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Ost und West · 1911-02-01 · Heft 2 (Februar 1911) · p. Seite 135 - 136

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 2 (Februar 1911)
Article
Rafael Gutmann
Date
1911-02-01
Page
Seite 135 - 136 (sequence 3)
Language
German
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135 Vicki Baum: Rafacl Gutmann. 136 „Lang' nicht sehen," dachte er, „lang* nicht — das Zimmer — das Harmonium — die Oper —" Da stieg wieder das Schluchzen empor, er zwang es zurück. „Und — Corinna — ich lass sie schön grüssen — Corinna —" „Nein, Rafacl, nein, nein; es wird schon etwas geschehen, ich sclireibe deinem Vater — ich werde sehen —" Menkis fuhr unruhig mit den Händen auf und ab. „Lass mir nur Zeit — nur ein bisschen Zeit —" Rafacl nickte müde mit dem Kopf, obwohl der Blinde das nicht sehen konnte: „Ja, — ich danke schön; aber es lässt sich da nichts machen — icli glaube, es liegt an mir, ich kann nichts selbst tun — ich kann nur alles geschehen lassen; schwach — schwach . . Rafacl verzog den Mund, als spürte, er einen ekelhaften Geschmack. „Du, Rafacl, hörst du? Du wirst doch nicht eine Dummheit machen — du weisst schon — nicht wahr —" „Ich? Nein." Rafael lächelte auf eine unendlich verächtliche Weise, und Menkis hörte den Ton des Ekels aus dem letzten Wort; er hob den Kopf, aber da klirrte schon die Türe über einem erstickten „Adieu." Menkis öffnete weit die Augen. „Ja — schwach," sagte er, „zu schwach — zu schwach . . Dann lief er ins Vorzimmer, stiess sich ungeschickt in das Stiegenhaus und rief hinunter: „Rafael, ich werd' dir auch oft Konzertkarten schicken ..." Er bekam keine Antwort, und sein Gesicht deckte sich mit einer plötzlichen Röte, als schäme er sich . . . * * Und nun begann die Judengasse ihre Arbeit an dem schwachen Rafael Gutmann. Ganz langsam und heimlich geschah es, dass sie das seltsame, innerliche Leuchten seiner Augen verwischte, dass sie seine Hände vergröberte, seine Nägel zerriss und beschmutzte. Stück für Stück nahm sie von dem, was seine Eigenheit, sein feines, verträumtes Wesen war. Sie frass Tag um Tag, Stunde um Stunde an ihm, an seiner Sehnsucht, an den drehenden, wirbelnden Melodien, die noch immer in seinem Kopfe lebten. Erst wehrte er sich; in seiner müden, angstvollen Weise wehrte er sich, dann wurde er stumpf, leer, hoffnungslos. Wurde ein kleiner, schmutziger Verkäufer in David Belfts Geschäft, ein Jüngel mit Kaftan und Pajes, so wie die anderen in der Gasse. Fast so wie die andern .... Er sass von acht Uhr früh bis zehn Uhr abends in dem farbenfreudigen Durcheinander von David Belfts Geschäft, in dem Geruch von Zwiebeln, Petroleum und Gänsefett; er stand an Schahbes neben seinem Vater in dem kleinen seltsamen Rethaus der Sackgasse und schlug sich an die Brust und beugte sich vor und zurück, indes er die Gebete zu einem sonderbaren Singsang, zu einem Hebräisch von übermässig vielen Quetschlauten verzerrte, wie es hier Sitte war. Und er verlernte langsam wieder die Sprache der Stadt, die draussen, irgendwo, um das Judenviertcl brandete.; Aber manchmal, nachts, wenn er in der dumpfen, stickigen Küche seiner Eltern lag, fuhr er aus einem Traum empor und weinte. Im Dunkeln wachten Melodien auf, die er vergessen hatte, erhoben sich, lächelten, umtanzten die Matratze, auf