Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 167 - 168 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584006-2584009-2602535--11474-2602603- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
167 Mitteilungen der Allianci Israelite Universelle: Die Alliance-Expedition nach dein Yemen. 168 Dörfern kamen etliche Juden in die Stadt, in der Hoffnung, hier lohnende Arbeit zu finden. Aber es gibt keinerlei Geschäft mehr in Sanaa; man tut nichts, man wartet. Der Imam ist von seinem Sieg ganz überrascht, er ist ganz damit beschäftigt, seine Kanonen und Munition und was er sonst in der Stadt findet, nach seiner Festung Schare zu expedieren und denkt nicht daran, das Land neu zu organisieren und die vom Krieg verursachten Uebel zu heilen. Hunger und Krankheiten sind in der so hart getroffenen Stadt, noch immer nicht überwunden. Die Juden werden von allen Seiten geplagt und werden gezwungen, die zahlreichen türkischen Soldaten zu beerdigen, die hier infolge mangelnder Pflege elend zugrunde gingen. Im Monat September verlässt der Imam endgültig die Stadt. Das zur Rosch Haschaia rufende Schofar kündet wirklich das Fest der Befreiung an und den schliesslichen Sieg der Türken. Das ottomanische Heer zieht wieder in die Stadt ein; für unsre Glaubensgenossen beginnt eine neue Aera, eine Zeit des .Friedens und der Erholung, der Arbeit und Neugestaltung. Die Häuser werden wieder lebendig, die Werkstätten bekommen Arbeit und die Synagogen werden allmählich wieder geöffnet. Aber heute noch, nach fünf Jahren, sind ganze Strassen des Judenviertels unbewohnt; viele Häuser haben kein Dach, keine Türen und Fenster mehr, und werden von Sonne, Regen und Wind vollständig zerstört. Ich habe diese Stätten besucht, die ehemals voller Leben waren, und bin schweren Herzens von diesem beängstigenden Anblick zurückgekehrt. Manchmal kommen ein paar Handlanger und beladen ihre kleinen Esel mit den Ziegeln und Steinen dieser herrenlosen Ruinen; an anderen Stellen erhebt sich mitten in diesem Wust ein Neubau, ein schneeweisses schönes Haus mit kleinen Fenstern — das ist die wiedererstandene Hoffnung, die aussichtsvolle Zukunft. Nicht zum erstenmal war diese grosse Gemeinde zerstört worden; ihre lange Geschichte spricht von vielen Leiden und vielem Elend, aber immer hat sie sich durch die Macht des Glaubens, der Hoffnung und durch die zähe Energie ihrer Einwohner wieder aufgerafft. Die Gemeinde. Während des Osterfestes 1905 waren nur 150 Personen im Judenviertcl geblieben, heute sind es beinahe 3000 Seelen, und in der jetzigen Zeit des Friedens und der Freiheit nehmen sie weiter in schnellem Aufstieg zu. Unglücklicherweise ist die Gemeinde als solche gar nicht organisiert, sie besitzt auch keinerlei Wohlfahrtseinrichtung; man sieht die Notwendigkeit dafür nicht ein und huldigt dem Grundsatz: jeder für sich und Gott für uns alle. Es gibt von Gemeinde wogen keine Talmud-Thora- Schule; jeder Hausvater schickt seinen Sohn zum Rabbiner seines Bezirks und lässt ihn dort so lange unterrichten, Avie er selbst für richtig hält. Es gibt keine wohltätige Stiftung und keinen Wohlfahrtsverein; jeder muss arbeiten und sich von der Frucht seiner Arbeit ernähren. In dieser Stadt des Elends gilt Betteln für eine grosse Schande. Als vor einiger Zeit arme Kinder aus den Nachbardörfern am Samstag in die Stadt gekommen waren und am Ausgang der Synagogen ihre Händchen bittend au-'gestreckt hatten, liess das Bet Din eine Aufforderung an die Bevölkerung verlesen, in der jede Unterstützung der Kinder verboten wird. „Durch eure Schuld," so heisst es da, „gewöhnen die Kinder sich an das Faulenzen und werden eines Tages zugrunde gehen." In Yemen gibt man keine Almosen, aber man bietet eine umfangreiche Gastfreundschaft. Jeder durchreisende Fremde, reich oder arm, findet überall vortreffliche Aufnahme; er wird als .Familienmitglied behandelt, isst aus der gemeinsamen Schüssel, schläft mit dem Hausvater in demselben Zimmer und nimmt an den frommen Studien des Tages teil. Die Gemeinde kümmert sich nicht um die bedürftigen Kranken. Die Krankheit kommt von Gott und kann nur durch Gebet geheilt werden, jeder ärztliche Beistand ist überflüssig. Ganz ausnahmsweise gibt man in Fällen, wo der Familienvater krank ist, eine Unterstützung von einigen Piastern zum Unterhalt der Kleinen. Die CJemeinde kümmert sich