Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 171 - 172 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2584006-2584009-2602535--11476-2602605- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
171 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Alliance-Expcdition nach dem Temen. 172 Ganz in der Nähe ist der Markt, der keine besondere Eigenheit auf^veist; in allen yemenitischen Städten und Dörfern sieht man dieselben kleinen Verkaufsbuden, bei denen man nicht begreift, wie die Verkäufer hineingekommen sind. Viele Läden sind geschlossen, «andre ganz verfallen — ihre Besitzer sind während der letzten Belagerung gestorben. In den offenen Buden verkaufen Juden, einige Griechen, Araber und Türken den Beamten und Soldaten Stoffe, Kleider, Schuhwaren und Konserven aller Art. Am Ende des Marktes ist ein Platz, auf dem die Armeedepots und ihr Verwalter in stattlichen, mit schöner Mauer umschlossenen Gebäuden untergebracht sind. Eben spielt die Militärmusik auf diesem Platz europäische Melodien. Offiziere sitzen auf der Terrasse eines Cafes, rauchen Nargileh und lauschen der Musik, während kleine ganz nackte Araberjungen nach dem Takt der heiteren Weisen umherspringen. Die Moscheen, ungefähr hundert an Zahl, sind die einzigen Denkmäler einer grossen Vergangenheit; von den üppigen Palästen der Imaras mit ihren zahllosen Staats - gemachem, die Sanaa zu einer der prächtigsten Städte des Orients gemacht hatten, ist keine Spur geblieben. Bir-Asab mit seinen blühenden Gärten und berauschenden Düften ist jetzt ein sehr angenehmer Wohnort; Sanaa und Kaa-Jeud dagegen sind verpestet; aller Unrat wird auf die Strasse geworfen. Neben den Eingangstüren der Häuser ist in der 31auer eine Oeffnung, in der sich alle aus den Klosetts kommende Massen anhäufen, dort bleiben sie liegen, bis der Abfuhrmann sie abholt und in die Badehäuser bringt, wo sie als Brennmaterial Verwendung finden. Neben dieser Oeffnung läuft die Häuserhöhe entlang eine Rinne, durch die die übelriechenden Flüssigkeiten auf die Strasse fliessen. Die städtischen und Staatsbeamten haben gar keine Vorstellung davon, dass diese Zustände die Vorübergehenden stören oder die öffentliche Gesundheit gefährden könnten; merkwürdigerweise kommen epidemische Krankheiten hier sehr seiton vor. Das Klima in dem gebirgigen Temen und besonders in Sanaa ist vorzüglich. Die sehr trockene Luft steht im Gegensatz zu der ausserordentlichen Feuchtigkeit der Provinz Tehama. Im Sommer steigt das Thermometer in der Mittagsstunde nicht über 34 Zentigrad, aber diese trockne Hitze wirkt gar nicht störend. Im Winter sinkt in Sanaa die Temperatur während der Nacht auf ein bis zwei Grad, und auf manchen Bergen friert und schneit es s^hr reichlich. In den frühen Morgenstunden kannman in jeder Jahreszeit Pelzmäntel vertragen, sobald aber die Sonne herauskommt, ist der Frühling da. Besonders trockene Jahre. sind eine grosse Kalamität für dieses auf Ackerbau angewiesene, von der übrigen Welt ziemlich abgeschnittene Land, gemeinhin aber fällt der Regen auf diesen Bergen in ausreichenden Mengen. Es regnet im März und April, im Juli und August und im November. Nach, jedem Regen sinkt die Temperatur sofort um mehrere Grad und die erquickten Pflanzen werden ausserordentlich kräftig. Die Luft ist so trocken, dass man am Tage nach dein Regen die Gärten wieder begiessen muss. Dreissig bis vierzig Meter unterhalb des Erdbodens ist reichlich Wasser vorhanden, das durch grosse Brunnen mit Hilfe von mehreren zusammengespannten Kamelen an die Oberfläche gezogen wird; das Wasserist klar und frisch und schmeckt ausgezeichnet. Die Gärtön von Bir-Asab liefern alle Arten von Pflanzen, Gemüsen und Früchten, die nicht von der besten Qualität sind. Der unwissende Bauer ahnt nichts von der Kunst der Kultur; er gräbt die Erde um und ist zufrieden, wenn er ein reiches Ergebnis auch von wenig feinen Früchten erhält. Wenn wir die Stadt durch das Bab-Scheub oder durch das Bab-Rumi im Norden verlassen, sehen wir, soweit das Auge reicht;, wohlbestellte Felder, Gärten und Bäume; die zahlreichen malerischen Häuser schliessen sich zu hübschen Dörfern zusammen. Hier liegt Scheu], dort Farwol und am gegenüberliegenden Abhang Rauda, dessen Minaretspitze sich über die Berge erhebt. Rauda, die Hauptstadt eines Imamats, das früher gegen Sanaa gekämpft hat, ist die Stadt der AVeinberge und Blumen und wurde ehemals von den arabischen Grossen als Erholungs- und Ausflugsort aufgesucht. Auch hier auf dem Lande findet man verschiedene Häuser von den Besitzern verlassen, die dazu gehörigen Felder brachliegen; manche alte Schlösser, die der grösseren Widerstandsfähigkeit wegen in Form von Burgen gebaut waren, sind heute verfallen, und durch die Löcher der Wände bemerkt man die innere Anlage der Etagen und Treppen. Nach Westen zu um die Stadtmauer biegend gehen wir über den jüdischen Friedhof, einer grossen Ansammlung kleiner, ohne jede Ordnung verstreuter Grabsteine; früher durften die Gräber nicht über den Boden Innausreichen, sie lagen dicht nebeneinander und bildeten eine schüsselähnliche Vertiefung. Seit der Herrschaft der Türken haben die Juden ihre Grabhügel etwas höher gemacht, da sie aber ohne jede Sorgfalt aufs Geratewohl aus Steinen und Erde zusammengeworfen werden, haben sie keinen Halt und verfallen sehr schnell. Der älteste dieser erhöhten Grabhügel ist der des aus Konstantinopel stammenden Grandrabbin Jacob Schaul. Als vor 37 Jahren die ins Land zurückgekehrten Türken die jüdische Gemeinde reorganisieren wollten, verlangten sie, dass ein gelehrter Rabbiner aus der Hauptstadt verschrieben wurde. Jacob Schaul kam darauf nach Sanaa, starb aber ziemlich bald, und seine Familie kehrte wieder in die Heimat zurück. Immer an der Mauer entlang wandernd lassen wir das Bab-el-Jeud hinter uns und befinden uns südlich von Sanaa auf freiem Feld. Die Ebene hat hier nur eine massige Ausdehnung und die Gärten sind ohne besonderen Wert. Wir komm?n zuerst an den mohammedanischen Friedhöfen vorbei, die die Zeit nicht mehr verschont hat. als die jüdischen, dann an den grossen Steinbauten der Kasernen, die in ganz öder, unfruchtbarer Gegend liegen, trotzdem die aus den Bergen kommenden Wasserkanäle auf dem Wege zur Stadt hier