Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1911)
- Article
- Das Judenelend in Galizien
- Date
- 1911-02-01
- Page
- Seite 105 - 106 (sequence 3)
- Language
- German
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105 IJ. Samuel: Das Judenelend in Galizien. 106 Es sei liier gleich betont: eine der schlimmsten und gefährlichsten Landplagen, unter denen die Juden in Galizien leiden, sind die Politik und die Politiker. Da die Juden eine Minorität bilden, so ist es natürlicherweise ausgeschlossen, class ihre politischen Vertreter als Sonderorganisation innerhall) der gesetzgebenden Körperschaften einen merklichen Einfluss ausüben. Sie können höchstens als Angehörige anderer Klubs innerhalb dieser, je. nach Massgabe ihrer persönlichen Tüchtigkeit und Bedeutung, die Interessen der jüdischen W ühler vertreten. Dagegen sind sie in den autonomen Gemeinden in vielen Fällen in der Majorität, und in noch mehreren bilden sie so starke Minoritäten, dass ihre Stimmen und ihr Einfluss sehr stark ins Gewicht fallen. Das wichtigste ist jedoch, dass sie in ihren eigenen Kultusgcmcindcn autonome, öffentlich-rechtliche Organisationen besitzen, die einen weiten, allerdings durchaus unpolitischen, aber dafür sozialen und kulturellen Wirkungskreis darbieten. Ausserdem verwehrt den Juden niemand, gleich anderen Leuten, wirtschaftliche Organisationen jeglicher Art zu gründen. Der natürliche Verstand empfiehlt also allen, denen das Wohl des Volkes wirklich am Herzen gelegen ist, ihre Tätigkeit auf jenen Boden zu verlegen, wo sie brauchbare Früchte bringen kann. Was sehen wir aber in Wirklichkeit? Seitdem die Juden mit dem Beginn der konstitutionellen Aera aller bürgerlichen Hechte teilhaftig geworden sind, ist eine ganze Reihe, von Strebern unter ihnen aufgetaucht, die die ganze Arbeitsfähigkeit des Volkes nach der hohen Politik hindrängten, die Leidenscharten aufwühlten, die Köpfe mit einem Nebel von Phrasen und hohlen Schlagworten füllten, eine Zeitlang am politischcir'Himmel als Sterne letzter Grösse leuchteten und dann in die Vergessenheit hinabtauchten, ohne die geringste Spur ihrer Wirksamkeit zu hinterlassen. Nicht eine Tat, nicht eine organisatorische Schöpfung, nicht eine Idee oder ein Prinzip zeugt von dem Dasein dieser Volksführer. Die Erinnerung an sie ist zerflossen, wie ein Nebelwölkchen. Sie haben nur den Ehrgeiz befriedigt, sich ein paar Jahre hindurch Abgeordnete nennen zu dürfen; und in alten, vergilbten Zeitungsblättern findet die Köchin, wenn sie vom Krämer ihre Einkäufe heimbringt, die Bruchstücke einer verschollenen Rede, die sie irgend einmal vor dem hohen Hause gehalten haben. Es ist nicht auszumessen, was für strafwürdige Vergeudung derart mit den besten Kräften des Volkes getrieben wurde. Die einzige politische Organisation der Juden in Galizien, der Verein „Schomer Israel", der zu Beginn der konstitutionellen Aera von einigen wohlmeinenden und aufrichtigen Volksfrcunden gegründet worden war und jahrelang eine segensreiche kulturelle Tätigkeit entfaltete, wurde schliesslich von den Strebern verschiedenen Kalibers missbraucht und diskreditiert, indem sie ihn als Trittbrett benutzten, um sich zu Abgeordnetenmandaten und ähnlichen „höheren" Würden emporzuschwingen. Und als sie ihr Ziel erreicht hatten, versetzten sie der Leiter, auf der sie hinan fgekrochen waren, einen Fusstritt, dass sie in Trümmer flog. Dagegen wurde jede organisatorische Arbeit im Volke völlig vernachlässigt. Es bestanden unter den Juden von altersher eine Anzahl von Verbänden sozialer und charitativor Natur, deren Ursprung weit zurückreichte, und die