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Ost und West · 1911-02-01 · Heft 2 (Februar 1911) · p. Seite 103 - 104

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 2 (Februar 1911)
Article
Das Judenelend in Galizien
Date
1911-02-01
Page
Seite 103 - 104 (sequence 2)
Language
German
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103 B. Samuel: Das Judenelend in Galizien. 104 besitzer, ein paar Mitglieder der höheren Bureankratio — aber nicht ein einziger jüdischer Arbeiter, kein einziger jüdischer Handwerker, KJcinkaufmann oder Kleingewerbetreibende!', überhaupt kein einziger jüdischer Bewohner der Kleinstadt oder des flachen Landes! Nun befinden sich weder die Bankdirektoren noch die Grosseskompteure, weder die Grossgrundbesitzer noch die Gross industriellen oder die Universitätsprofessoren, weder die Advokaten noch die Feuilletoniston in Not und brauchen keine Abhilfe. Der Schwerpunkt der Frage liegt überhaupt nicht in den Gross- und Mittelstädten, sondern auf dem flachen Lande und in den Kleinstädten, und sie betrifft die jüdischen Kleinhändler, Handwerker, Arbeiter, Gewerbetreibenden, Gastwirte, mit einem Worte die kleinste Kleinbürgerschaft und die sozial noch unter dieser befindlichen Klassen. Aber kein einziger Repräsentant dieser Bevölkerungsschichten wurde um seine Meinung befragt. Willst du wissen, wo den müden Wanderer der Schuh drückt, so frage nur bei den Equipagenbesitzern an! Die Enquete ist heutzutage, besonders in Oesterreich, ein sehr beliebtes Auskunftsmittel, um einen Einblick in die soziale Lage verschiedener Ihwölkerimgsgruppen zu gewinnen. Wir haben in den letzten Jahrzehnten mehrere solche Enqueten gesehen, sie setzten sich vorwiegend aus den Angehörigen der betreffenden sozialen Gruppe zusammen, wozu noch solche Persönlichkeiten kamen, die sich mit deren sozialen Verhältnissen theoretisch oder praktisch andauernd berufsmässig beschäftigt hatten. Das in diesen Verhandlungen gewonnene Material bot denn auch häufig eine gesunde Basis, auf die die Gesetzgebung bauen konnte. Aber eine Enquete wie diese da, welche zur Lösung der Juden frage in Galizien einberufen wurde, bei der diejenigen Klassen, über deren Lage und Schicksal verhandelt wird, einzig und allein durch ihre vollkommene Abwesenheit repräsentiert werden, hat wohl noch nirgends in der Welt, auch in Oesterreich nicht, stattgefunden. Sie darf den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, einzig in ihrer Art dazustehen. Eine jüdische Anekdote erzählt: Einer hörte, dass sein Jugendfreund in einer fernen Stadt krank sei. Er machte sich auf, um ihn zu besuchen. Er fand eine grosse Anzahl von Doktoren versammelt, jeder hatte einen Haufen dicker, gelehrter Bücher vor sich, ganze Batterien vonMedizinfläschchenstanden da, die Doktoren blätterten eifrig in ihren Büchern, stritten sich heftig über die Krankheit und die Heilmittel, gerieten hart aneinander und lagen sich bald in den Haaren. Der Besucher lauschte einige Stunden lang und freute sich in der Seele, denn er sagte sich, dass sein Freund nichts zu fürchten habe, da so viele Aerzte so eifrig um ihn bemüht sind. „Ich möchte den Kranken sehen," bat er endlich die Versammlung. ,,Wic gehts ihm eigentlich'?'