Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Article
- Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 161 - 162 (sequence 2)
- Language
- German
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161 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Dia Allianci-ESpedition nach dem reinen. IG 2 Unsre Eskorte wechselt von einem Posten zum andern; ein Hornsignal kündigt immer unsrc Ankunft an, so cL<,ss vir die neue Eskorte bereit finden. Der Charakter der Landschaft bleibt derselbe, immer nur schwarze und grünliche Felsen; von Zeit zu Zeit sieht man in der Ferne eine Anzahl Affen, die bei unsrem Näherkommen mit drolligen Sprüngen davoneilen. Mefak, unsre nächste Station, ist eine prächtige, mitten im Felsenkessel gelegene weisse Festung, die alle Ebenen •der Umgegend beherrscht und über die Höhen hinweg mit Menaha in Verbindung stellt: auch von hier tönen Signale und widerhallen in tausend Tönen. Wir kommen nach Suk-el-Hamis. Auf dem Abstieg »sehen wir wundervoll bewachsene Terrassen, Gärten, Frucht- und Laubbäume. Kaffeestauden. Hier ist Leben und Reichtum, auf allen Berggipfeln stehen festungsartige Gebäude. Eine Karawane prächtiger schwarzer Kamele zieht an uns vorüber; sie ist auf dem Wege nach Sanaa und ist mit den verschiedensten Waren beladen. In Suk-el-Hamis wohnen wir bei einem Eingeborenen in einem dunklen, fensterlosen Kaum, aber nach der drückenden Hitze des Tages verschmäht man auch den Wohnort der Fledermäuse nicht. Ich hatte nicht daran gedacht, Handschuhe anzuziehen, und empfand einen starken Schmerz an der Hand; die Haut war von der Sonnenglut ganz verbrannt und wund. 21. Februar. Letzter Reisetag! Ich stehe ganz "glücklich auf und spreche meinem Gefährten gegenüber meine Freude aus, dass wir Abends in Sanaa sein werden. Er aber, der schon wiederholt diese Reise gemacht hat, antwortet mir abergläubisch: „Seien Sie noch nicht so vergnügt, lassen Sie uns erst dort sein; der Teufel ist boshaft und der Seide ist fanatisch." Etwas später sagte mir ein Soldat dasselbe in seiner etwas gröberen Sprache: „Gemeines Land, hundcmässigor Beruf! Vier Jahre hindurch quälen wir uns, um die Sicherheit der Reisenden und der Warentransporte zu bewachen, und wenn wir dann endlich heimkehren wollen, trifft uns hinterrücks eine aus dem Hinterhalt kommende Kugel und wirft uns in den Sand." Wir steigen, immer höher und befinden uns auf dem höchsten Gipfel der Gegend, 3000 Meter hoch. Ks ist eisig kalt. Nach Westen blickend erkennen wir Menaha, die Festungswerke, das Judenviertel. Aus allen tiefen Tälern steigt mit dem zunehmenden Tag ein dicker Nebel auf, so dass die Bergesgipfel in der Luft zu schweben scheinen. Das ganze Land ist sorgfältig bebaut. Wir sind in einer neuen Region, auf weiter, gerader, unabsehbarer Ebene, die schmalen Terrassen auf den Bergeshängen sind nicht mehr zu sehen. Inmitten der bebauten Felder ist in dem Dorf Sinan Pascha ein sehr wichtiger militärischer Posten. Wir halten uns hier nur für die Dauer des Frühstücks auf und machen uns gegen Mittag bei starkem Wind und Staub wieder auf den Weg. Wir halten uns genau nach Osten. Meiner Ge- Avohnheit nach unterhalte ich mich mit den Soldaten und frage sie, ob sie bei ihren Zügen durch das Land viele Juden getroffen haben. „Es gibt kein Dorf hier," antworten sie mir, „in dem keine Juden wohnen. Hier vor uns auf den Bergen gibt es auch, einige Felder, über die vir eben geritten .sind, sind von ihnen bestellt." In diesem Moment greift jemand nach meiner Hand, um sie zu küssen. Schnell wende ich mich um und erblicke zwei arme alte Juden, die ich nicht hatte kommen sehen. Ich erkenne sie sofort an ihrer Kleidung und den traurigen Schläfenlocken. Ich erwidere ihren Gruss, und sie erklären mir, dass sie Rabbiner sind, die im Namen der Gemeinde von Sanaa zu meiner Begrüssung mir entgegengekommen sind, und dass sie mir ein Frühstück mitgebracht haben. Ich danke ihnen dafür und spreche ihnen mein Bedauern aus, dass sie in ihren hohen Jahren fünf Stunden Wegs gemacht haben, um mich zu erreichen, und nun noch fünf Stunden Heimweg haben. „Wir hatten eigentlich bis Menaha kommen wollen," sagen sie, „aber da gestern Samstag war, haben wir nicht früher aufbrechen können, aber unsre Freude ist so gross, dass die Anstrengung uns nichts ausmacht." Gemeinsam setzen wir den Weg durch die frisch bestellten Felder, neben den schwarzglänzenden