Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Article
- Rafael Gutmann
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 137 - 138 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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137 Vicki Baum: Rafael Gutmann. 138 HUGO KAUFMANN. BERLIN. Die Freiheit vom Einheitsdenkmal in Frankfurt a. M. Die Sederabende fanden Rafael todmüde und stumpf gegen ihren seltsamen Zauber. Dann war auch dies vorüber, der Sommer kam, glitt heiss und stickig vorbei, mit einem dunkelblauen Himmel über den russenden Schornsteinen, den Bögen und zackigen Dächern des Viertels, mit glänzenden Wolken und Gewittern. Dann waren die grossen Feiertage da, in all ihrer Seltsamkeit zogen sie in das kleine Bethaus ein, mit leidenschaftlichen Gebeten, mit seltsamen Gesängen, mit Schluchzen, Weinen und Schofarklängen. Nach Jahren verbrachte Rafael zum erstenmal wieder den Versöhnungstag in dem kleinen Bethaus; in der kurzen Nachmittagspause kamen Herren und Damen aus dem grossen Tempel die Gasse herauf, ergossen sich in neumodischen Kleidern und mit erfrischenden Blumen in den Händen über das ganze Viertel. Und Rafael erschienen diese Leute fast wieder so fremd und sonderbar, wie in der Kindheit. Lazer Gutmann stand neben ihm vor der Tür des ßethauses und sah ihm forschend ins Gesicht. Aber Rafael schaute mit stumpfen Augen an diesen Menschen vorbei, die von da draussen kamen. „No also," sagte der Alte auf einmal, „ech hab' doch gewusst, es word' gehen . . . /' Und das war eine verstohlene Bitte und eine heimliche Angst. Der Winter fand Rafael Gutmann still und fast zufrieden in DavidBelftsGoschäft;