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Ost und West · 1911-03-01 · Heft 3 (März 1911) · p. Seite 199 - 200

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 3 (März 1911)
Article
Das Judenelend in Galizien
Date
1911-03-01
Page
Seite 199 - 200 (sequence 2)
Language
German
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B. Samuel: Das Jiuloneleiu! in Galizien. 2C0 umfasst und eine ungeheure ausgedehnte Tätigkeit entfaltet. Es ist ein prächtiger Bau, auf den die ganze Nation stolz ist. Aber es hat nicht gehindert, dass dies herrliche Italien eines der ärmsten Länder der Welt ist und jährlich an die 300 000 Landeskinder über See hinaussendet, obwohl es von der Natur verschwenderisch ausgestattet und von drei Meeren umspült ist. Die Genossenschaften allein tuen es also auch in Dänemark und England offenbar nicht. Aber die ruthonischen Emissäre wählten den leichtern Teil. Und es lässt sich nicht leugnen, dass die Genossenschaften auf rein agronomischem Gebiete der Bauernbevölkerung bedeutende Dienste geleistet haben. Auch die landwirtschaftlichen Kreditgenossenschaften haben durch die Verdrängung des Wuchers wahrhaft Gutes geleistet. Aber indem sie sich bestreben, den ganzen Klein- und Zwischenhandel an sich zu reissen, übertreten sie das Prinzip der ökonomischen Arbeitsteilung, denn sie erstreben, dass der Bauer in einer Person Hauer, Handelsmann, Ein- und Verkäufer sei. Das lässt sich künstlich unter grossen, von der Öffentlichkeit getragenen Kosten erreichen, bringt aber dem Lande keinen Nutzen. Audi sonst kommt die Genossenschaft nur den bemittelten Bauern zugute. Der arme geht leer aus. Und trotz den Genossenschaften und ihrer regen Wirksamkeit müssen alljährlich nahezu 200 000 Bauern im Sommer in der Fremde Arbeit um elenden Lohn suchen, um sich im Winter kümmerlich mit Hilfe armseliger, von Woldtätigkeitsvereinen unterstützten Hausindustrien clurchzubringen. Das Elend der Häusler in Galizien ist unbeschreiblich. Der Segen, den die Genossenschaften über das Land ausgegossen haben, ist also zweifelhaft. Aber die Juden bekamen deren Wirksamkeit bald hart zu verspüren. Sie hatten seit Jahrhunderten Mandel und Gewerbe getrieben, nun wurden sie aus diesem Gebiet Schritt um Schritt verdrängt. Die Vermögenden konnten sich der Landwirtschaft zuwenden, indem sie Grossgrundbesitz erwarben oder* pachteten, und in der Tat befindet sich heute mein' als der zehnte Teil des Privatgrossgrundbesitzes in jüdischen Händen, die den Boden ausgezeichnet bewirtschaften. Die Juden haben sich sowohl als Besitzer' wie auch als Pächter von Grossgütern als sehr geeignet zur Landwirtschaft erwiesen und diese sogar bedeutend gehoben. Allein dieses Gebiet stand nur den sehr Kapitalkräftigen offen. 'Der mittlere und kleinere Bauernbesitz zeigt sieb den Juden ganz unzugänglich, denn die »Stärkung des mittleren Bauernstandes erzeugte einen sehr grossen Landhunger, der sich im Aufkauf de/' Zwerggüter, sowie in der Parzellierung von Grussgütern äussert. (Der Preis des Bodens ist in Galizien in den letzten Jahren um 100 Prozent gestiegen). Für eine ganze breite Schicht von jüdischen Wirtschaftsbeamten und -angestellten auf den Gütern der Grossgrundbesitzer bildeten die seit dem schärferen .Ansetzen der proussisehen PoW.npolitik aus Posen verdrängten Polen eine schwer fühlbare Konkurrenz; dasselbe Element fand mit seiner vorzüglichen Schulung und der mitgebrachten ausgezeichneten Kenntnis der deutschen Sprache auch im Staatsdienst aller Kategorien Verwendung und versperrte so den J uden den ohnehin sehr schweren Weg zu diesem Tätigkeitsfeld, das übrigens von den erbgesessenen Schichten, wie überall in der Welt, eifersüchtig bewacht wird. — Was das Ucbel für