Felsen fort. Halbtot vor Müdigkeit, von der Glut verbrannt, besteigen wir gegen Abend auf unsren schweisstriefenden Maultieren langsamen Schritts die letzte Anhöhe — da erscheint plötzlich im Osten im Glanz der untergehenden Sonne die weisse Stadt Sanaa in unvergleichlicher Schönheit und Anmut. Sie liegt am Fusse des Berges Nugom in weiter Ebene zwischen Gärten und grünen Feldern. Wie oft ist dieses Märchenland von Kriegen, Aufständen, Hungersnot und Meuchelmorden verdüstert worden! Wie ein Silberband zieht sich die Strasse vom Berge herab bis in die Stadt. Noch eine kleine Anstrengung und wir befinden uns in der Ebene. Plötzlich sind wir von einer Masse zerlumpter, elender barfüssiger Juden umringt, die mit grossen Gesten und geräuschvollen Kehllauten ihrer Freude Ausdruck geben. Sie wollen mir Hände, Füsse und Knie küssen. Rabbiner und Notabein — alle sind sie da, und alle sind sie gleich gekleidet. Ich steige ab und setze mich mit ihnen xinter eine Baumgruppe in der Nähe eines kleinen Kanals. Ich beobachte ihre Freude und bin betrübt über ihre ärmliche Kleidung. Man bietet uns Kaffee, Tee, Araki (den landesüblichen Schnaps) an, ich bin aber zu erregt, um Nahrung zu mir nehmen zu können. Nach kurzer Rast erheben wir uns, um abzureisen. In den Städten dürfen die Juden weder reiten noch im Wagen fahren, trotzdem war für mich ein Wagen bestellt worden. Ich wollte mit der übrigen Menge zu Fuss in die Stadt gehen, aber man zwingt mich, in den Wagen zu steigen, und die jungen Leute umringen meinen Wagen und bilden eine phantastische und geräuschvolle Eskorte. Je näher wir an die Stadt kommen, um so grösser wird die Zahl unsrer armen Glaubensbrüder, und bald ist die ganze jüdische Gemeinde um mich herum, die alle Geschäfte im Stich gelassen hat, um den Abgesandten der Alliance zu empfangen. Wir betreten die Stadt durch das Bal-el-Jeud, „das Judentor". Man kommt von dieser Seite zuerst in das durch eine lange Strasse gebildete Judenviertel, zwei Reihen Lehmhäuser mit unendlich vielen kleinen Fensterchen. An den Haustüren und an den schmalen Fenstern stehen Frauen mit groben Leinvandhemden, das karierte Tuch auf dem Haupt; mit furchtsamem Gesichtsausdruck blicken sie auf uns. Wir biegen in ein schmutziges, übelriechendes Gässchen ein und gelangen an das für mich vorbereitete Wohnhaus. Sein Aeusseres ist hässlich, die Mauern zeigen furchtbare Sprünge. Durch ein niedriges Tor, einen dunklen Gang und auf einer kurzen Treppe kommen wir auf einen Hof, dessen frisch gekalkte Wände von weisser Farbe strahlen; der Boden ist mit schwarzen Kacheln belegt und ausserordentlich sauber. Bei aller Bescheidenheit ist es hier sauber und freundlich. Ich gehe sofort in mein Zimmer und empfange sofort, ohne mich erst umzukleiden, die Mitglieder der Gemeinde. Alle sind glücklich, den Abgesandten der Alliance kennen zu lernen, heissen mich willkommen, sprechen die Hoffnung aus, dass ich ihre Lage verbessern, dass eine neue Aera für sie beginnen werde. Alle sagen mir dasselbe: „Wir wissen nichts, wir verstehen nichts, wir sind Wilde und wollen Menschen werden; wir haben so viel geschrieben, gebeten und geweint — unsre Stimme ist nicht beachtet worden, nur Gott hat endlich Mitleid mit uns gehabt!" Uebrigens finde ich sie trotz ihres elenden Aussehens durchaus nicht so wild und unkultiviert, in der Unterhaltung machen sie einen ausgezeichneten Eindruck. Viele Dinge sind ihnen allerdings fremd, das ist aber nicht ihre Schuld, denn sie scheinen recht intelligent. Ihnen fehlt vor allem Ordnung, Methode und Benehmen; sie haben auch nicht genug Selbstvertrauen, darum kriechen sie unter dem arabischen Druck vollständig in den Staub. Weil sie verachtet werden, erscheinen sie verächtlich. Tatsächlich sind sie aber nicht heruntergekommen, das materielle Leben ist nicht immer schwer für sie gewesen, so dass sie Zeit gehabt haben, sich dem geistigen Leben zu widmen. Ein grosser Teil des Tages und des Abends wird mit Gebeten und mit dem Studium frommer Bücher ausgefüllt, und in den Augen dieser Männer glänzt das Licht des Wissens. Während man mit ihnen spricht, vergisst man ihr komisches Aeussere und bewundert die lebhafte Intelligenz, die sich trotz der tausendjährigen Unbildung und Erniedrigung bei ihnen erhalten hat. Mit diesen interessanten Eindrücken will ich mich jetzt am ersten Abend nach meiner Ankunft in Sanaa zur Ruhe begeben.