine kräftige Organisation steht, die ihn stützt und leitet und belehrt. Schon ganz davon zu schweigen, dass der Staat und seine Organe stets auf Seiten dos Christen zu linden sind, während sie, sowie auch die Gesetzgebung den Juden, wo immer es mir angeht, drangsalieren und schikanieren und ihm gegenüber sogar vor offener Rechtsbeugung nicht zurückscheuen. Letzteres zeigte sich bei der Behandlung der Schankwirte in Galizicn und noch krasser bei dem vom Abgeordnetenhaus soeben beschlossenen Monstrum von einem Hausiergcsetz. Woher kann wirksame Hilfe kommen? Nur von aussen. Aber fatal wäre es, wenn sie ä u s s e r - 1 i c h bliebe. Sie muss die Massen in i h r e m I n - n e r n aufrütteln und zur Arbeit an sich selbst anleiten. Nicht von oben herab regiert, sondern von innen heraus geleitet müssen die jüdischen Massen in Galizicn werden. Geleitet mit starker, sicherer, kundiger Hand und mit einem Herzen voll V e r s t ä n d n i s , Liebe, Nachsieht, Geduld und stillem Enthusiasmus, voll Vertrauen in die schlummernde Kraft dieses Volkes und in seine bessere Zukunft. BRIEFE AUS ENGLAND. Von Dr. S. M. Melanied. Nachdruck verboten. Grossbritannien gehört jetzt zu den Ländern, die ihre konstante Judenfrage haben. Bis vor kurzem gab es in England keine Judenfrage. AVenn die Dinge sieh geändert haben, so liegt es nicht etwa daran, dass die Juden sie verschuldet hätten, sondern an der Vaterländerei der konservativen Partei. Diese Partei hielt sich von jeher für die Beschützerin und Retterin des Vaterlandes und seiner Freiheiten. Wenn das Vaterland immer in Gefahr ist, so muss auch jemand da sein, der es bedroht. Dieser jemand war vor der englischfranzösischen Entente cordiale Frankreich, dann war es Deutschland und jetzt sind es die „Foreigners" d. h. die Juden. Die Konservativen haben eingesehen, dass ihre laute Germanophobie ein Spiel mit Feuer und ergo sehr gefährlich sei, und da fanden sie flink einen anderen Bedroher Englands, die Fremden, d. h. die russischen Juden in Whitechapel. Also sind die Juden die Feinde Englands. Nun gilt es diesen Feind zu bekämpfen und unschädlich zu machen. So ist die neue englische Judenfrage durch eine Verschiebung gewisser politischer und parteipolitischer Faktoren hervorgegangen. Zu der Entdeckung, dass mit Judenhass spielen weniger gefährlich sei als mit Deutschenhass, beglückwünschen sich gegenseitig die Rädelsführer der Konservativen, die englischen Juden aber werden zu dieser Entdeckung Stellung nehmen müssen. Bis jetzt scheinen die Führer der englischen Judenheit die Situation nicht klar zu übersehen, denn sie schreiben die plötzliche antisemitische Hochflut in England einem lokalen Ereignis zu. Die englischen Behörden haben aber offiziell erklärt, dass die Hounsditscher Raubmörder keine Juden waren, und es ist nicht anzunehmen, dass die Engländer die russischen Juden das Verbrechen dreier lettischer Anarchisten büssen lassen wollen. Der Raubmord in Hounsditsch war den Konservativen ein formaler Anknüpfungspunkt, denn sie selbst wissen es, dass nicht einmal ein geringer Bruchteil der Whitechapeler Judenheit sich mit diesen Verbrechern identifiziert. Nein, der neue englische Antisemitismus ist gefährlich und keine vorübergehende Erscheinung, weil er eine parteipolitische Sache geworden ist. Parteipolitisch hat auch der Antisemitismus in Deutschland und in Frankreich angefangen. Die englischen Juden scheinen nun die Fehler der deutschen und französischen Juden, als der Antisemitismus in jenen Ländern in die Erscheinucg trat, zu wiederholen, d. h. sie nehmen die Erscheinung nicht ernst. Bestärkt in diesem Verhalten werden sie durch die Tatsache, dass auch die konservative Partei viele hervorragende Juden zu ihren Führern zählt. Aber die Konservativen sagen: An den Juden, in unserer Partei, die alle reiche Leute sind, ist nichts auszusetzen, aber die andern Juden . . . Das war von jeher die Taktik der Antisemiten. Um zu verstehen, was es mit den andern, nichtkonservativen Juden, für ein Bewenden hat, muss ich folgendes auseinandersetzen: Die eingeborenen englischen Juden gruppieren sich politisch in zwei Parteien, in konservativ und liberal. Obwohl die beiden grossen Parteien des Unterhauses je acht jüdische Mitglieder in ihrer Mitte haben, so neigt dennoch die Mehrzahl der eingeborenen Juden dem Liberalismus zu. Das ergibt sich auch aus folgenden historischen Tatsachen: Die liberale Partei war es, die die Judenemanzipation durchgeführt hat, die gleiche Partei war es, die Nathaniel v. Rothschild