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Ost und West · 1911-02-01 · Heft 2 (Februar 1911) · p. Seite 159 - 160

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 2 (Februar 1911)
Article
Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
Date
1911-02-01
Page
Seite 159 - 160 (sequence 1)
Language
German
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159 IGO DIE ALLIANCE-EXPEDITH (Fortsetzung aus Heft I 19. Februar. Man klopft an meine Tür, ich schrecke aus dem Schlaf auf und sehe mechanisch auf die Uhr: es ist zwei Uhr morgens „Was ist denn los?" „Aufstehen, Rabbi, es ist Zeit zum Gebet!" Es ist der „Schamass", der mich zum Gottesdienst weckt. Trotz meines lebhaften Wunsches, die Bräuche und Gewohnheiten des Ortes kennen zu lernen, kann ich mich nicht entschliessen, mein Bett zu verlassen, das ich von so weit her mitgebracht habe und in dem ich zum erstenmal etwas Ruhe geniessen kann. „Geht jetzt fort," sage ich dem Schamass, „ich komme gleich allein nach." Schnell schlafe ich wieder ein. Als ich aber um- S Uhr zum Tempel komme, ist der Gottesdienst vorüber, die frommen Beter gehen nach Hause. Mit Interesse betrachte ich diese Gestalten, die jetzt ganz anders aussehen, weil ihre Kleidung eine andere ist. Die schwarzen Gewänder sind durch weisse ersetzt; die Nähte der weissen Oberkleider sind mit grossen roten und blauen Punkten verziert, die Häupter sind frisch geschoren, die Schläfenlocken sind sorgfältig gelockt und fallen ganz schlank herab. Nicht alle tragen den schwarzen „Schemla", manche haben dafür den weisswollenen mit schwarzen Streifen durchwirkten Talet, wie er in den türkischen Städten bräuchlich ist. Alle kommen heran, um mich zu begrüssen und laden mich ein, ein paar Stunden bei ihnen zuzubringen. Ich begebe mich zu meinem Nachbar, bei dem zwei Tage zuvor eine Beschneidung stattgefunden hatte. Heute ist dort ein grosses Test. Der grosse dunkle Raum wird von den vielen Leuten noch mehr verdunkelt, die die kleinen Fenster umstehen. Es sind ungefähr vierzig Personen, Männer und Knaben, von denen viele auch auf dem Fussboden sitzen oder an den Wänden lehnen. Vor jedem ist ein grosses Taschentuch ausgebreitet, auf dem Mohrrüben und Nüsse, gekochter und gerösteter Mais, Sorgho und -weisse Bohnen, Sesam, Korn, Gerste und Orangenviertel durcheinander liegen. In diese wenig appetitliche Mischung greift man hinein, nimmt eine Handvoll der Vorräte und schluckt sie hinunter. Nuss- und Obstschalen werden mitten ins Zimmer zwischen die Kindermenge geworfen, die sie gierig abknabbern. Während des Essens trinkt man gewaltige Portionen Branntwein, die der Hausherr ununterbrochen darbietet. Bei meinem'Eintritt stehen alle auf; man macht mir neben dem More, dem Rabbiner, einem weissbärtigen Greisen mit aufgeschwemmtem Gesicht, Platz, und bringt mir grosse Körbe voll der schon genannten Leckerbissen. Man greift mit vollen Händen hinein und wartet darauf, dass ich mein Taschentuch hervorziehe und mich bediene. Da mein Tuch in der Tasche bleibt, legt man die Sachen zu meinen Füssen auf den Fussboden, was ein stattliches Häufchen ausmacht. Man bringt mir Branntwein, ich trinke keinen: man will mir Wein holen, ich erkläre, dass ich gar nichts trinken möchte; man bietet mir „Kischer" an — den Abguss der Kaffechülsen — ich Aveise auch das zurück. „Sie sind an Kognak gewöhnt," sagt mir der Gastgeber betrübt, „den haben wir nicht, denn die Flasche kostet ein türkisches Pfund." Der Rabbiner bietet mir Schnaps aus seiner Flasche an, „probieren Sie einmal," wiederholt er und verzieht das Gesicht. Er kann nicht begreifen, dass ich es nicht mag. „Leoneg Schabhath" (zur Feier des Sabbat) murmelt er eindringlich. Er schält eine Nuss und bietet sie mir an — auch diese weise ich zurück. „Nehmen Sie doch, um das Gebet zu sprechen," meint er, und ich bin gezwungen, dieses Mal seinen Wunsch zu erfüllen. Ich werde noch oft in die Lage kommen, die unglaublichsten Speisemischungen hinunterzuwürgen, nur um die „Beracha", den Segensspruch, zu sprechen und die Leute nicht in ihren heiligsten Gefühlen zu kränken. „Rabbi," redet er mich noch einmal an, „wir haben schon .Schiluchim' aus Erez Jisroel bei uns gehabt, sie haben mit uns gegessen und getrunken, warum tun Sie uns die Freude nicht an?" Was sollte ich antworten? Es