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Ost und West · 1911-02-01 · Heft 2 (Februar 1911) · p. Seite 169 - 170

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 2 (Februar 1911)
Article
Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
Date
1911-02-01
Page
Seite 169 - 170 (sequence 6)
Language
German
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169 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Alliance-Expedition nach dem Veinen. 170 und beklagt sieh, dass die Gemeinde mit seiner Wahl nicht einverstanden ist und weder seinen Rat noch seinen Habbiner haben will, man fürchte „Maehlokef". Das ominöse Wort ist heraus — aber die Zeiten haben sieh geändert, die -Aufregung legt sich und sowohl .Rabbiner wie Vorstand bleiben in ihren Aemtern. More Jahye Isehak Alevy, der neue Habbiner, ist vierzig Jahre alt, mittelgross, hat grosse tiefe Augen, einen langen schwarzen Bart und ein lebhaftes, sehr sympathisches Gesicht. Er trägt die landesübliche Tracht der .luden. Ton bemerkenswerter Intelligenz, sehr gebildet und klug, entfaltet er sofort eine kräftige Tätigkeit. Er bleibt bis ein Uhr morgens wach, um drei Trauungen gleichzeitig zu vollziehen. Hier bleibt er eine Weile beim lloclr/.eitsmahl und trinkt sein Gläsehen Araki wie andere Gäste, dort spricht er nur den priesterlichen Ehesegen aus und an dritter Stelle, bestreicht er Arme und Hände; des jungen Ehemanns mit einer dicken Schicht Henna. Um vier Uhr morgens sieht er auf, um sein Amt als Schochct auszuüben; um acht beginnt er seine Besuche bei den Beamten, und nachdem er verschiedene Streitigkeiten zwischen Glaubensgenossen geschlichtet und eine oder zwei Khescheidungen ausgesprochen hat, geht er am Nachmittag drei Kilometer weit Ins zum Serail, um sich dort für irgendeinen bedrohten Juden zu verwenden. Vor zwei Jahren war er von seinen Kollegen im Bet Din beschuldigt worden, in die Rechte des Kadi eingegriffen zu haben; er wurde sofort verhaftet und in Ketten gelegt: nur sein energischer Protest hat ihn gerettet. Die Männer des neuen Regimes haben ihn trern und empfangen ihr mit Wohlwollen. Das Monatsgehalt dieses Rabbi beträgt inklusive der Kasualien siebenzig Francs. Die Stadt Sanaa und ihre Umgebung. Das "Wetter ist köstlich. Die Regenzeit hat bereits begonnen. Himmel und Erde sind rein gewaschen und die Luft ist so mild! Jeden Nachmittag um drei Uhr bedeckt der Himmel sich mit dicken AVolken, ein feiner durchdringender Nebel rieselt herunter und bildet in den Gä-ssehen fliessende Ströme. Gegen Morgen erhebt sieh der Wind, treibt die Wolken nach Norden und die Sonne erscheint am strahlenden Himmel. Die Vormittage benutze ich zu meinen Streifzügen durch die Stadt und die Umgeg.m . Gewöhnlich gehe ich in Begleitung einiger Notabein oder mit dem Oberrabbiner, die insgesamt unermüdliche Fussgänger sind. Oft bin ich auch mit dem italienischen Kaufmann Herrn t'aprotti spazieren gegangen: er lebt seit fünfundzwanzig Jahren im Lande, ist ein sehr gebildeter Mann von den liebenswürdigsten Umgangsformen, ein grosser Freund der Juden und die Vorsehung der durchreisenden Fremden. Sanaa liegt 2300 Meter hoch auf einer weiten Ebene, ist ringsum von Berg- und Hügelketten eingeschlossen und lehnt sich an die Abhänge des Berges Nugom. Ehedem waren diese Berglehnen von prächtigen Palästen und Marmorbauten geziert, heute findet man bloss noch verstreute Steine, nur hoch oben auf dem Gipfel des Berges steht eine weissleuchtende Festung und beherrscht die ganze Ebene. Die Stadt hat die Neigung, sich vom Nugom und seinem feuchten Umkreis zu entfernen und sich nach der Ebene hin auszudehnen. Sanaa hat zurzeit nicht mehr als 20—25 000 Einwohner, nimmt aber doch eine ziemlich grosse Fläche ein: sie ist ungefähr 4 Kilometer lang und — von Norden nach Süden — zwei Kilometer breit. Sie bildet in sich drei durch ihre Bauart und ihre Bewohner verschiedene Städte. Die eigentliche Stadt Sanaa ist der alte eingesessene Wohnort der Araber: in dem von wundervollen Gärten bedeckten Stadtteil Bir-Asab haben die türkischen Beamten und Offiziere sich schöne Landhäuser gebaut, die sie das ganze Jahr hindurch bewohnen: und Kaa-Jeud ist die aus eng zusammengedrängten Lehmhäusern bestehende Stadt, in der unsre G1 aübensgeno=>en wohnen. "Wenn wir Kaa-Jeud verlassen, kommen wir direkt auf die grosse Landstrasse nach Hodeldah. Auf der andren Seite liegt weiter nach aussen das Stadtviertel El Haridje. Als vor ungefähr