eine wichtige Rolle im Volksleben spielten. Diese Verbände, die tief im Volksbewusstsein verankert und von einem Schimmer der Religiösen umhaucht waren,1 bedurften, um den Aufgaben des modernen Lebens gewachsen zu sein, nur der Erfüllung mit neuem Inhalt und der Auffrischung ihrer Formen. An diesen Verbänden hätte jede "auf die Hebung des Volkswohles und des geistigen Niveaus der Massen hinzielende Tätigkeit anknüpfen müssen. Aber die sogenannte „Intelligenz", nämlich die studierten Herren und die ihnen verwandten Kreise, die mittlerweile emporgekommen waren und die Herrschaft an sich gerissen hatten, vernachlässigten nicht nur alle von der Vergangenheit überlieferten Organisationen, sondern stellten sieh zu ihnen feindlich, da sie ihnen nach veraltetem Aberglauben rochen und mit dem berühmten Zeitgeist nicht harmonierten, sie zertrümmerten sie, oder liessen sie vom Gemeinde-Bureaukratismus aufsaugen, ohne jedoch etwas Neues und Nützlicheres an deren Stelle zu setzen. Die beschriebenen Erscheinungen sind jedoch nur einzelne Aeussenmgen eines tiefgehenden Atomisierungsprozesses, der seit mehr als einem halben Jahrhundert in der jüdischen Gesellschaft vor sich geht und eine der Hauptursachen des Judenelends in Galizien ist. Seit der Erkämpfung der vollen bürgerlichen Gleichberechtigung ging unter den Juden das Losungswort, sie müssten sich durch Aneignung von „Bildung'" der neuen Menschenrechte würdig erweisen. Um die Bildung, ohne Aussicht auf Entlohnung, hatten indes ein halbes Jahrhundert vorher die Schöpfer der Wissenschaft des Judentums und der Haskalah gekämpft. Allein diese verstanden unter Bildung nicht eine oberflächliche Politur, sondern eine tiefe Synthese zwischen dem Judentum und den besten Gütern der europäischen Kultur. In der neuen Generation hatte sich, vorwiegend unter dem Einfluss der seichten liberalistischen Aufklärung, ein künstlicher Gegensatz zwischen dem Judentum, als einem eminent religiösen Gebilde, und dem sog. Zeitgeist herausgebildet, und es nistete sich allmählich die Ueberzougung ein, dass die „Bildung" in einem umgekehrten Verhältnis zum Judentum stehe, dass man nm so gebildeter, je weniger man jüdisch sei. Der Bildungsprozess wurde vorwiegend negativ. Es galt nicht mehr, sich ein hohes Mass von wirklichem Wissen und Können anzueignen, und es in seiner eigenen Persönlichkeit zum harmonischen Ausgleich mit den überkommenen Elementen des Judentums zu bringen. Es genügte, alles Jüdische abzustreifen, um „gebildet" zu sein. Und wenn einer schon gar ein Gymnasium absolviert hatte oder gar ein Doktordiplom, vorzeigen konnte, der hielt es für seine heiligste Pflicht, so fern als möglich von allem Jüdischen zu stehen, und als die grösste Schande würde er es empfunden haben, etwa gar zu den Juden in ihrem „verächtlichen", unzivilisierten Jargon zu sprechen. Der Sohn des allerärmsten Handwerkers, sobald er die öffentliche Schule betrat, und erst, wenn er sie mit einem guten Zeugnis verliess, fühlte sich erhaben über den gemeinen Pöbel, und wollte mit ihm nichts gemein haben. Aber die neuen Rechtsformen, in die die Gemeinden hineintraten, forderten gerade studierte Leute, ebr Redner und Rechtskundige waren und mit den Behörden schriftlich verkehren konnten. Schon in dem Kampf um die Emanzipation hatten Angehörigt' dieser Schicht eine rühmliche und verdienstvoll»' Rolle gespielt. Jetzt eröffnete sich vor ihnen ein weites Feld zur Befriedigung ihres Ehrgeizes. So kam bald die Verwaltung der ältesten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden in die Gewalt von Männern, die dem Judentum innerlich entfremdet