Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 63 - 64

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Article
Die Unruhen in Schiras
Date
1911-01-01
Page
Seite 63 - 64 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2584006-2584008-2602403--11368-2602477
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

03 Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Unruhen in Schiras. 64 herzustellen. In Schiras und im ganzen Lande gibt es unter den reichen und vornehmen Herren zwei Parteien, von denen eine den Saulat-ed-Dowlet, die andere die Brüder Kawam. unterstützt. In Teheran sind die letzteren mehr beliebt. Seit zwei Monaten ist einer von ihnen, Kawam-el-Molk, zum provisorischen Gouverneur der Provinz ernannt worden, während der zweite, Nasr-ed-DowJet, Militärgouverneur von Schiras geworden ist. Diese von der Regierung seinen Feinden erwiesene Gunstbezeigung hat natürlich den Aerger des Häuptlings der Kaschga'is auf die Spitze getrieben. Er fahndet nun auf jede Gelegenheit, der Regierung Schwieligkeiten zu bereiten, ihr Ansehen zu mindern und ihr Unvermögen zur Verwaltung Persions darzutun. Er geht mit um so grösserer Kühnheit und Dreistigkeit vor, als er ganz genau weiss, dass die Central-Regierung aus Mangel an Soldaten und Geldmitteln nichts gegen ihn unternehmen kann. Dem Herkommen gemäss kommt Saulat-ed- Dowlet zweimal jährlich, im Frühjahr und im Herbst, nach Schiras. Vorgestern ist er mit dem grössten Teil seiner Leute, mit seinem Gefolge und seinem Zeltlager angelangt und hat sich zehn Kilometer von Schiras niedergelassen. Die Brüder Kawam ziehen aus diesem Zusammentreffen Nutzen und werfen die Verantwortlichkeit für die gestrigen Geschehnisse auf Saulat-ed-Dowlet. Sie behaupten, dass er es war, der mit Hilfe seiner Parteigänger und seiner in der Stadt verstreuten offiziellen und geheimen Agenten das Märchen von dem verlaufenen und ermordeten Mohammedanischen Mädchen erfunden und verbreitet hat, um die Bevölkerung aufzuwiegeln und das Judenviertel überfallen zu lassen, alles zu dem Zweck, den Brüdern Kawam, den Oberhäuptern der Stadt, Ungelegenheiten zu bereiten. Sie behaupten ferner, dass die in der Stadt anwesenden Kaschga'is die Soldaten zuei'st zur Plünderung aufgehetzt und danach sich selbst daran beteiligt haben, um zuletzt den grössten Teil der den Juden geraubten Schätze in ihre Zelte zu entführen. Saulat-ed-Dowlet spricht seinerseits wieder die Ueberzeugung aus, dass die Plünderung unter der Hand von den Brüdern Kawam arrangiert worden ist, um bei der Regierung in Teheran den Eindruck hervorzurufen, als genüge die blosse Anwesenheit des Oberhauptes der Kaschga'is in der Nähe der Stadt, um die schlimmste Unordnung herbeizuführen. Es ist jedenfalls zweifellos, dass die gestrige teuflische M achenschaft von einer der beiden politischen Parteien organisiert worden ist, um der anderen zu schaden, und dass als Folge dieser politischen Nebenbuhlerschaft heute 6000 Menschen sich im grössten Elend befinden. H i 1 f s o r g a n i s a t i o n. Am frühen Morgen bin ich heute im Judenviertel gewesen. Wie soll ich das schreckliche Elend, die fürchterliche Verwüstung beschreiben, die sich meinen Augen darbot! Die Strassen, die vor 48 Stunden das Bild lebhaftester Bewegung und intensivsten Lebens gezeigt, machen heute den schmerzlichen Eindruck einer von Trauer bedrückten Stadt, eines von furchtbarem Naturereignis heimgesuchten Ortes, eines Tränen- und Seufzertales. Männer und Frauen, Kinder und Greise wälzen sich im Staub, schlagen sich an Kopf und Brust und schreien nach Gerechtigkeit. Andere