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Ost und West · 1911-02-01 · Heft 2 (Februar 1911) · p. Seite 133 - 134

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 2 (Februar 1911)
Article
Rafael Gutmann
Date
1911-02-01
Page
Seite 133 - 134 (sequence 2)
Language
German
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133 Vicki Baum: Rafael Gatmann. 134 immer wieder auf, zum Greifen nah und deutlich : Belfts Geschäftmit dein grossen Schild und dem grünlich gesulzten Zwiebclkarpfen in der Auslage. Und dabei sagte Rafael mit trockenen Lippen immer das selbevorsich hin: „Das ist ja nicht möglich, Menkis muss helfen, Menkis muss helfen . . .'' Er hatte die Dinge wehrlos an sich herankommen lassen; er hatte seit Monaten mit angespanntem Gefühl gelauscht, wie die Angst an ihm empor kroch, höher und höher, wie die Judengassc ihn zu sich zurückzog, ihn, der Corinna liebte, und fast jeden Abend in die Oper, ging, und der die Meistersinger auswendig wusste. Ilm. der ein Künstler wrar, und in David Belfts Geschäft Kommis werden sollte. Nun wrar es so weit; und der heimliche Schein einer Erleichterung lag darin, dass es so war; dass die Zeit der Angst, in der er wie gelähmt den Dingen zugesehen hatte, vorbei war. Er spürte, dass er nichts mehr tun konnte, dass die Judengassc stärker war als er, der Träumer, der Tatenlose; aber trotzdem klammerte er sich an diesen Anzweifelten und sinnlosen Satz: „Aber das ist ja nicht möglich — Menkis muss helfen . . . ." Nun war er schon auf der Stiege des Hauses, in dem Menkis wohnte; halb bewusstlos war er durch die laute, lebendige Stadt hierher gerannt. Mit einem Ruck stand er still, strich sich das Haar zurecht, und tief aufatmend klopfte er an die Tür. Menkis sass beim Fenster, als Rafael eintrat, er war nicht im mindesten verwundert; er lächelte, wandte den Kopf zur Seite und streckte die Hand aus: „Rafael? Ich hab' gewusst, dass du der Erste sein wirst . . ." „Der Erste? Wieso . . .?" Der Blinde lächelte mit gesenktem Kopf vor sich hin;dcr Schnee der Strasse warf einen hellen Schein zum Fenste r empor und über das stille Gesicht. „Du weisst noch nichts, Rafael? „Ich bin entlassen." Menkis hob mit einem Ruck den .^%ET^ - \€ % HUGO KAUFMANN: Medaille für Süditalien. Kopf; „du? Also —ist es so weit..:. ." Ein plötzliches verhaltenes Schluchzen rüttelte an Rafael; „Ja!" „Ach so, und deshalb kommst du. Ich habe geglaubt, wegen Corinna . . ."■ „Was ist mit ihr/.?" Derßlinde seine Stimme HUGO KAUFMANN": Goetheplakette. legte die Hände über die toten Augen war tief und zitternd vor Glück. „Sie — sie ist meine Braut." Rafael schwieg eine Weile und das Ticken einer kleinen Uhr stach ungeduldig in die Stille; dann wandte Menkis den Kopf nach dem Schluchzen hin, das vom Fussboden zu kommen schien: Rafael hatte sich niedergeworfen und weinte wild und zügellos. „Verzeih. Rafael . . ." sagte Menkis leise und kniete ungeschickt neben ihm nieder; „verzeih, — ich bin glücklich und du weinst . . . ." Plötzlich hob sich seine Stimme wieder und konnte ihren zitternden Jubel nicht verbergen. „Ich kann mir nicht helfen — das Glück ist zu gross — zu stark — verzeih mir . . ." Rafael erhob sich. „Ach Gott — ich bin dumm — kindisch," sagte er mühsam; „es ist nur — dass ich wieder zurück soll — in die Gasse — ins Geschäft — es ist nicht leicht . . ." „Nein, nein, Rafael, ich weiss ja, das geht nicht, ich weiss; aber es wird sich schon etwas finden lassen — natürlich muss etwas geschehen — ein Talent wie du —" Der Blinde sprach hastig und abgerissen; plötzlich hielt er Rafael die Hand hin und sagte beschämt: „Ich habe mich zu wenig darum gekümmert, wir haben die Sache kommen gesehn und nichts getan — verzeih!" Und dann ganz leise: „Ich kann ja nur eines denken: Corinna — Corinna . . ." „Ja," sagte Rafael mit seltsam, eingerosteter Stimme, die er unter _ Mühenirgendwo losreissen musste; „ja, dann muss ich Ihnen also Adieu sagen, ich werde Sie ja lang' nicht sehen, — also — adieu — und vielen Dank —" Er schaute über Menkis wreg unverwandt auf das Harmonium. I wM)k.^ ^•Frt7.-v,Y; \ <nV HUGO KAUFMANN: Goetheplakette.'

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