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Ost und West · 1911-02-01 · Heft 2 (Februar 1911) · p. Seite 165 - 166

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 2 (Februar 1911)
Article
Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
Date
1911-02-01
Page
Seite 165 - 166 (sequence 4)
Language
German
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165 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Alliance-Expedition nach dem Yemen. 1.66 öfter" meine Hand steif und die Augen müde, so dass ich von Zeit zu Zeit eine kleine Pause mache und die versammelten Gäste betrachte. Dabei fällt mir auf, dass diese so ärmlich gekleideten Männer ohne Manieren tatsächlich von grosser Schönheit sind. Sie sind nicht sehr gross gewachsen und ziemlich mager, ihre Haltung ist gerade, die Züge fein, die Gesichtsfarbe von warmem, bräunlichem Kolorit; das Schönste aber sind die grossen Augen und ihr lebhafter Ausdruck. Die langen Haarlocken, die gebogene Nase und die dunklen, losen Gewänder erinnern an gewisse von den Primitiven gemalte biblische Gemälde. Ich bemerke fast gar keine Greise. Die Gemeinde ist noch jung und hat keine Vergangenheit mehr, für sie zählt nur noch die Zukunft. Man erzählt mir das furchtbare Trauerspiel, das vor fünf Jahren das Land Yemen verdüstert, das Land entvölkert xincl ruiniert und die grosse Gemeinde Sanaa vernichtet hat. Es war im Jahre 1905. Schon seit zwei Jahren hatte der Regen gefehlt; das Korn, das sonst 6 bis 7 Centimes pro Kilo gekostet hatte, war auf 30 Centimes gestiegen, die Not war gross. Vier Fünftel der zwölf- bis fünfzehntausend Mitglieder der Gemeinde Avaren Handwerker und lebten von der Hand in den Mund. Es gab keine Arbeit und keinen Verdienst mehr. Man verkaufte seine Wertsachen, um bis zur nächsten Ernte durchzuhalten. Im September erfährt man mit Schrecken den Aufstand der Araber in Khaime. Der Oman Seid Jochye Ibn Mohammed verlässt seine Festung Schare und zieht in Geschwindmärschen gegen Menaha; er erobert Hamis und schneidet die Verbindung mit Hodeldah ab. Sanaa wird belagert und bleibt vom übrigen Yemen, vom übrigen Reich vollständig abgetrennt. Sie ist weder für die Truppen noch für die Zivilbevölkerung Proviant, der Getreidepreis steigt und_erreicht zwei bis fünf Francs pro Kilo. Nachdem unsre Juden alles verkauft hatten, was sie besassen, Schmucksachen, Teppiche, Kochgeräte, Bücher, das Häuschen, das jeder Handwerker sein eigen nannte, blieben sie ohne jedes Hilfsmittel. Männer, Frauen und Kinder irren halbnackt, zu Skeletten abgemagert, wie Gesj)enster durch die Stadt und suchen etwas zu essen. Sie stürzen sich auf alles, was sie finden können, verschlingen die Blätter der Bäume, nagen an Wurzeln und an dem stacheligen Kaktus. Sie gehn auf die Jagd nach Hunden, Katzen, Ratten und Mäusen, und selbst wenn sie ein totes Tier fanden, verzehrten sie es gierig. Man plündert die Geschäfte, in denen getrocknete Häute gehandelt werden, und kocht von diesen Fellen unappetitliche Suppen, die man mit Entzücken verspeist. Viele Leute fallen tot auf der Strasse um — man achtet nicht darauf; andere gehen an verschiedenen Krankheiten zugrunde — die Sterblichkeit wächst unendlich. Greise und Kinder werden in allen Familien zuerst hingestreckt. Manche frommen Männer machen mit grosser Aufopferung den Versuch, die Toten zu bestatten, sie können aber dieser ungeheuren Aufgabe nicht genügen. Die Verwandten müssen selbst diese Leistung übernehmen. Sie hüllen die Ueberbleibsel ihrer Lieben in einen Schemla ein und tragen sie auf den Friedhof, wo grosse Gruben für die Toten des Tages vorbereitet sind. Die Belagerung dauert an, die Stadt entvölkert sich. Juden und Türken haben am meisten zu leiden, denn die Araber haben zum grössten Teil die Stadt verlassen; die noch zurückgebliebenen Familien haben in ihren ' Verstecken noch genügend Lebensmittel. Auch einige Juden versuchen, die Stadt zu verlassen, aber sowie sie an das Lager des Imarn kommen, plündert man sie vollständig aus, hält sie sogar einige Zeit gefangen, um zu beobachten, ob sie kein Gold oder Silber oder Juwelen verschluckt haben, dann lässt man sie laufen und die hilflosen Armen bleiben tot am Wege liegen. Ein paar Leute