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Ost und West · 1911-02-01 · Heft 2 (Februar 1911) · p. Seite 107 - 108

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 2 (Februar 1911)
Article
Das Judenelend in Galizien
Date
1911-02-01
Page
Seite 107 - 108 (sequence 4)
Language
German
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107 B. Samuel: Das Judenelend in Galizien. 108 waren. Leute, die vom LcJirinhalt des Judentums keine blasse Ahnung hatten und häufig nicht einmal in der Bibel lesen konnten, hatten über die Rabbiner zu befehlen und spielten sich oft als Reformatoren auf. Wer das Volk führen will, muss im Volke wurzeln, im tiefsten Innern mit ihm verwandt sein und zugleich über das Volk hinausragen. Diese Schicht hatte alle innigeren .Bande zwischen, sich .und den Massen gelöst, sie konnte sie nicht führen. Auf die wachsende Entjudung der Intelligenz antwortete das Volk, indem es sich um so hartnäckiger an alles Hergebrachte klammerte und in einen bildungsfeindlichen Fanatismiis hineinbohrte. Die Entfernung zwischen der Oberschicht . und den breiten Massen wuchs immer mehr, die trennende Kluft vertiefte und-erweiterte sich stetig. Dazu kamen noch die natürlichen wirtschaftlichen Gegensätze, und so blieb das Volk in allen folgenden schweren Uehergängen und sozialökonomischen Wandlungen führerlos, dem eigenen Schicksal überlassen. Eine einzige Tatsache wird diesen Prozess grell beleuchten. Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gab es unter den galizischen Juden absolut keinen, der nicht lesen, und nur sehr wenige, die nicht auch schreiben konnten. Kein europäisches Volk konnte sich um jene Zeit eines solchen Zustandes rühmen, der ohne äusseren Zwang, von Innen heraus, tausend Hindernissen zum Trotz, dank einer Jahrhunderte langen intensiven Kulturarbeit erreicht worden war. Freilich, was sie lesen und schreiben konnten, war nur Hebräisch und Jüdisch, letzteres namentlich konnte ohne Ausnahme jedermann. Was wäre das für ein mächtiger Kulturhebel in der Hand wahrer 'Yolksfreuride gewesen! Wie bequem hätte man dein Volke Aufklärung, gesunde Ideen, Wissen um die W7elt, die Natur, das soziale Leben und den Gang der ökonomischen Entwicklung zuführen können! Die jüdische Intelligenz Hess dieses unvergleichliche Instrument ungenützt. Bis auf die neueste Zeit des Zionismus hat die jüdische Intelligenz nie eine Zeitung oder ein Buch erscheinen lassen, um zum Volke zu sprechen! Das ist unglaublich, aber wahr! Für sich selber, um ihre eigenen Interessen zu vertreten, gab sie wohl in deutscher und in polnischer Sprache ein Blättchen heraus. Um das Denken und Fühlen der grossen Masse ihres Volkes, denen diese Organe unzugänglich waren, kümmerte sie sich in erstaunlichem Klassenegoismus und unbegreiflicher Engherzigkeit nicht im geringsten. Mochten sie treiben, fühlen, denken, leiden, was sie wollten, was kümmerte das „uns''? „Wir" wandelten auf den Höhen der Bildung und waren geborgen. Wie ein fremder Stamm, nicht wie Volksgenossen, standen sie den jüdischen Massen gegenüber, die dieser dünnen Oberschicht das tiefste Misstrauen entgegenbrachten, deren Herrschaft sie widerwillig und gezwungen ertrug. Und oben in den Höhen kümmerte man sich nicht um den Pöbel", der im Dunkeln wandelte und immer tiefer der ökonomischen Hilflosigkeit verfiel. Man stieg nur herab, wenn es galt, sich um ein Abgeordnetenmandat zu bewerben, oder um ähnliche Würden. Da erwachte das „jüdische Herz", schlummerte aber gleich wieder ein, sobald das Ziel erreicht war. Was wir jetzt erleben, ist die grellste Illustration dieses Zersetzungsprozesses. Seit mehr als zwanzig Jahren steht die Ablösung der Propination auf der Tagesordnung. Man wusste schon damals, dass die Tausende jüdischer Schankwirte einen anderen.Erwerb werden suchen. müssen. Seit mehr als . fünf Jahren ist das Gesetz durchgeführt, welches der Landesregierung das alleinige Recht überträgt, Konzessionen zu erteilen, und jeder Erwachsene musste wissen, dass den jüdischen Wirten in den Dorfgemeinden und den Genossenschaften sowie in christlichen Privatbewerbern. so viele und mächtige Konkurrenten entstehen werden, dass ein grosser Teil der alten Schankwirte leer ausgehen wird müssen. Aber unter allen unseren Politikern, Parlamentariern, Führern, Staatsmännern und Vorkämpfern fand sich all die 20 Jahre lang keiner, der die Bedrohten auf die Gefahr aufmerksam gemacht, sie gewarnt, eine Organisation zu ihrem Schutz ins Leben gerufen oder eine Aktion eingeleitet hätte, um dem Uebcl zu begegnen, und dessen Folgen wenigstens zu mildern. Wie viele Wahlprogramrne, wie viele Kandidatenreden und politische Stürme haben wir indessen über uns ergehen lassen müssen, die die Tiefen der Volksseele leidenschaftlich aufpeitschten! Wie viele 'Volksbeglücker sind inzwischen aufgetaucht und haben sich eine Ansichtspostkarten - Unsterblichkeit gesichert! Aber man wartete bis in die zwölfte Stunde hinein, um jetzt erst Massenbetteldeputationen zu veranstalten, um vom Staate Gnade oder von draussen Hilfe zu erflehen! Zeigt diese Tatsache nicht am klarsten, wie wenig die führende Intelligenz sich seit Jahrzehnten um das Schicksal des Volkes gekümmert hat? Wenn man es nicht miterlebt hätte, man müsste es für eine Uebcrtreibnng, für eine Verleumdung halten. Lind mittlerweile ging die Welt ihren Weg. In der christlichen Gesellschaft hat eine Entwicklung gerade in entgegengesetzter Richtung stattgefunden. Das niedere Volk fand in der aus seiner Mitte hervorgegangenen Intelligenz, in der Geistlichkeit und dem Lehrerstande kräftige, hingebungsvolle Führer und Organisatoren. Hier waren Bildung und Religion nicht trennende, sondern einigende Elemente und überbrückten sogar die scharfen Klassengegensätze. Zeitweise entstand sogar eine literarische Demomanie, welche das Volk verklärte und idealisierte, aber bei dieser romantischen Schwärmerei blieb es nicht. Es entstanden mächtige Organisationen, die den Bauernstand zu lieben, die Landwirtschaft zu verbessern und Aufklärung über die sozialen und wirtschaftlichen Fragen zu verbreiten sich bemühten, aber auch bestrebt waren, dem Nachwuchs neue Erwerbsquellen zu eröffnen. So kam es, dass die Juden in Galizien sich unmerklich aber unentrinnbar der christlichen Bevölkerung gegenüber in einer wirtschaftlich nachteiligen Lage befanden. Auf der einen Seite energische, zielbewusste Fürsorge, auf der anderen Teilnahmlosigkeit und Verwahrlosimg. Es ist begreiflich, dass man den Faktoren, die bisher so wenig ihre Pflicht getan, auch jetzt kein Vertrauen entgegenbringen kann. Und darum ist die Hoffnung auf die soeben abgehaltene Enquete gleich Null. (Ein zweiter Artikel folgt.)

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