Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Article
- Ein bedeutender Fund althebräischer Inschriften aus der Zeit des Königs Ahab von Israel
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 115 - 116 (sequence 4)
- Language
- German
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115 Dr. A. S. Yaliuda: Ein bedeutender Fund althebräischer Inschriften usw. 116 Oel- und Weinkrügen des königlichen Palastes oder der Paläste der Grossen von Samaria. Für erstere Annahme spricht der Umstand, dass die Scherben das Jahr der Ernte nach der Regierungszeit des, Königs tragen. Für die Datierung und die Feststellung des Eigentümers der Krüge ist die Tatsache von Bedeutung, dass in nächster Nähe der Scherben eine Vase mit dem Namen des Pharao Osorkon IL gefunden wurde. Osorkon II. hat 874—853 regiert und war Zeitgenosse des Königs Ahab von Israel (zwischen 880—854 v. Chr.) Einige Namen stimmen mit bekannten biblischen Namen überein; andere neue Namen gestatten einen tiefern Einblick in die religiösen Verhältnisse unter den ersten Königen von Israel und bestätigen in charakteristischer Weise die uns aus der Bibel bekannten Anschauungen jener Zeiten. Uebcr den ganzen Umfang des Fundes sowie über die hieraus sicli ergebenden Folgerungen für die Beurteilung der ersten religions- und kulturgeschichtlichen Entwicklungsphasen im Heiligen Lande werden uns wohl sehr bald die Veröffentlichungen des Prof. Reisner selbst nähere Aufschlüsse geben. Alles in allem kann aber der gemachte Fund schon jetzt als eine sehr bedeutende Entdeckung bezeichnet werden, und es dürfte sich daher verlohnen, einen kurzen Ueberblick über die Zeit zu geben, aus der die Tonscherben stammen. Jene Zeit war eine der bewegtesten und ereignisreichsten der altisraelitischen Geschichte, und der König Ahab, der wie erwähnt, ein Zeitgenosse des Pharao Osorkon II. war, gehörte zu den unternehmendsten, tatkräftigsten und tapfersten Königen des Nordreiches. Zweimal hat er die aramäischen Heere, die „von 32 Königen" gegen Samaria geführt wurden, erfolgreich zurückgeschlagen; er hat das israelitische Reich nach Norden wesentlich ausgedehnt und den aramäischen König Benhadad gezwungen, die von seinem Vater, dem Oinri abgenommenen israelitischen Städte zurückzugeben (I. Regum 20,34). Für seine politische Klugheit und Einsicht zeugt sein Bündnis mit dem König Josafat von Juda (IL Chronik 18,1 ff. und 1. Regum 22,3 ff.). Seitdem die Trennung der zehn Stämme vom Königtum Juda vollzogen war, herrschte zwischen dem Südreich von Jerusalem und dem Nordreich von Samaria ein Bruderkrieg, der für Leide Teile von unseligen Folgen war. Ahab war nun der erste König in Israel, der eine Annäherung an das Reich Juda wünschte und auch durchführte. Er hoffte, dass ein vereinigtes Israel und Juda ein starkes Bollwerk gegen Arani und Assyrien im Norden sowohl als auch gegen Aegypten im Süden finden würde. Dieses wäre auch der Fall gewesen, hätten sich nicht nach dem schnellen Sturz seiner Dynastie die Verhältnisse zwischen Israel und Juda wieder verschärft. Aber nicht nur in politischer, sondern noch vielmehr in religionsgcschichtlichcrBezichung ist die Epoche Ahabs von grosstcr Bedeutung. Es ist nämlich die Zeit des grossen Propheten Elia, des Gotteseiferers vom Carmel, der der Bescheidenste war unter den Bescheidenen, — von unerschütterlicher Gewalt und unbeugsamem Selbstbewusstsein aber, wenn es galt, den Hochmut der Stolzen zu brechen, dem Tyrannen seine Schuld an den Kopf zu schleudern und dem König sowie seiner skrupellosen Gemahlin I sc bei von Phönizien das Wort des Höchsten zu verkünden. Er war es, der dem Götzendienste und den Baalpriestern den Krieg erklärte; der unermüdlich und unverdrossen für Recht und Gerechtigkeit eintrat und Scharen von Jüngern mit dem Glauben an den einzigen Gott begeisterte, ohne Furcht vor Isebels Rache, vor Ahabs Verfolgungen. Elia war eben der religiöse Reformer in Israel. Vor ihm traten judäische Propheten in Israel auf; Israel selbst war fast gänzlich dem Götzendienst verfallen. Elia war nun der Erste im israelitischen Königreich, der im Geiste der Propheten von Juda für den Herren der Himmel und der Erde eiferte. Mit ihm begann für die religiöse Entwicklung auch im Nordreich eine neue Epoche, in der Propheten auf Propheten folgton und Israel zum Gott der Väter wieder bekehrten. Die Zeit Ahabs und Elias liegt, so deutlich sie uns auch in der Heiligen Schrift geschildert wird, doch für uns in mancher Beziehung im Dunkel. Durch die sagenhaft gewordene Gestalt des Propheten ist auch der König für viele eine mythische Gestalt geworden. Und nun auf einmal verbreitet sich durch den neuen Fund ein ungeahntes Licht über jenes Dunkel, und die der Wirklichkeit fast entrückte Zeit wird uns so nahegerückt! Es ist nicht lange her, dass man der biblischen Geschichte überhaupt wenig Glauben schenkte, dass man selbst Erzählungen in grosser Klarheit und Nüchternheit in das Reich der Mythe bannte, und noch heute neigt mancher Gelehrte dazu, die historische Existenz der einen oder anderen biblischen Persönlichkeit zu bezweifeln. Und doch hat jeder neue Fund, der in irgendwelcher Beziehung zur Bibel steht, die Heilige Schrift nur bestätigt: Die Namen Omri, Ahab, .lehn und Hiskia sind in assyrischen Inschriften, die weit, weit vom Lande der Bibel verborgen lagen, aufgetaucht, und in einer ägyptischen Inschrift aus der Zeit der Ramsidcn hat man sogar den Namen Israel gefunden. Wieviel bedeutsamer ist es aber, wenn die biblischen Ucberlieferungen direkt durch Funde im Lande der Bibel selbst bestätigt würden. Ist nun der neue Fund schon an und für sich von vielseitiger Bedeutung, so eröffnet er uns auch noch für die Zukunft eine schöne Perspektive: Er erweckt in uns die Hoffnung auf weitere Funde im Heiligen Lande. Der Boden, der die 75 Tonscherben erhalten hat, kann noch andere, weit wichtigere Schätze in sich bergen. Die Tatsache dass in Palästina schon im neunten Jahrhundert v. Chr. Tinte und Feder beim Schreiben verwendet wurden, lässt unzweifelhaft auf ein bereits damals stark entwickeltes Schrifttum schliessen. Denn die Tonmassc kann, wie Prof. Kittel richtig bemerkt, kaum dasjenige Material gewesen sein, das zur Erfindung von Tinte und Feder gereizt hätte, sondern der Papyrus. Und schrieb man zur Zeit Ahabs und Elias Tonschcrbcn in hebräischer Sprache und Schrift, so hatte man in Israel schon längst grössere Urkunden und Bücher geschrieben.