vierzig Jahren die Juden eich stark vermehrt hatten, fingen sie an, in der Nähe der arabischen Gemüsegärten Häuser zu bauen, und so ist El Haridje entstanden. Wir wandern nach Osten und kommen auf einen grossen Platz, der das jüdische Viertel von dem türkischen Viertel trennt. Von der einen Seite sieht man noch die letzten zum Teil sehr hübschen jüdischen Häuser, auf der andern die langen grauen Mauern der Gärten von Bir-Asab. Die Strasse wird von kleinen Kanälen durchschnitten, die das Wasser von den Bergen den verschiedenen Gärten zuführt. Wir kommen an einem grossen, von behauenen Steinen aufgeführten Gebäude vorüber das ist die erste Mädchenschule, deren Hau demnächst beendet sein dürfte. Oh sie sehr besucht sein wird? Nicht weit davon steht die Kunst- und Handwerkerschule, Mehtcp Sanaya die jetzt in eine Art Gymnasium umgewandelt ist. Sie hat. zurzeit fünfzig Schüler, wäre aber in der Lage, dreihundert unterzubringen. Ein paar jüdische Schüler hatten sieb für diese Sehlde angemeldet, aber die arabischen .Jungen empfingen sie mit Steinwürfen, und unsre armen Glaubensbrüdor wagten nicht mehr wiederzukommen. Nun sind wir an dem grossen .Platz von Bir-Asab angelangt, auf dem gerade die Soldaten exerzieren und von dem aus »min das Bab-el-Labah sieht, das „Tor des Morgens'*, das auf eine neue liefestigungsmauer von Sanaa führt. Früher hatten Bir-Asab und Kaa-Jeud gar keine Befestigungslinien, und die Araber kamen aus den Bergen, verwüsteten die herrlichen Garten und plünderte/) das Judenviertel. Vor hundert .Jahren besehloss der Jmam den Bau einer neuen Mauer, die diese Stadtteile vor ihren Angreifern schützen sollte. Liese Mauer schnitt den jüdischen Friedhof in zwei Teile, und immer, wenn die Maurer an diese Stelle kamen,- senkte sich die Mauer; man baute sie wieder auf, sie fiel von neuem zusammen. Darauf ging man zu den Rabbinen und holte deren Rat ein. Sie sagten, die Toten wären unzulrieden, sie wollten alle innerhalb der Stadt bleiben. Daraufhin zog man die Mauer um den ganzen Friedhof, die Toten waren befriedigt und die Arbeit konnte ohne weiteren Zwischenfall beendet werden. Ldder wurde dieser Friedhof bald geschlossen, die Türken machten ihn zu einem Feldlager, die Grabsteine w urden gestohlen und auf dem geebneten Terrain stellen heute die Soldaten ihre Zelte r.uf. Wenn man durch das Bab-el-Sabah in das alte Sanaa eintritt, so fallen nach den breiten Strassen von Bir-Asab sofort die engen Gässchen auf. die von vier und fünf Stockwerk hohen Stein- und Ziegelhäusern eingefasst sind. Die kleinen Fenster werden von kunstvoll ausgeschnittenen Holzbrettern geschlossen, in die buntfarbene Glasscheiben eingesetzt sind, das sieht sehr hübsch und malerisch aus. Wir kommen an einen ausgetrockneten Teich, der zur Regenzeit zu einem starken Fluss anschwillt, weiter zu einer steinernen Brücke, zu einer mächtigen Moschee —• die Moscheedes Mahdi -— mit achteckigem Turm und zu kleinen Läden, in denen geschickte Arbeiter den Oarneol bearbeiten, den die orientalische Goldschmiedekunst unter dem Namen ,,Mekkartein'1 verwendet. Auf der anderen Seite des trockenen Flussbettes steht eine Reihe sehr hübscher Häuser. Las ist Naaren, das ehemalige Judenviertel. Auf dem primitiven Erdgeschoss hat man eine Reihe von Stockwerken aufgebaut; die Eingangstüren sind klein und niedrig, so wie die Juden sie damals bauen durften. Ein Gewirr von engen und finsteren Gässchen führt uns zur Grossen Moschee, dem ältesten und am meisten verehrten Tempel von Sanaa. Es ist ein weites viereckiges Gebäude ohne Mittelkuppel, mit zwei Seitenminarets, die mit Kalk geweisst sind: es sieht wie eine Dorfmoschee aus. Ich befinde mich gerade in Gesellschaft eines türkischen Beamten: man kennt mich noch nicht und hat kein Misstrauen gegen mich. Ich nähere mich dem Eingang der Moschee, herauskommende Araber machen uns Platz; ich werfe aber nach kurzem Zögern nur einen Blick ins Innere und entferne mich . . . ein Jude würde diesen Raum nicht lebend verlassen. Dieser Tempel scheint einstmals zu dem Zweck errichtet zu sein, um die Pilger von dem heidnischen Mekka abzulenken. Er hat nach und nach dem Kultus der Idole und dem der Sabäer Unterkunft gegeben, ja selbst die Juden haben hier unter einigen glühend judaisierenden Königen ihre Zeremonien gefeiert, und erst nach der arabischen Eroberung ist dieser Tempel zu einer Moschee umgewandelt worden.

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