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Ost und West · 1911-02-01 · Heft 2 (Februar 1911) · p. Seite 163 - 164

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 2 (Februar 1911)
Article
Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
Date
1911-02-01
Page
Seite 163 - 164 (sequence 3)
Language
German
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163 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Alliance-Expedition nach dem Yemen. 164 Erster Tag in Sanaa. Ich stehe sehr früh auf und kann schon um sechs Uhr Besuch empfangen. Man scheint in diesem Lande nicht zu schlafen; um 10 Uhr sind wir zu Bett gegangen, um 1 Uhr klopft schon der Schamass an das Haustor und weckt den Hausherrn mit den Worten: „Maudha, Maudha, stellt auf!" zum nächtlichen Bibelstudium. Ich versuche wieder einzuschlafen; um 4 Uhr klopft und ruft es von neuem: „Maudha, die zweite Reihenfolge 1" Maudha, der etwas mehr als nötig getrunken hatte, will heute lieber faulenzen. Das ganze übrige Haus ist schon aufgestanden, die Frauen arbeiten in der Wirtschaft, ich höre sie mit dem harten Besen aus Palmblättern den Hof auskehren. Auch auf der Strasse ist es schon laut, die Leute rufen sich gegenseitig und unterhalten sich in geräuschvollster Weise. Auch ich stehe auf und kleide mich an. Maudha, der mich noch schlafend wähnt, steckt leise den Kopf durch ineine Tür, und als er mich im Taletxind mit Tefillin erblickt, zieht er sich vorsichtig zurück. Kurz danach kommt ein anderer Kopf zum Vorschein, ein neuer flüchtiger Blick, ein neuer eiliger Rückzug, und so geht es noch eine halbe Stunde lang. Alle diese Besuche wollen den Rabbi überraschen. Ich wehre ihnen nicht, gönne ihnen das Schauspiel meines Anblicks, um sie nicht scheu zu machen. Da ich ihr Leben teilen will, muss ich ihnen ihre Gewohnheiten lassen, schon um sie besser kennen "tu lernen. Endlich verlasse ich mein Zimmer und begebe mich in den Salon, einem schönen grossen und hellen Raum; er ist schon voller Menschen. Alle lassen vor dem Betreten des Zimmers ihre Sandalen oder Pantoffeln vor der Tür zurück, manche wischen mit der Hand den Staub von ihren nackten Füssen und Beinen, dann kauern sie sich auf kleine, den Wänden entlang liegende Matratzen oder auf dem in der Mitte des Zimmers liegenden schwarzen Teppich nieder. Ich habe vier Stühle für diese fünfzig Personen, aber niemand macht den Versuch, sich ihrer zu bedienen. Man bringt Kaffee und Zigaretten, Maudha bietet auch Schnupftabak an. Danach lässt er Kischer kommen; er wird in kleinen irdenen, rauchgeschwärzten Krügchen gebracht, der zur Verstopfung der Oeffnung benutzte Flachs dient gleichzeitig als Filter. Während ein Teil der Gäste niest, ein andrer das beliebte Getränk schlürft, stockt die Unterhaltung keinen Augenblick. Alle reden gleichzeitig, jeder erzählt die kleinen privaten und geschäftlichen Ereignisse des Tages. Plötzlich hört der Lärm auf, eine einzige Person spricht weiter und erzählt das Erlebnis zu Ende; sowie sie aber merkt, dass sie der Mittelpunkt des allgemeinen Interesses geworden ist, wird sie verlegen und schweigt ebenfalls. Ich verstehe nicht alles und lasse mir gewisse Worte in hebräischer Sprache wiederholen, aber trotzdem ist die Verständigung sehr schwer, weil ihre Aussprache eine ganz andre ist. Sie haben eine grosse Mannigfaltigkeit der Töne, von den gedehntesten bis zu den rauhesten: dj, dh, th, gü —jeder Buchstabe hat seine Bedeutung und jedes Wort gewinnt dadurch an Fülle. Sic interessieren sich ausserordentlich für die Anstellung eines Ober-Rabbiners; mir scheint, als wäre ich in einer der häufigen Sitzungen der Unterrichtskommission. Alle sind einig in dem Verlangen nach einem Oberhaupt aus Konstantinopel, am liebsten würde man ihn telegraphisch bestellen. Man erklärt mir die Lage: wir haben grosse Einkünfte, die verschwendet werden (das ist ein Euphemismus, sie meinen: gestohlen). „Wenn nur Ordnung geschafft wird, wir wollen gern zahlen!" Meine Frage, ob die Gemeinde in der Lage ist, einen von auswärts verschriebenen religiösen Leiter entsprechend zu bezahlen, wird einstimmig bejaht. „Wir sind reich," sagen sie — und diese Behauptung wirkt sehr komisch von den Lippen dieser so ärmlich und elend gekleideten Männer. Ich erkundige mich nach der Zahl der jüdischen Einwohner der Stadt und nach deren wirtschaftlicher Lage. „Früher sind wir 15 000 gewesen, jetzt nur noch 5000." Ich schlage eine neue Zählung vor und bin eigentlich auf das Veto der zahlreich in der Versammlung vertretenen Rabbiner, der ..More", gefasst. denn