* — „Der Kranke? Der ist nicht zu Hause," ward ihm zur Antwort. .,Dcn kennen wir gar nicht. Was geht uns der Kranke an? Wir verhandeln ja hier über die Krankheit.'' In der Tat, was geht uns der Kranke an? Wir verhandeln ja nur über die Krankheit! Man kann getrost sagen, dass unter der ganzen Versammlung — ich will annehmen, dass alle die Herren von dem gleichen guten AVillen beseelt sind, den Juden zu helfen — nur zwei Persönlichkeiten da sind, die über die wirkliche Lage der in Betracht kommcndenBevölkerungsschichten einigermassen imI errichtet sind. Ich meine den Landesmarschall Grafen Stanislaw Badeni und den Gewerbeinspektor Herrn Arnulf Navratil. Graf Badeni, der seit seiner Jugend auf der Provinz in der autonomen Landesverwaltung tätig, und seit nahezu zwanzig Jahren deren Chef ist, überblickt die ökonomische Entwicklung des ganzen Landes, und notwendig auch der Juden, vortrefflich. Ueberdies ist er als Eigentümer mehrerer kleiner Städtchen und Dörfer in fortwährendem unmittelbarem Kontakt mit deren jüdischen Einwohnern gewesen und spricht sogar ihre Sprache perfekt. Der Gewerbeinspektor Navratil kennt schon von Berufs wegen wenigstens jenen Teil der Handwerks- und gewerblichen Betriebe, die ihm unterstehen. Das ist noch lange nicht die ganze ökonomische Frage der Juden Galizicns, sondern nur ein kleiner Teil von ihr. All» die anderen Herren werden beim besten Willen mir graue Theorie produzieren, aber nichts praktisch Verwendbares. Das gilt zunächst von den Herren Politikern. Wie wenig diese in den einfachsten Fragen, die das jüdische Volk betreffen, Bescheid wissen, mag folgende Tatsache beweisen. Im Frühjahr lAHI.s brachte der Wiener christlich-soziale Abgeordnete Schmidt im. Abgeordnetenhaus einen Antrag ein, der die Regierung aufforderte, Erhebungen zu pflegen, warum die Juden in den Mittelschulen Oesterreichs einen im Vergleiche zu ihrer Bevölkerungsziffer so hohen Prozentsatz bilden, und zu erwägen, ob diesem Zustand nicht durch gesetzliche Mittel ,,abzuhelfen" wäre. Der Antrag war verfassungswidrig und halle nur den einen Zweck, die Juden zu ärgern, und der Regierung zu insinuieren, im Schulwesen russische Prinzipien gelten zu lassen. Natürlich hielten alle jüdischen Abgeordneten aus Galizien — mit Ausnahme der zwei Sozialdemokraten — es für ihre Ehrenpflicht, feurige Reden gegen diesen Antrag zu halten. Man bekam da allerlei theoretische Weisheit und Beschwörungen der freiheitlichen Prinzipien und der Würde der Wissenschaft zu vernehmen. Ein Neunmahveisor forderte sogar die Regierung auf, noch mehr Mittelschulen zu eröffnen. Aul' den Kern der Sache, ist aber keiner der Herren eingegangen. Keiner von ihnen hatte sich offenbar die Mühe genommen, jemals über diese, für die jüdische Bevölkerung brennende Frage auch nur ein Weilchen nachzusinnen. Sonst wäre es ihnen ja klar geworden, dass die Juden nicht nur keinen höheren Prozentsatz der Mittelschüler bilden, sondern sogar im Besuch der Mittelschulen weit hinter jener Ziffer zurückstehen, die man erwarten müsste. Denn da für den Besuch der Mittelschulen nahezu ausschliesslich die Stadtbevölkerung in Betracht kommt, die Juden aber in Westösterreich nahezu ausschliesslich Städtebewohner sind und sogar in Galizien zwischen 21 und 72 Prozent der städtischen Bevölkerung ausmachen, so ist es für jedermann klar, dass sie mit ihren 13—11 °,, der Mittelschüler der christlichen Bevölkerung gegenüber stark im Rückstände sind. (Dass trotzdem diese Mittelschülerzahl, insbesondere in Galizien, sowohl Ursache als Folge wirtschaftlicher Missstände ist und ein grosses Lehel bedeutet, soll in anderem Zusammenhange dargetan werden.) Es ist aber keinem unserer Berufspolitiker eingefallen, diese einfache Tatsache hervorzuheben, mit der der Gegner hätte sogleich ad absurdum geführt werden können. Die Herren wussten das einfach nicht. Und erst ein Jahr zuvor, während der Wahlen, hatten sie das Land durchstreift, feurige Reden auf die Häupter der Wähler herabregnen lassen, ihnen goldene Berge versprochen, und ihnen nachgewiesen, dass das ganze Heil des Volkes von ihrer Wahl abhänge.

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