Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 201 - 202

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Das Judenelend in Galizien
Date
1911-03-01
Page
Seite 201 - 202 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584006-2584010-2602636--11500-2602718
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

201 B. Samuel: Das Jiulcnelciul in Galizien. 202 sollte, da will' es interessant zu sehen, mit welcher Einmütigkeit die gesxmte Wiener Presse, vun den Vertretern des Grosskapitals bis zu denen des grimmigsten Sozialismus gegen die Angriffnahmc des Wasserstrassen bau es wütend Sturm liefen. Alles mögliche Geschütz wurde ins Feld geführt. Die Regierung wurde darüber gestürzt, ein Netz von unentwirrbaren Intrigen wurde gesponnen und das Projekt zur Falle gebracht. Wer es noch nicht weiss, kann daraus entnehmen, was für einen Wirklichkeitswert die scheinbare Fürsorge hat, die gewisse Wiener Kreise den galizischen Juden zwecks Hebung ihrer ökonomischen Lage angedeihen lassen. — Es sind, wie man sieht, lauter Forces majeure«, gegen die der Einzelne anzukämpfen ohnmächtig ist, die in ihrer Gesamtheit das Elend der Juden in Galizien verursachen. Allein, wenn der einzelne ohnmächtig ist, so gilt das nicht von der Gesamtheit; diese könnte, gehörig organisiert und aufgeklärt, das Uebel, wenn auch nicht ganz beseitigen, so doch erheblich lindern. Parallel mit den christlichen Kooperativgenossenschaften wirkend, hätten jüdische, ohne Feindseligkeiten, die Ucbergriffe und Ausschreitungen der ersteren eindämmen und sie so auf ihr eigentliches Gebiet beschränken können. Neue Gebiete der Tätigkeit hätten die Juden sich erschliessen können, vor allen Dingen aber die heranwachsende Generation besser ausrüsten, die neuen, modernen Methoden des Handels und des Handwerks sich aneignen, und bei ihrer angeborenen oder durch die Jahrhunderte erworbenen Regsamkeit, Findigkeit, Anpassungsfähigkeit würden sie nicht nur für sich selber, sondern für die Volkswirtschaft des ganzen Landes zum Segen geworden sein. Denn es ist ja töricht, sich einzubilden, dass die Genossenschaften mit ihrem, huroaukratisch-unpersönlichen Charakter wirklich imstande sind, den ganzen individuellen Warenaustausch an sich zu reisson und den Kaufmann als solchen überflüssig zu machen. Sie können auf die Dauer, und so lange sie in den lJahnen ihrer natürlichen Entwicklung verharren und keinerlei politische oder nationale Ziele verfolgen, auch nicht künstlich zu fernliegenden Zwecken verwendet worden, nur den ungesunden und zum Absterben verurteilten Psendohandel verdrängen, der keine notwendigen sozialen Funktionen erfüllt. Damit leisten sie aber dem wirklichen gesunden und entwicklungsfähigen Mandel nur einen guten Dienst, und indem sie ihn zu einer intensiven Entfaltung seiner Kräfte zwingen, tragen sie mit zu seiner Höherentwicklung bei. indem sie aber den Wohlstand der bäuerlichen Bevölkerung heben, ihre Kaufkraft steigern, ihre Bedürfnisse vermehren und ihre Zahlungsfähigkeit erweitern, können sie dem individuellen Handel sogar unschätzbare Dienste leisten. Das ist jedoch nur dann der Fall, wenn der erbgesessene Kaufmannsstand die Situation überblickt, seine Aufgabe erfasst, seine Tätigkeit zu erweitern, vermag und sich der neuen Sachlage gewachsen zeigt. Dazu bedarf er einer sozialökonomischen Aufklärung, und diese ist den Massen der Juden in Galizien aus den im vorangegangenen Artikel dargelegten Gründen nicht zuteil geworden. Berauscht von der bürgerlichen Gleichberechtigung und über ihr weiteres Schicksal beruhigt, hatten sie von der stillen, aber rührigen Agitation, die die KOperativgenossenschaften hervorbrachte, gar keine Ahnung, auf die