scheinen von dem schweren Schicksalsschlag wie betäubt und können sich, wie nach einem schweren Traum, keineVorstcllung von dem Geschehenen machen. Was anfangen? Womit und mit wem sich zuerst beschäftigen? Mit den Toten, die zwischen den Trümmern liegen und für die es nicht einmal Leichentücher gibt, denn die Juden allein hatten den Vertrieb für die dazu verwendete Leinwand; mit den Verwundeten, die auf der nackten Erde stöhnen und trotz des warmen Wetters im Wundfieber zittern; oder mit den 6000 übrigen, die zwar leben und gesund, aber bedauernswerter als die Toten sind und sich mit herzzerreissender Verzweiflung fragen, was sie noch auf dieser Welt zu tun haben, nachdem sie aller Existenzmittel beraubt und ihres ganzen Besitzes verlustig gegangen sind. Der Schmerz dieser Hundertc von Familienvätern ist herzzerrcissend, die vorgestern noch in glücklichem Wohlstand für ihre Familien sorgen konnten und nun entweder betteln gehen oder verhungern müssen. Der europäische Arzt der indisch-europäischen Telegraphenlinie, Dr. Kelly, ist auf mein Ersuchen mit seinen Assistenten und mit dem englischen Marineleutnant Lang, dessen hingebenden Beistand ich besonders rühmen muss, in das JudenAuertel gekommen, um die Verwundeten zu verbinden. Wir mussten für diese Unglücklichen auch ein paar Decken, Wäsche, einige notwendige Geräte, etwas Milch usw.verschaffen. Unter den Verwundeten befindet sich ein erst vorgestern verheiratetes junges Ehepaar. Dieselbe Kugel hat, wie mir erzählt wurde, alle beide in dem Augenblick getroffen, als sie ein paar Sachen zusammenraffen wollten, um zu entfliehen. Brave Mohammedaner haben sie in ihr Haus gebracht, wo der Arzt sie jetzt behandelt. Sie liegen nebeneinander, von ihren verzweifelten Angehörigen umgeben, scheinen aber nicht recht zu wissen, was mit ihnen vorgegangen ist. Die arme junge Frau ist noch hochzeitlich geschmückt, Hände und Füsse sind noch frisch mit Henna bemalt. Der Arzt hofft beide zu retten. Ich habe angeordnet, dass die Toten sofort bestattet werden, und dass man ihnen statt der leinenen Leichentücher solche von Baumwollenstoff gibt. Man hat den Totengräbern neues Werkzeug kaufen müssen, weil auch dieses von den Plünderern weggeschleppt worden war. Danach musstc für die ersten Bedürfnisse der 6000 Hungrigen gesorgt werden. Kawam-el-Molk hat mir einen Bon für 2000 Kilo Brot geschickt, ein reicher Muselmann 1000 Kilo, der Mirza Ibrahim 4000, der Imam Dschumba 400, Nasr-ed-Dowlet 1500 Kilo. Ein paar mohammedanische Generale haben selbst Brot, Trauben und Gold verteilt. Es ist unnötig, Ihnen von meinen wiederholten Besuchen bei Kawam-el-Molk und Nasr-ed-Dowlet zu erzählen. Diese hohen Beamten haben mir in aller Form versprochen, den Räubern wieder abzunehmen, was sie gestohlen haben. Man weiss aber, was von solchen Versprechungen zu halten ist. Die Brüder Kawam haben ja im Grunde vielleicht clen Wunsch, etwas zu tun. Aber erstens verfügen sie nicht über die dazu erforderlichen Geld- und Machtmittel, um den Israeliten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, und dann haben sie grosse Furcht für. sich selbst. Sie leben in Schiras, haben ihre Grundstücke .und den grössten Teil ihrer Reichtümer in dieser Stadt und befürchten einen neuen Aufstand, wenn sie zu energisch für die Juden eintreten. Andererseits haben sie bei der Regierung in Teheran die Ermächtigung nächgesucht, den Verhältnissen entsprechend vorzugehen und in Schiras das Kriegsrecht zu proklamieren. Wie man mir mitgeteilt hat, ist heute ein Teil

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.