Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Article
- Das portugiesische israelitische Seminar "Ets Haim" in Amsterdam
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 149 - 150 (sequence 4)
- Language
- German
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149 Ernst Altkirch: Das Portugiesische Israelitische Seminar „Ets Haim" in Amsterdam. 150 liat. Auch heute ist sie den Schülern zugänglich, nur hat sich merkwürdigerweise ein Brauch erhalten, der seit ihrem Bestellen geübt worden ist. Es werden keine Handschriften und Bücher ausgeliehen. Die Bücherei besteht aus zwei Abteilungen, der Bibliothek ,,Ets Haim" mit den alten Beständen und der Bibliothek D. Montozinos, die durch Schenkung im Jahre 1SS9 an das Seminar gelangte. Ein gedruckter Katalog ist noch nicht vorhanden, es wird aber an einem Zettelkatalog gearbeitet. In früheren Jahren liess die wissenschaftliche Bearbeitung der Bücherbestände zu wünschen übrig, nachdem jedoch der jetzige Präsident der Regenten de;-' Seminars, Josef Vita Israel, für eine vornehme und zweckmässige Aufstellung der Bücherschätze gesorgt hat und sich während langer Jahre der Mitarbeit des gelehrten Bibliothekars David Montozinos erfreuen konnte, muss diese Bibliothek eine der schönsten und interessantesten Büchersammlungen der jüdischen Geschichte und Literatur genannt werden, die in. mancher Hinsicht noch die Bibliotheca Rosenthaliana übertreffen dürfte. Gleich L. Rosenthal ist David Montozinos ein gelehrter Bibliophile, der Bewunderung und Hochschätzung verdient. Er ist am 6. Dezember 1828 als Sohn des Rabbiners Raphael Montozinos in Amsterdam geboren. Er trieb zuerst auch theologische Studien, doch vollendete er sie nicht, brachte es aber zum Magid (Prediger). Schon früh erwachte in ihm die Bücherlicbhabcrci. Sein Grossvater, der Rabbiner Ferrares, schenkte ihm die ersten Werke, und seine kleine Sammlung breitete sich rasch aus, als ihm von seinem Vater und einem Vetter viele Bücher durch Erbschaft zufielen. Mit Vorliebe sammelte der jungt? Montozinos Pamphlete und Schriften, die für die Geschichte der Amsterdamer Portugiesischen Gemeinde interessant sind. Seine ausgebreiteten Kenntnisse liessen ihn als Bibliothekar des Seminars besonders geeignet erscheinen, und heute bekleidet er dieses Amt bereits über vierzig Jahre. Seine zahlreichen bibliographischen Aufsätze sind in holländischen Zeitungen und Zeitschriften erschienen. Im Jahre 1889 hat er seine Privatbibliothek dem Seminar geschenkt, und in dem Räume, worin sie aufgestellt ward, befindet sich über dem Kamin zu seinem Gedächtnis auf einem Fries aus Kacheln die Inschrift: Livraria D. Montozinos 5650 1890 David Montezinos ist heute ein 82jähriger, schwerhöriger Greis, den das Alter drückt, aber wenn er auf seinen Lchnstuhl mit dem schön geschnitzten Wappen des Ets Haim hingelangt ist, dann wird sein innerer Mensch womdervoll lebendig, und die Frische der Jugend kommt beim Anblick seiner geliebten Bücher wieder über ihn. Uebrigens muss Montezinos den prächtigen Gelehrtentypen der portugiesischen Juden Amsterdams zugerechnet werden. In seinem xVntlitz finden sich alle charakteristischen Merkmale seiner Rasse." Wer Freude an besonderen Menschen und Gesichtern hat, der wird in stilles Entzücken geraten, wenn sich der grüne Vorhang zur Bibliothek Ets Haim hebt, und das Auge auf eine Anzahl junger und alter Männer fällt, die um den mit Büchern bedeckten Tisch Meyer Stern, Oberrabbiner der NicdcrI. Israel. Gemeinde in Amsterdam von 1674 bis lüfliJ. Sepiazeichnung. herumsitzen, den Hinterkopf mit einem schwarzen Käppchen bedeckt, und mit gedankenvoller Stirn sich über Handschriften und Bücher beugen. Die feierliche Stille und das mystische Licht versetzen den Eintretenden in eine eigentümliche Stimmung, und man blickt einen nach dem andern an, als möchte man eine Vision erleben, und den suchen, der als Gesegneter zwischen diesen Büchern seine ersten Studien trieb. Der Bestand beider Bibliotheken beziffert sich auf etwa 25 000 Bände Hebraica und Judaica. Spanische und portugiesische Handschriften und Werke sind in grosser Anzahl vorhanden, ihren Wert wird man ermessen, wenn ich erwähne, dass sich solche von Aboab, Morteira, Aquilar, Is. Orobio de Castro, Gomes Silveira, Montalto, Josef Lopes und Franco Mendse darunter befinden. Auch hier existiert eine Handschrift von Morteiras „Providcncia de Dios con Israel", geschrieben und mit Zeichnungen versehen von Jehudah Machabeu 1664. Von älteren Manuskripten sei die prachtvolle hebräische Handschrift aus dem Jahre 1282 auf Pergament von Maimonidcs' Ritualbuch des jüdischen Gesetzes genannt. Ausser diesen Kostbarkeiten sind viele hebräische Incunabeln, ferner spanische und portugiesische Gebet-