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Ost und West · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 61 - 62

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Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Article
Die Unruhen in Schiras
Date
1911-01-01
Page
Seite 61 - 62 (sequence 2)
Language
German
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Gl Mitteilungen der Alliance Israelite Universelle: Die Unruhen in Schiras 62 zu Mirza Ibrahim und zum Militärgouverneur der Stadt, Nasr-ed-Dowlct, zu gehen, damit eiligst die nötigen Massregeln ergriffen würden, um die judenfeindlichen Gerüchte zu ersticken. Die Schule liegt an einem der Stadttore und in der Nähe des grossen Karawanserails, das jetzt als Soldatenkaserne dient. Der Palast des Gouverneurs ist_,* ungefähr zweihundert Schritt davon entfernt; Ganz nahe an der Schule traf einer meiner Mirzas den Militärgouverneur Nasr-ed-Dowlet und übermittelte ihm meine Botschaft. Nasr-ed-Dowlet antwortete ihm, er wäre eben selbst gekommen, um seine Mannschaften zusammenzurufen und nach dem Judenviertel zu dirigieren, um die Menschenmenge von einem Einfall in den Mehalla zurückzuhalten. Wirklich wurden 300 Soldaten in der Richtung des Judenviertels abgeschickt, und ich glaubte, mich über das Schicksal meiner Glaubensgenossen beruhigen zu dürfen. Bald aber konnte man in der Schule, wo ich mich eben befand, das Geheul und Geschrei der Menge hören, die sich vor dem Palast des Gouverneurs immer zahlreicher ansammelte, den angeblichen Leichnam des mohammedanischen Mädchens mit sich führte, und die Juden beschuldigte, den Mord begangen zu haben. (Später "ist bewiesen worden, dass der ganz unkenntliche Leichnam der eines kleinen jüdischen Knaben gewesen ist, der vor acht Tagen begraben worden und nun zum Zweck der Judenhetze ausgegraben worden war.) Nachdem der Interimsgouverneur Kawam-el-Molk seinen Reitern den Befehl gegeben hatte, die Menge zu zerstreuen, stürmten diese Besessenen auf das Judenviertel los, wo sie zugleich mit den von Nasred-Dowlet geschickten Soldaten ankamen. Aber diese, als ob sie gerade dazu den Befehl erhalten hätten, waren die ersten, die sich auf die jüdischen Häuser stürzten und so das Signal zur Plünderung gaben. Sechs bis sieben Stunden währte nun das Werk der Zerstörung und Plünderung, das keine Feder je zu beschreiben vermöchte. Unsere armen Glaubensgenossen hatten sofort die ihnen drohende Gefahr begriffen, retteten, wie es in solchen Fällen bei ihnen üblich ist, ihre Wertsachen in unterirdische Verstecke und warfen sogar Gegenstände, die vom Wasser nicht verdorben werden, in die auf jedem Hofe befindlichen Brunnen. Aber diese Vorsichtsmassregeln waren überflüssig. Die verborgensten und geheimsten Verstecke wurden ausfindig gemacht. Die Plünderer tauchten in die Brunnen, um die darin versenkten Gegenstände herauszuholen. Von den 260 Häusern des Judonviertels ist nicht ein einziges von dem Besuch der Räuber verschont worden. Soldaten, Lutis, Seyeds, Frauen und Kinder, die ganze Hefe der Bevölkerung, waren nicht etwa von religiösem Fanatismus getrieben, sondern nur von einem wütenden Zerstörungsdrang und von dem Wunsch, sich den Besitz der Juden anzueignen; sie wüteten in der fürchterlichsten, unglaublichsten, wildesten Gier. Hundert Männer aus dem Stamm der Kaschgais waren zufällig in der Stadt, um Vieh zu verkaufen, und schlössen sich den Eindringlingen an, um ebenfalls ihren Anteil an dem Teufelswerk zu haben. Auf der Strasse bildeten die Diebe eine Kette. Man reichte sich die Teppiche, Stoffballen, mit Waren gefüllte Säcke, Felle, Opium, getrocknete