ermüdet mich schon, diese unglaublichen Quantitäten von Früchten, Gebäck und anderen Speisen mit unendlichen Kaugeräuschen herunterschlucken zu sehen — ich vei'abschiede mich. Nach- DN NACH DEM YEMEN. von „Ost und West") Nachdruck mit Quellenangabe gestattet, dem ich ein Gewirr von Gängen und in die Mauer gehauenen Oeffnungen durchsehritten, eine Treppe erstiegen, eine andere hinuntergegangen bin, komme ich an eine Tür, die mir geöffnet wird und hoffe, nun endlich frei zu sein. Statt dessen finde ich mich in einem kleinen Zimmer, in dem ein Frühstück für mich aufgetragen wird. Ich werde ärgerlich und will wieder umkehren, doch ein hundertjähriger blinder Mann versperrt mir den Weg. „Was für Nachrichten bringt Ihr uns aus dem ,Dschalut*", fragt er. Der Anblick dieses abgemagerten Greises und seiner lichtlosen Augen greift mir ans Herz. „Ich bringe gar keine Nachrichten, ich bin nur hergekommen, um unsere Brüder im Yemen im Namen der .Chewra Kadischa' (Alliance) zu begrüssen.". „Waruni habt Ihr dann so grosse Eile, wieder fortzugehen?" Ohne viel zu überlegen antworte ich, dass ich den Gouverneur besuchen müsse. Der. Greis richtet sich hoch auf, erhebt die Arme zum Himmel und ruft in tragischem Ton: „An einem heiligen Tag wollt Ihr das Viertel verlassen!" Ich bin schon auf der Strasse und höre ihn immer noch rufen: „Mechalel Schabath!" (Sabbatschänder!) Der Gouverneur sagte mir: „Wenn Sie hergekommen sind, um Studien über die Lage der Juden zu machen, so will ich gern .die Notabein hierher bitten lassen, damit Sie mit Ihnen plaudern können." „Heute ist Sabbat, Exzellenz, und sie können ihre Häuser nicht verlassen." — „Richtig, lassen wir sie gute Juden bleiben." Da die Soldaten alle dienstlich beschäftigt sind, schlägt der Gouverneur mir eine Eskorte von zehn Saptiehs vor. Da aber kurz vorher ein Beamter mir gesagt hatte: „Wenn man mir hundert Saptiehs zur Begleitung gäbe, würde ich auch nicht einen Kilometer weit mit ihnen gehen; die se'idischen Saptiehs sind gut für die Parade, aber nicht zum Schutz von Türken und Ausländern" — bestehe ich auf einer militärischen Wache. Nach langen Verhandlungen mit dem Platzkommandanten wird sie mir zugesagt. 20. Februar. Um 8 Uhr morgens verlassen wir Menaha. Da die Strasse immer unsicherer wird, dürfen wir nur am Tage reisen. Wir haben eine Eskorte von zehn Soldaten, darunter einen Korporal und einen Hornisten; es ist sehr heiss. Wir steigen den Berg auf einem sehr steilen, von grossen Steinblöcken umgebenen Abhang hinab, und als wir unterwegs einigen Trupps beladener Esel begegnen, die den Berg hinauf - wollen und unsere Tiere an den Rand des Weges drängen, wird uns beim Anblick des Abgrundes ganz schwindlig. Die Landschaft liegt ganz verlassen, kein Dorf ist zu sehen; die Mauern, die früher die Terrassen gestützt hatten, sind verfallen — keinerlei Wachstum, so weit man sieht. Seit dem letzten Krieg ist das Land, entvölkert und es fehlt an Arbeitskräften. Nach zweistündigem raschen Abstieg sind wir an eine vertrocknete Ebene angelangt, dann reiten Avir um mehrere von grünem Gesträuch bewachsene Hügel, danach durch weite Ebenen — keine menschliche Wohnung, kein Wanderer. Plötzlich erschallt von einer Bergeshöhe ein Trompetensignal, unser Trompeter antwortet mit ähnlichen Klängen, und nun wird die Reise amüsant. Von Gipfel zu Gipfel wird unser Vorbeimarsch von diesen Hornsignalen begleitet, die ein schallendes Echo wecken. Alle diese Gipfel sind militärisch besetzt; einige haben befestigte Posten, andere haben bewegliche Wachen; die Soldaten ziehen am Morgen auf Wache und kehren nach Sonnenuntergang wiede?: ziuück. Bei diesem mühseligen Leben haben sie noch oft Plünderungen und Meuchelmord zu befürchten. Der kleine Diener des Karawanenführers erzählt uns, wie sein Vater vor anderthalb Jahren dort erschossen worden ist. Er war in Begleitung eines Europäers. Dieser war auf der Jagd nach einem Tiere der Karawane voraufgeritten; da wurde plötzlich auf diese geschossen, der Maultiertreiber und die beiden Tiere fallen tot um, die Eskorte kommt an, der Europäer ist gerettet. Mittags sind wir in Tschir, einem auf hohem Berge stationierten Militärposten. Wir nehmen unsre Mahlzeit ein und setzen alsbald bei glühender Hitze unsre Reise fort.

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