Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Article
- Rafael Gutmann
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 139 - 140 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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139 Vicki Baum: Rafael Gutmann. 140 seine Augen hatten ihr Leuchten verloren, seine Seele war ohne Sehnsucht und ohne Musik. Und er weinte auch nicht mehr bei Nacht . . . An einem schneidend kalten Februartag aber geschah das Seltsame, dass Rafael Gutmann gleichsam erwachte, auffuhr aus seiner traumhaften Stumpfheit, und sich mit einem jähen Erschrecken auf sich selbst besann .... Es war an einem Freitag; in den grauen Schnecwolken hing schon die Dämmerung, bereit, wie ein Tuch herabzusinken, und das Judenviertel in die Festlichkeit des Schabbes zu hüllen. Rafael sass in der kleinen Kammer von David Belfts Geschäft und klebte Düten. Auf dem Fussboden lagen grau gelbe Stössc von Makulaturpapier, über das gleich Ameisenzügen die gedruckten Zeilen liefen. Und auf der halbfertigen Düte in Rafaels Hand standen zwischen „Börse" und „Gcrichtssaal" ein paar Worte . . . „Ein unvergleichliches Fest bedeutete die gestrige Fidelio-Auf Führung, die grosse Leonoren-Ouvertüre in wunderbarer Steigerung herausgebracht, als Fidelio ein Gast von edelster Kunst, die uns . . . Da war die Düte und der Bericht zu Ende; aber ■ Rafael sass da, zwischen Kisten, Fässern und altem Papier, ein armseliger, schmutziger, kleiner Verkäufer, und sah das letzte Jahr in einer plötzlichen Helle an sich vorübergehen. Lange, lange sass er da, mit erblasster Stirnc und ineinander gepressten Händen; er sass und horchte auf die Melodien, auf die Gedanken, auf den unendlichen Schmerz und die Selmsucht, die in ihm •erwachten. Und dann — es dunkelte schon — stand er auf, mit dem Leuchten der früheren Zeit in den Augen, und flüsterte: „Fidelio — ich komme — ich komme . . ." „Rafael, Rahcl!" rief David Belft singend und langgezogen vom Laden herein, „mach Schabbes, es is scho spät!" Rafael stellte sorgsam das Gummifläschchen und den Pinsel weg, räumte die Papiere fort,, schob Kisten und Fässer beiseite, er hatte ein Lächeln dabei, als wäre er im Traum ... „Da haste," sagte David Belft, als er in das Geschäft hinaustrat, „da haste dei Geld un gut Schabbes!" „Danke," sagte Rafael und steckte mechanisch seinen Gulden ein; er stand eine Weile bei der Türe und dann wandte er sich; „gute Nacht." „Herste, Rafael, geb noch crcin en Karpfen aus der Auslag!" Rafael hob den grünlich gesulzten Karpfen, der immer am Freitag von der Familie Belft gegessen wurde, herein; eine dünne Eiskruste zog sich über die Schüssel. „Kalt is . . sagte Rafael ungewiss.: David Belft blickte einen Augenblick erstaunt auf Rafael, der so seltsam lächelte und eine veränderte Stimme hatte. ,,Z—z—z — mei Sorg!"' beschied er sich halblaut und ging daran, sich für den Schabbes zu verschönern. Der Schnee trieb in harten Flocken über den kleinen Platz, und Rafael kämpfte mit geschlossenen Augen gegen den Wind, der in der Judengassc heulte wie in einem engen Schornstein. Der Laden von Lazer Gutmann war schon geschlossen, und Rafael tappte durch den dunkeln Hausflur zur Küche. Seine Mutter stand beim Herd, versunken in die Betrachtung eines prasselnden Kasserols. „Der Vater is scho in Schul gegangen," sagte sie flüchtig, „haste's* Geld? Geb's her — oder na — legs erein in der Schachtel!" „Ja . . . ." Das Zimmer war heute von festlicher Sauberkeit; der Tisch trug, weiss gedeckt, zwei silberne Leuchter, deren Kerzen ein stilles, sanftes Licht gaben. Rafael wusch sich, zog sich um und strich die Payes zurück, dass sie in seinem dunkeln Haar verschwanden; das Geld nahm er zu sich. „Adieu, Mutter; ich geh ins Bethaus," sagte er flüchtig; er blickte auf das Zimmer zurück, ging durch die stickige Küche und schloss aufatmend die Türe hinter sich. Und er lächelte dabei .... Er schritt durch die Gasso, und nun war der Wind hinter ihm her, trieb ihn vorwärts, stiess ihn auf den Platz hinaus und pfiff dazu. In dem kleinen Bethaus war Licht und das Schneetreiben verwischte die Gestalten, die an den Fenstern standen. Rafael Gutmann ging weiter, an David Belfts geschlossenem Geschäft vorüber, und bog in die steile Tempelgasse ein. Der Hof lag still unter dem bläulichen Schnee, und die erleuchteten farbigen Fenster warfen spielenxU Lichter drüber hin; blau, grün und in roten, kupfernen Reflexen . . . Rafael blieb stehen und horchte. Konnte man nicht die Knaben singen hören . . . .? Mit einem Ruck wandte er sich ab und ging weiter, die steile Gasse hinunter und unter einem dunkel lastenden Schwibbogen durch. Da kam Moriz Belft pfeifend seines Weges aus der Stadt. „Wohin gehste? Was machste, was suchste da an Schabbes? Willst de goar eraus in der Stadt?"' Noch immer liebte es Morizl, knifflige Fragen zu stellen. Aber Rafael antwortete nicht und trat mit einem tiefen Atemzug aus dem Bogen hinaus in den hellen Lichtkreis einer Laterne. Da war die Stadt. Laut, hell, flutend und brandend wie in früherer Zeit. Mit dem Lächeln eines Träumenden schob sich Rafael durch die Monge; ganz flüchtig fiel es ihm auf, dass hier die Geschäfte licht und offen standen, obwohl es eref Schabbes war; und dann schüttelte er mit einem Auflachen den Kopf. Rafael Gutmann ging zur Oper; er hielt das Geld in seiner Tasche lest und ging mit grossen Schritten den vertrauten Weg; er blieb nicht stehen. Nur seine Augen grüssten da und dort ein Liebes, Bekanntes. Die Stadt war voll von Dingen, die lang geschlafen hatten, von Noten, Büchern, Namen, Begriffen, die Rafael Gutmann geliebt, die der armselige, schmutzige Verkäufer in Belfts Geschäft verlernt, vergessen hatte; und die nun auferstanden waren . . . Das Gedränge wurde dichter, Menschen und Wagen ballten sich, stockten und flössen in lärmender Bewegung den Eingängen der Oper zu. Das Foyer war erfüllt mit jenem feinen Duft von Seide, Parfüm und Frauenhaar, und Rafael atmete tief auf, indes er vor dem Schalter hin und her gestossen wurde. Dann hielt er seine rote Karte in der Hand und stieg wie im Traum die breiten Treppen zur Galeric hinauf, ging mit gesenktem lächelnden Gesicht auf den gewohnten Stammplatz zu. Und da war Corinna. . . . Sie stand an die Wand gelehnt, schmal, licht und