haben Nachbardörfer erreicht, wo ihre Glaubensgenossen i hre geringen Vorräte mit ihnen teilen, denn die Hungersnot lastet aut dem ganzen Lande. Die Garnison Sanaa blieb untätig und starb langsam dahin, ohne einen Ausfall zu versuchen oder dem Feind Lebensmittel wegzunehmen. Die aus Hodeldah gesandten Hilfstruppen können die Linien der Belagerer nicht durchbrechen, die wenigen Soldaten, denen es gelingt, kommen halbverhungert in der Stadt an. Hier gibt es weder Regierung noch Polizei mehr; ein paar Beamte werfen sich nun auf die Juden. Sie dringen in ihre Häuser, nehmen alles, was sie finden, und um sicher zu sein, dass nichts vor ihnen versteckt wird, foltern sie die Aermsten, bis sie versprechen, ihnen ein gewisses Mass Korn und soundsoviel Taler zu bringen. Die Stadt entgeht ihrem Schicksal nicht. Im Monat April übergibt der Platzkommandeur sie dem Imam und am Vorabend des Passahfestes zieht die siegreiche Armee in Sanaa ein. Die Hungersnot hat sofort ein Ende, Lebensmittel kommen in Fülle herein — aber das Zerstörungswerk ist vollendet, die verwüstete Stadt liegt verödet, die jüdische Gemeinde ist vollständig vernichtet. Von sechsundzwanzig Synagogen sind vierundzwanzig geschlossen; am Passahfest kamen in den Tempel von Gaveh 15 und in den von Penhos 12 Personen. Einige Wochen später hielt der Imam seinen Triumphzug in die Stadt. Die Juden brachten ihm ihre Huldigung dar und wurden mit Wohlwollen von ihm aufgenommen; er versprach ihnen seinen Schutz, wenn sie am Ort verbleiben und die Pflicht erfüllen wollten, denen sie sich zur Zeit ihrer Vorfahren unterzogen hatten. Er gab ihnen alsdann folgendes eigenhändig von ihm geschriebenes Edikt, das in den Synagogen verlesen wurde: „Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes. Folgendes Reglement habe ich für alle Israeliten erlassen, die meinem Gesetz unterworfen bleiben und die Abgaben unabänderlich bezahlen müssen. Ich rufe die vor Jahren gesprochenen Worte und ihre Bedeutung wieder ins Gedächtnis; ich erinnere die Türken an die Pflichten, die sie vergessen haben, und die man zur Zeit der frommen Imams beobachtet hat, vor der Herrschaft der gesetzesunkundigen Leute. Die Juden dürfen unbesorgt und sicher leben, sobald sie regelmässig den ,Dschizii' bezahlen. Jeder männliche Jude muss mit vollendetem dreizehnten Jahr diese Steuer entrichten. Der Reiche soll 48 Drachmen Silber zahlen, das sind vier Taler weniger ein Viertel, der Mann des Mittelstands zahlt 24 Drachmen — 2 Taler weniger ein Achtel — und der Arme 12 Drachmen, gleich 15/16 Taler, und 'dafür wird von unserer Herrschaft ihr Blut beschützt werden. Jedermann muss diese Steuer vor Ablauf des Jahres in die Hände des Beamten übergeben, den wir mit dieser Arbeit betraut haben, Avie es im Koran, dem von Gott erhaltenen Buch, gesagt ist. Kaufleute und Ladeninhaber sollen ausserdem den zwanzigsten Teil ihres Reingewinnes abgeben, wenn dieser die bekannte Summe erreicht; sonst sind sie davon befreit gleich den Leuten, die andere Arbeit tun. Den Juden ist verboten: 1. Vor einem Muselmann die Stimme zu erheben. 2. Höhere Häuser zu bauen als die Häuser der Mohammedaner. 3. Im Vorbeigehen auf der Strasse einen Mohammedaner zu berühren. 4. Denselben Handel zu betreiben wie die Araber, 5. Zu sagen, dass der mohammedanische Glaube einen Irrtum enthalten könne. 6. Die Propheten zu beschimpfen. 7 Mit einem Mohammedaner über Religion zu streiten. S. Nach altem Brauch rittlings ein Tier zu reiten. 9. Mit den Augen zu zwinkern, wenn sie einen Mohammedaner unbekleidet sehen. 10. Sich ausserhalb ihrer Tempel mit ihren Gesetzbüchern zu beschäftigen. 11. Während des Gebets die Stimme zu erheben. 12. Den Schofar sehr laut zu blasen. 13. Geld auf Zinsen auszuleihen, weil das zur Zerstörung der Welt führen kann. 14. Die Juden müssen immer vor den Mohammedanern aufstehen und müssen ihnen alle Ehren erweisen." Das Edikt schliesst mit der Ernennung des More Aron, Sohn des Schalom Cohen zum Oberrabbiner und gibt diesem Ratschläge, dass er „das Gesetz nicht um Geld beugen solle". Die jüdische Gemeinde nahm wieder zu; die auf das flache Land geflüchteten Juden kehrten zurück, aus den

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