Früchte, zu, ebenso mit W'ein oder Branntwein gefüllte Gefässe, Kassetten mit Wertgegenständen, allerlei Mausrat. Was wegen seines Gewichts oder Umfangs nicht gut transportiert werden konnte, wurde in übermütigem Vandalismus zerschlagen, zerbrochen, zerstört. Türen und Fenster wurden aus ihren Rahmen gerissen und fortgetragen oder in Stücke zerhauen. Man riss buchstäblich die Fussböden der Zimmer und Keller auf, um nach verborgenen Schätzen zu spähen. Die Wahnwitzigen begnügten sich aber nicht damit, unseren armen Glaubensgenossen all ihren Besitz zu rauben. Vom Betreten des Judenviertels an verübten sie an ihnen alle erdenklichen Grausamkeiten. Die erschreckten Juden flohen nach allen Richtungen: in befreundete mohammedanische Häuser, in das englische Konsulat, auf die Terrassen, ja selbst in die Moscheen. Die wenigen, die in ihren Häusern blieben, um ihr Hab und Gut zu verteidigen, wurden niedergemacht oder schwer verwundet. Zwölf unserer Brüder haben im Handgemenge den Tod gefunden, fünfzehn wurden durch Messerstiche, Revolver- oder Flintenkugeln so schwer verletzt, dass ihr Zustand ernste Besorgnisse hervorruft. Vierzig Personen sind mit leichteren Verwundungen davongekommen. Einer Frau, deren goldene Ohrringe die Gier eines Soldaten gereizt hatten, und die sie nicht schnell genug aus den Ohren lösen konnte, wurde von dem unmenschlichen Räuber das Ohrläppchen mit dem Schmuckstück ausgerissen. Eine andere Frau trug an einer Schnur eine kleine silberne Kapsel am Hals, die einige Amulette enthielt. Ein Luti wollte die Kapsel abreissen, weil die Seidenschnur aber nicht schnell genug nachgab, schnitt er sie mit dem Messer durch und brachte dabei der armen Jüdin eine tiefe Fleischwunde bei. Aehnliche Szenen, von denen ich vorläufig noch nichts weiss, haben sich sicher vielfach zugetragen. Das Ergebnis des gestrigen Tages stellt sich folgendermassen dar: 12 Personen tot; 50 mehr oder weniger schwer verletzt; die 5000—6000 Mitglieder der jüdischen Gemeinde von Schiras besitzen in der Welt nichts mehr als die paar" Lumpen, die sie beim Ueberfall ihres Viertels zufällig auf dem Leibe trugen. Was bei diesem Ereignis auffällt und seltsam berührt, ist die Untätigkeit der Ortsbehörden. Sie scheinen nur eins getan, nämlich, den Soldaten befohlen oder gestattet zu haben, mit der Bevölkerung gemeinschaftliche Sache zu machen und das Judenviertel zu berauben und seine Bewohner zu misshandeln. Und das geschah trotz meiner dringenden Bitten, berittene Kosaken zu schicken, um der begonnenen Plünderung Einhalt zu tun, und trotz der energischen Vorstellungen des englischen Konsuls Mr. Smart beim. Interimsgouverneur Kawam. Eine Tatsache steht fest: die furchtbaren Ereignisse im Judenviertel sind weit weniger dem religiösen Fanatismus der Mollahs und der Bevölkerung von Schiras zuzuschreiben, als politischen Motiven. Sie wissen wohl, dass der Hauptgrund, oder eigentlich der einzige Grund für den seit zwei Jahren im Fars herrschenden anarchischen Zastand in der ernsten Rivalität zwischen den Stämmen der Kaschgais und ihres mächtigen Oberhauptes Saulat-ed-Dowkeh einerseits, und den arabischen Stämmen und ihren Führern, den Brüdern Kawam, andererseits zu suchen ist. Die Kaschgais überfallen die Karawanen, plündern die Dörfer aus, berauben die Post und werfen alle Schuld auf die Araber. Diese begehen dieselben Untaten und beschuldigen wieder die Kaschgais. Infolge dieser Rivalität hat sich seit 30 Monaten kein einziger Generalgouverneur an der Spitze des Fars halten können, um hier die Ordnung wieder-

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