auch nicht um Heirat, Geburt oder Ableben ihrer Mitglieder; das interessiert nur die Familie. Was religiöse Formalitäten angeht, so kann jeder More den Ehesegen aussprechen; mehrere Männer verstehen die Operation an Neugeborenen, und es gibt genug fromme Leute, die an den Toten die letzten Religiönspflichteu erfüllen. Das einzige offizielle Amt ist das eines Dajans (Richter). Das Bet Din von Sanaa wird von allen Juden des Yemen anerkannt; es hat allein das Recht, in Sanaa und Umgegend Ehen zu lösen, macht von diesem Recht auch oft Gebrauch, manchmal sogar Missbrauch. Vor allen Dingen hat diese Behörde die Differenzen in der Auslegung der Religionsgesetze zu schlichten. Von allen Gegenden der Provinz laufen die Scheilot (Anfragen) ein, und überall werden die Teschubot (Antworten) mit Ungeduld erwartet. Ueber dem Bet Diu von Sanaa steht noch das von Jerusalem. Auf dem Lande war bekannt geworden, dass ein grosser Chicham im Yemen angekommen war, man bildete sich ein, dass „Rabbenu" Jomtob Semach — das bin ich — der Vertreter des Bet Din von Jerusalem ist und hatte schon eine Anzahl von Konsultationen für mich vorbereitet. Eine Frage ist typisch. Giath Cohen hat sich mit seiner Frau gezankt und hat sie fortgeschickt. Als er wieder heimkommt, findet er es sehr einsam, fühlt, dass er seine liebe Schudich immer noch liebt, er verliert keine Zeit, holt sie wieder zurück und lässt sich aufs neue mit ihr trauen. Dadurch hat er aber seine Priesterrechte eingebüsst. Ein Cohen darf nur ein junges Mädchen und keine geschiedene Frau heiraten. Giath empört sich geg_m das Verbot und trotz der Gelehrten fährt er in der Ausübung seiner Priesterrechte und -pflichten fort. Er erklärt, seine Frau wäre keine Geschiedene gewesen, er habe nur seine eigene Frau geheiratet. Und im übrigen Avären die Dajanim nicht sehr überlegt gewesen: sie hätten erkennen müssen, dass er seine liebe Schudieh immer noch liebe und sie nur im blinden Zorn fortgeschickt habe. — Bei dem Nichtvorhandensein jeebr Gemeindeorganisation braucht man eigentlich auch keinerlei Einnahmen- In Sanaa jedoch und in allen Städten, in denen es Schlächtereien gibt, hat man eine Fleischsteuer eingeführt, die trotz der mangelhaften Aufsicht in Sanaa dreitausend Francs jährlich bringt. Man bezahlt mit diesem Geld die Sekenim (alten Männer), die den ganzen Tag mit dem Studiuni der Gesetzbücher zubringen, entweder in den Tempeln oder in Trauerhäusern. Eine kleine Subvention erhalten davon auch die Richter; Witwen, Waisen und Kranke bekommen unbedeutende Unterstützungen, und von dem Rest werden Gemeindegrundstücke angekauft; alle diese einstmals erworbenen Gebäude liegen heute in Trümmern. Das Amt eines Richters, das bei dem, minimalen Gehalt eigentlich ein Ehrenamt ist, war immer von den More sehr begehrt, die sich weiser dünkten als ihre Lehrer. Was für Intrigen und Kämpfe gibt es, um diese Stellung zu erringen! Ein Ausdruck, der hier in allen Gesprächen wiederkehrt, ist „Machloket" (Geschwätz, Klatscherei). Die jahrhundertelange Geschichte der Gemeinde widerhallt von dem Lärm dieser Machloket. Und wenn die Parteien erst in Streit gerieten, waren sie unerbittlich; sie sparten weder mit Verwünschungen und Flüchen, noch mit Schlägen und Wunden. Auch die Fleischer erschienen auf dem Kampfplatz und verhalfen dem von ihnen unterstützten Kandidaten immer zum Sieg. Je mehr man selbst verfolgt wurde und sich vor dem Araber ducken musste, um so aufsässiger wurde man im eigenen Viertel. Das war die Revanche. Der kleine Schmied, der des Abends mit seinem Handwerkszeug auf dem Rücken ins Judenvicrtel heimkehrt, ist in der Synagoge ein Morö, eine grosse Persönlichkeit, die man respektiert und auf die man hört. Besonders am Sabbat, wenn er von der täglichen Arbeitssorge befreit ist, sein weisses Gewand und seine farbige Mitra angelegt hat, ist er ein anderer Mensch. Er sitzt auf dem Ehrenplatz; er ist es, der das Zeichen zum Beginn des Gebetes gibt, der die Bibelstellen kommentiert, der die Personen bezeichnet, die der Reihe nach einzelne Stellen des Bibelabschnitts vorlesen — warum sollte er nicht auch Richter werden? Heute sind die vergangenen Kämpfe vergessen. Das Leben ist schwieriger geworden, und jeder hat mit seinen eigenen Geschäften zu tun. Trotzdem kommt eben ein Mitglied des von uns neu organisierten Gemeinderats zn mir