ersten vereinzelt auftauchenden ..christlichen Verkaufsläden" sahen sie mit Geringschätzung herab, zumal die meisten in der ersten Zeit aus mangelnder Erfahrung wiederholt bankorottierten. Die Juden blieben bei der alten Routine, anstatt sich neue Bahnen zu ebnen und ihren Wirkungskreis zu erweitern. Sie machten nach althergebrachter Weise auf dem immer enger werdenden Terrain einander Konkurrenz und schwächten so immerwährend ihre eigene Kraft und W iderstandsfähigkeit. Nur auf dem Gebiet des Kreditwesens zeigte sich eine schwache und mit geringen Mitteln arbeitende Organisation. Nichts dagegen geschah, um die Handclsjugcnd in ihrem Beruf tüchtig auszubilden, noch weniger kümmerte man sich um. die Verbesserung und Erweiterung des Unterrichts im Handwerk. (Die alberne, von den Sozialdemokraten erdichtete Theorie, dass das Handwerk unweigerlich dem. Untergange geweiht sei, wird von den gebildeten und halbgebildeten Federfuchsern noch immer wiederholt.) Und da die Juden mit ihren Sprösslingen nichts anzufangen wussten, steckten sie sie unter grossen Opfern und ungeheuren Anstrengungen in die Mittelschulen. Die Juden bilden 11 Prozent der Bevölkerung, und in den Mittelschulen, namentlich den Gymnasien, bilden sie an die 2ß Prozent. Da nun den Juden von allen freien Berufsarten, nur die Laufbahn des Arztes oder des Advokaten freisteht, der Staatsdienst aber nur in einem sehr geringen Masse offen ist. so ist die Folge dieses ZuStandes eine ungeheure Ueberfüllung jener beiden Gebiete und ein unheimliches Anwachsen des halbgebildeten und verbildeten Proletariats. Noch schlimmer ist, dass dem Gcwcrbs- und Gcschäftsleben die tüchtigsten Kräfte entzogen werden. Wer das Zeug in sich hat, ein ausgezeichnete]' Handwerker, ein guter Kaufmann zu werden, wird ein mittel .massiger Advokat, ein unbedeutender Arzt, oder er bringt es nach jahrelangen Mülien und Warten zum subalternen Post- oder Stcucrbeamten. Das unfruchtbare, langwierige und ungeliebte Studium bricht die Lebensenergie, lähmt die Tatkraft der jungen Leute und ertötet in ihnen die Liebe und die Hochachtung für wahre Bildung. Die antiken Sprachen und alles andere, womit sie in der Mittelschule ohne Lust und Freude vollgestopft wurden, haben sie bald vergessen, und wirkliches Wissen um die Welt, um das Leben und die Dinge haben sie nicht erworben. Die Fähigkeit, sieh einen Weg durchs Leben zu bahnen und sich mit eigner Hand eine Existenz zu schaffen, ist ihnen abhanden gekommen. Es fehlt ihnen die Kraft, mit dem Dasein zu ringen. Für die „niedrigen" Beschäftigungen hallen sie sich viel zu vornehm. Sie warten auf eine reiche Braut, die mit ihrer Mitgift ihnen die Basis zu dem „höheren" Dasein eines Studierten eröffnen soll. Und das schlimmste dabei ist, dass die jungen Leute erst mit dem. 30. oder 'A2. Lebensjahre zu erwerben beginnen — und zwar kümmerlich. Bis dahin führen sie ein halb parasitisches Dasein, meist auf Rechnung der Familie, oder sie schlagen sich mit ephemeren, unsicherem und aufreibenden Verdiensten durch. Die Juden also — und das gilt von sehr breiten Schichten — kostet die Erziehung ihrer Kinder ungleich viel teurer als die Christen, und dabei rentiert sie sich ökonomisch viel schlechter. Das ist mit eine der Ursachen, dass unter den Juden viel weniger Erwerbstätige gezählt werden, als unter den Christen. Beim Bauern ist schon der kleine Knabe und das kleine Mädchen mit in der Wirtschaft tätig. Während unter den. Christen die ökonomisch untätigen Familienmitglieder AI Prozent ausmachen, bilden sie unter den Juden 57 Prozent. Dabei ist die Arbeit der Juden infolge der veralteten Methoden, des höheren Zins-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.