in Damaskus und in Bagdad bin ich für denselben Vorschlag beinahe exkommuniziert worden. Hier aber erhebt sich kein Widerspruch. Nun wird mir erzählt, dass die „Kaa Joud", das Judenviertel (wörtlich: jüdische Ebene), aus 22 Hauptteilen besteht, deren Mehrzahl jetzt in Trümmern liegt. Sie - haben ihre besonderen Namen; manche heissen nach den ersten Familien, die dort gewohnt haben — Bussani, Sayani, Hobari, Usta; andere nach der Bodenbeschaffenheit — Uadi, Orge, Ras el Kaa usw, Ich wähle unter den Anwesenden einige Leute aus, die jede Abteilung des Viertels ganz genau kennen, und lasse mir hintereinander die Namen der Einwohner jedes Hauses diktieren. Ich schreibe den Namen des Familienoberhauptes, des Vaters, oder wenn dieser nicht mehr da ist, des ältesten Bruders, gebe den Beruf an, die Zahl der Frauen und Kinder: erst die unverheirateten Söhne und Töchter, dann die verheirateten Söhne. Die verheirateten Töchter werden bei ihren Männern mit aufgeführt. Alle Anwesenden kennen die Stadt; sie können jedes jüdische Haus aufzählen und können mir die Mitglieder jeder Familie benennen. Während einer mir diktiert und ich schreibe, folgen die übrigen mit rhythmischer Kopfbewegung dem Aufruf der Namen. So arbeiten wir bis zum Abend. Bei Sonnenuntergang hat der Strom der Besucher sieh verlaufen, und ich bleibe ganz erschöpft allein zurück. Ich empfinde das Bedürfnis auszugehen und im Freien etwas Bergluft einzuatmen — aber die Juden sind bereits in ihr Viertel zurückgekehrt, und jetzt geht man nicht mehr aus. Ich komme mir vor wie im Gefängnis; ich öffne ein kleine* Fenster, aber von der Strasse dringt pestilenzialischer Gestank herauf, weil aller Unrat auf die Strasse geworfen wird, und schnell schliesse ich Fenster und Vorhänge und blicke mich ein wenig in meinem Zimmer um. Das Haus ist hübsch und dieser Raum ganz interessant. Er ist in vierzig kleine Nischen, Schränke, Verschläge und Fensterchen eingeteilt; diese haben zum grossen Teil Scheiben aus Glimmer, die tagsüber das Licht dämpfen, zum Teil bunte, in geometrische Formen ausgeschnittene Glasfenster. An den Wänden sind in Manneshöhe Gipsetageren angebracht, auf denen leere Flaschen in verschiedenen Grössen, Formen und Farben stehen. Die Zimmerdecke und die Wände sind mit Kalk schneeweiss bestrichen, nur gegenüber der Eingangstür ein Wandpfeilcr schwarz angestrichen, das Zeichen der Trauer für den zerstörten Tempel. Auch der Plafond hat seine Eigenart. An einer bestimmten Stelle ist kein festes Dach darüber, und das Weidengeflecht, das es ersetzt, ist deutlich zu sehen — das ist die Sukkah. Am Hüttenfest wird diese Stelle mit grünen Zweigen bedeckt, man hängt einige Bilder an die Wände und benutzt den Raum als Laubhütte. Inzwischen ist es ganz dunkel geworden, ich will jetzt nur noch mein Abendessen zu mir nehmen und dann schlafen gehen, ich bin mir der Bedeutung meiner Aufgabe wohl bewusst, aber jeder Tag hat seine Arbeit für sich. 25. Februar. Mein Haus gehört nicht mehr mir, es ist, als wohnte ich auf einem öffentlichen Platz: man kommt zu mir, wie man in den Tempel oder in das Kaffeehaus geht. Man findet hier immer Gesellschaft, mit der man plaudern kann, man erzählt sich Neuigkeiten und alle, die nichts zu tun haben oder von ihrer Arbeit ausruhen wollen, kommen auf ein paar Stündchen zu mir; keiner denkt daran, ob mir diese Besuche genehm sind oder ob ich einmal Ruhe haben möchte. Das wird mir etwas zu anstrengend, deshalb lasse ich die Besuche manchmal im Salon, schliesse mich in mein Schlafzimmer ein und sage dem Diener, dass ich schlafen will. Heute vormittag bat ich, man möchte mir einige ortsgebräuchliche Sprichwörter und Redewendungen sagen. Darauf sagte der Oberrabbiner, indem er einen bedeutsamen Blick auf die Versammlung warf: „AVenn der Steuererheber den Weg zu deinem Hause erfährt, so verlege schleunigst die Eingangstür." Ich verstehe nur zu wohl diesen guten Rat yemenitischer Weisheit — aber unglücklicherweise bin ich hier nicht Herr im Hause und kann nichts an den Bräuchen ändern. Man darf auch nicht ungerecht sein. Alle diese Juden kommen in dieses Haus, weil sie sich bei mir wohl fühlen, sie sind glücklich, mich von dem Leben der Juden andrer Länder erzählen zu hören; sie wollen lernen, sich unterrichten. Sie ermüden mich zwar, aber auch ich kann von ihnen lernen, und ihrem guten Willen danke ich, dass ich die Zählung der Juden in Sanaa zu Ende führen und mit der der Dörfer beginnen konnte. Das anhaltende Schreiben der vielen Namen macht

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