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Ost und West · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 69 - 70

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Article
Die Alliance-Expedition nach dem Yemen
Date
1911-01-01
Page
Seite 69 - 70 (sequence 3)
Language
German
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69 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Alliance-Expedition nach dem Yemen. 70 18. Februar. Das Lager ist sehr hässlich. Es besteht aus drei dicken Steinmauern und hat als Dach nur eine Matte aus Palmblättern. Von einem im Winkel liegenden Häufchen alter Lumpen hört man einen Husten, der einem das Herz zerreisst; eine alte kranke Frau ist dort gebettet, ihre Tochter pflegt sie und leidet an demselben trocknen Husten. Ich würde gern fortgehen, dies ist aber die einzige „Gastwirtschaft" des Dorfes. Ich bleibe an der Eingangseite und versuche, mich für alles zu interessieren, was draussen vorgeht. Heute ist Markttag. Aus den Dörfern der Umgegend ist eine bunte Menge zusammengekommen, um ihre Feldfrüchte zu verkaufen und andere Bedarfsartikel einzuhandeln. Dieses Kaufgeschäft findet in einer Art öf fentlicher Versteigerung unter Geschrei und betäubendem Lärm statt. Die im Yemen geltende Münze ist der Maria- Theresia-Taler, der 2 Francs 35 Centimes wert ist. Der Bauer weist oft als Arbeitslohn einen Medschidje (4 Francs 20 Centimes) zurück, weil er dieses Geldstück nicht kennt, und nimmt lieber einen Taler. Das Erstaunlichste aber ist, dass die Einfuhr dieser Münze absolut verboten ist, so dass sie eingeschmuggelt werden muss, dass aber trotzdem die Staatskassen lieber Taler annehmen als Medschidjehs. Viele Juden kommen sehr geschäftig vorüber; sie begriissen mich und plaudern eine Minute mit mir, dann gehen sie wieder üiren Geschäften nach. Sie sind weit hergekommen, um Kupferschmiede- und Lederwaren zu verkaufen. Sie wollen ihr Geschäft schnell beenden und abreisen, denn morgen ist der Rüsttag des Sabbats, da müssen sie zeitig wieder in ilirem Heimatdorf sein; Auch wir wollen uns bald auf den Weg machen, wir wollen heute nachmittag noch einen Teil der morgigen Etappe erledigen, damit wir zwei Tage, den Freitag und den Samstag, für den^Aufenthalt in Menaha behalten. Unsre neue Eskorte ist noch nicht erschienen, wir werden unterwegs mit üir zusammentreffen. Hier beginnt das Land der „Seidis", das sind zur Schiitensekte gehörende Araber. Wir bemerken einige dieser Eingeborenen: sie haben schwarze. Augen, langes, glänzendes, schwarzes Haar, das mit geschmolzener Butter eingeschmiert wird, ein Stück weisse Leinwand um die Hüften und je ein Stück blaues Leinen um Schulter und Kopf geschlungen. Im Gürtel tragen sie das furchtbare Dolchmesser „Dschabieh" und in der Hand die Flintf Sie Yemenitische Juden. Drei Xotable aas Sanaa. Yemenitische Juden. Ein Vater mit seinen Kindern. bücken uns argwöhnisch an und wir fühlen, dass wir in feindliches Gebiet gekommen sind. Der kleine Esel des Hausierers will auf die bestellten Felder laufen, und Haim schlägt ihn 'mit beiden Händen, um ihn wieder in unseren Zug zurückzubringen. Ich frage ihn, warum er das arme Tier so nüsshandelt. „Ach, Rabbi," antwortet er, „die Leute hier sind schlecht. Wenn sie merken, dass der Esel mein Eigentum ist, werden sie Streit mit mir anfangen und mich vielleicht totschlagen." Der Jude ist hierzulande das Lasttier, auf das man bei jeder Gelegenheit losschlägt, ohne jede Veranlassung, nur zur Beruhigung der Nerven oder um den Zorn zu stillen. Eben holen uns unsre beiden Saptiehs ein; es sind zwei Seidis, und sie haben tüchtig laufen müssen, da sie nicht beritten waren. „Wer ist schuld daran, Effendi," sagt einer von ihnen zu mir, „dass wir hier allein auf den unsicheren Wegen haben laufen müssen?" Plötzlich bemerkt er Haim auf seinem Esel und schreit: „Das bist sicher du gewesen, Jehudi, ich weiss nicht, wras mich hindern soll, dir meinen Dolch ins Herz zu stossen!" Der schreckensbleiche Haim steigt vom Esel. Ich beruhige den wütenden Araber und der Führer erklärt ihm, wer ich bin. Darüber wird der Mann ganz nachdenklich. Wie,, dieser Effendi ist Jude, und er soll ihn beschützen, er? In seinem Herzen beginnt ein Kampf; dann kommt er ganz liebenswürdig zu mir, hilft meinem Diener die Blumen pflücken, die ich verlangt hatte, und versucht, sich einen guten Bakschisch zu sichern. Der Lauf des Stromes führt uns wieder auf einen zirkusartigen Platz, der rundum von Bergabhängen eingeschlossen ist. Auf dem Gipfel der fast unersteigbaren Höhen stehen sehr hohe Steinhäusclien, che mit einer Unzahl kleiner Oeffnungen versehen sind, sie seilen aus wie Festungsforts mit ihren Schiesslöchern. Das sind die Wohnstätten dieser kriegerischen Bauern, die zu wiederholten Malen türkische Armeen in diesen tiefen Schluchten vernichtet haben. Durch eine Art von Tunnel verlassen wir diesen Zirkus und folgen weiter dem vertrockneten Strombett. Das Lager, das wir erreichen wollen, liegt auf dem Gipfel des Berges. Der wütende Saptieh macht mir den Vorschlag, direkt hinauf-

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