der er lag. Bilder kamen und gingen, leuchtend in der Finsternis. Die lauten, flutenden Strassen der Stadt, das Zimmer mit dem Harmonium, der Konzertsaal, die Oper . . . Worte klangen auf, Namen; und es geschah, dass er sich erschüttert und durchgerüttelt aufsetzte und ein Wort oftmals in die Stille flüsterte; „Bach . ."' oder „Fidclio . . ."' Und er streichelte diese Worte mit seiner Stimme, Hess sie funkeln und aufglänzen als letzte ersparte Kostbarkeiten aus einem vergangenen reichen Leben. Am Morgen aber sahen solche Nächte dumm und lächerlich aus, und sie wurden seltener und seltener .... David Helft und Lazer Gutmann hielten strenge Aufsicht über Rafael. An Sehabbes sassen sie dann auf dem kleinen Platz und zwinkerten einander zufrieden zu. „Leben soll er, der Kafele, werd' etwas ganz e tichtiger Mensch werden!"' Und Lazer Gutmann nickte dazu und freute sich. Manchmal kam auch Morizl Belft dazu; er war in dem Geschäft eines frommen Juden in der Stadt draussen angestellt und hatte an Schahbes frei. Er brachte ein merkwürdiges Deutsch, ein ungemeines Selbstbewußtsein und eine ausserordentlich rote Krawatte aus der Stadt mit: sonst nichts. Und Rafacl Gutmann liess bald seine hastigen Fragen nach dem Leben da draussen sein. Hie und da einmal fand sich eine Minute, in der Rafael sich hinunterstahl in die steile Tcmpelgassc; w'ic in seiner Kinderzeit stand er am Tor des Hofes und schaute mit hungrigen Augen alles an; der blaugoldene Herr Boskowetz hatte nun einen andern Günstling unter den Gliorbuben. Herr Pfau nickte zerstreut und sagte im Vorübergehen flüchtig: „Aha, der Gutmann; no, wie geht's Ihnen, gut, ja?" Es war traurig und sonderbar, dass Herr Pfau nun „Sie" sagte. Von Menkis kam manchmal ein Brief, eine Konzertkarte; Rafacl verkroch sich damit in den finstersten Winkel des Ladens, es war erschreckend, zu sehen, wie diese Briefe ihm fremder und fremder wurden. Und mit heissen roten Augen und zusammen gepressten Lippen warf Rafael die Karten, die er nicht benutzen durfte, auf den sonnigen kleinen Platz hinaus und wartete schweigend, bis ein Windstos's sie aufhob und forttrug, zurück in die grosse Stadt, aus der sie kamen. Menkis heiratete und .wurde aus dem Teinpeldienst entlassen; seine Briefe kamen nur mehr selten, ihr Inhalt wurde kurz und spärlich, manchmal stand ein Gruss von Corinna, eine kleine düungeschriebene Zeile unter den grossen gestochenen Buchstaben der Blindenschrift; das war wie ein Lächeln. Aber dann verschwamm die Erinnerung an den feinen rötlichblonden Kopf der Sängerin, verwischte sich, ertrank wie alles andre in dem Leben der Judengassc. Der Winter ging langsam vorbei, der Schnee zerfloss zu breiten Lachen, die den Schmutz eines Jahres aus der Gasse spülten; zwischen den buckligen Pflastersteinen kroch dünnes, ängstliches Gras empor. Vor David Belfts Geschäft standen grosse, rotviolctt verpackte Mazzestössc, und im Laden drinnen, in allen den kleinen dunkeln Geschäften der Crasse, in Zimmern und Küchen begann ein geradezu unheimliches Putzen, Räumen und K äschern; das Ostergeschirr tauchte auf, rätselhaft, woher, das gewöhnliche Geschirr versank, unerfindlich, wohin. Und selbst in dem kleinen Bethaus der Sackgasse gab es festlich gesäuberte Fussböden.

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