die Juden noch schlimmer machte, war die grosse Kapitalsarinut dieses an Rohstoffen so reichen Landes, sowie seine finanzielle und industrielle Abhängigkeit von dem hochentwickelten Westen der Monarchie. Alle neu angelegten Verkehrswege bewirkten, dass die landwirtschaftlichen Produkte rascher nach dem. Westen gingen, im Lande eine dem Kaufmann und Gewerbetreibenden schwer fühlbare, steigende Teuerung zurücklassend, und dass aus dem Westen fertige Waren und Industrieprodukte massenhaft ins Land geworfen wurden, und das heimische Gewerbe und Handwerk, überwiegend von Juden betrieben, stets mehr erdrosselten. Der Zinsfuss für den kaufmännischen kleinen Kredit beträgt in Galizien 10 bis 12 Prozent und steigt zuweilen auf 15 Prozent. Unter sehr günstigen Verhältnissen beträgt er 7 Prozent. Es ist wahrhaft tragisch, dass man die Juden noch immer als Wucherei' verschreit, während keiner so schwer wie sie unter dem Druck des hohen Zinsfiissos leidet. Die meisten schwer und erfolgreich arbeiten den KaufJeute, besonders auf der Provinz, zahlen die Hälfte ihrer Einnahmen oder noch darüber als Zins an den Geldverleiher. Dass es im Interesse der Wiener und der anderen westlichen Geldinstitute liegt, diesen Zustand zu erhalten, liegt auf der Hand. Der galizische Grosseskompteur, der vom Kaufmann 10 oder 12 Prozent erhält, kann dem Wiener oder Präger Geldinstitut 6 oder 8 Prozent zahlen. Die österreichische Regierung, die seit jeher Galizien misshandelt und seine Entwicklung mit allen Mitteln hintangehalten hat, hat bis in die letzte Zeit hinein für die Förderung von Handel und Gewerbe nichts getan, da sie stets von zentralistischen Tendenzen beherrscht war and als ihre einzige Richtschnur die Bedürfnisse und Interessen der finanziellen und industriellen Kreise der westlichen Kronländer betrachtete. Diesen aber lag und liegt daran, Galizien, das grösste und an Rohstoffen reichste Kronland der Monarchie, in seiner Passivität zu erhalten. Galizien muss seine Rohstoff»4 nach dem Westen senden, um. sie als Industrieerzeugnisse wieder zu erhalten. Dieser Gegensatz zwischen Galizien und dem. Westen wird dem Aussenstehenden nicht klar, und er erklärt sich lieher die grosse Rückständigkeit und Armut des Landes Galizien ganz im Sinne und im Interesse der westösterreichischen Kreise, durch die billige Phrase von der „polnischen Wirfschaft" oder von dem. ./Fanatismus*' und der Orthodoxie der Juden. Die tieferen Gründe erfährt selten jemand. Aber ein Vorgang aus der jüngsten Zeit müsste sogar den Voreingenommenstem die Augen öffnen. Vor mehr als zolin Jahren besehloss der Reichsrat und sanktionierte die Krone ein Gesetz, wonach in ganz Oesterreich eine Reihe von Wasserstrassen gebaut werden, wovon zwei auf Galizien entfallen sollten. Für dieses Land war das von ungeheurer Wichtigkeit, denn die Wasserstrassen würden erstens die Ausbeute der überaus reichen westgalizischen Kohlenlager ermöglichen, und zweitens den Transport von Eisenerz aus Südrussland verbilligen und so erst das Aufblühen einer Industrie im. Lande verwirklichen. Ueberdies würde der Verkehr verbilligt und der Handel im Lande gefördert werden. Ausserdem würde der Bau der Wasserstrassen an sich Millionen ins Land bringen, Hunderttausenden von Händen Arbeit schaffen und das Elend mächtig lindern helfen. Dass all dies zu einem, sehr grossen Teile auch den Juden zugute kommen würde, bedarf keiner Erwähnung. Ein beträchtlicher Teil der brotlos gewordenen Schanker könnte ehrenhaften und nützlichen Erwerb finden. Seit zehn Jahren wartete man mit Sehnsucht auf die Verwirklichung des Wasserstrassengosetzes. Als nun im. vergangenen Summe;' Ernst damit gemacht worden

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